»Schweben wie eine Feder«
Am Ende ihrer politischen Karriere hat sie sorgenvoll in ihre Zukunft geblickt. Der Terminkalender leerte sich, der Chauffeur entschwand, die TV-Kameras schalteten ab. Eine tiefe Krise bahnte sich an: »Ich werde depressiv, wenn mich auf fünf Schritten keiner erkennt«, sagte sie verzagt, und es erhob sich die bange Frage: »Und was soll jetzt aus mir werden?« Die Antwort liest man nun in der schadenfrohen Boulevardpresse - aus Heide Simonis, 62, bis 2005 Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin, ist eine tragikomische »Hoppel-Heide« geworden.
So wird die verdiente Sozialdemokratin verulkt, seit sie im Showbusiness, in der RTL-Show »Let's Dance«, zu neuen Ufern strebt und mit sieben Konkurrenz-Paaren an einem Tanzturnier mitwirkt, unter den Augen einer strengen Fachjury und der TV-Zuschauer, die in letzter Instanz entscheiden, welches Duo eine Runde weiterkommt.
Und es beginnt ja, Anfang April, hoffnungsvoll für die Polit-Rentnerin. Noch hat sie große »Lust, dem Publikum eine andere Seite von mir zu zeigen«. Tanzen, sagt sie wohlgemut, »passt zur privaten Heide, ich bin ein unterhaltsamer Mensch«. Zwar sieht sie durchaus die Gefahr, als »Mehlsäckchen über die Tanzfläche geschleppt zu werden«, aber die Aussicht, »durch die Show wieder in der Öffentlichkeit zu stehen«, fegt alle Bedenken beiseite. Schließlich sollte von der Gage auch ein Scherflein für das Unicef-Kinderhilfswerk bleiben, für das Simonis ehrenamtlich tätig ist.
Überdies passte der televisionäre Dance- floor ja präzise ins Modern Living. Der Gesellschaftstanz - vor allem Walzer, Tango, Rumba - ist wieder groß in Mode. Ein neues, verjüngtes Publikum erobert das Parkett, animiert wohl auch durch den großen Erfolg des Kultmusicals »Dirty Dancing« in Hamburg. »Tanzen erlebt eine glamouröse Renaissance«, jubelt die Presse. Bislang als staubkonservativ geschmähte Tanzlehrer jubeln: »Es sind vor allem gesellschaftliche Aspekte wie Geselligkeit, die Bildung von Freundschaften und der Spaß an der Bewegung, die immer mehr aufs Tanzparkett ziehen.« Auch »Let's Dance«-Moderator Hape Kerkeling glaubt fest an die soziale Wohltat eines gepflegten Tanzbeins. Bei Foxtrott und Quickstep empfänden die Paare, dass sie es »gemeinsam auf die Reihe bekommen und gemeinsam den Rhythmus finden. Das ist doch eine positive Botschaft«.
Für die Harmonie im Schritt hatte auch die Elevin Simonis emsig trainiert: »Bis zum Schweben wie eine Feder«, sagt sie bübisch, »wird alles geübt.« Für »erotische Hüftarbeit«, verrät ihr Tanzpartner Hendrik Höfken, »lasse ich Heide vor dem Spiegel üben, immer wieder mit dem Becken eine 8 beschreiben«.
Doch trotz strammer Arbeit am kreisenden Becken läuft die Show gar nicht rund. Und Simonis-Darbietungen werden rasch zum Tanz auf dem Vulkan der öffentlichen Schadenfreude. Jedes Mal wenn sich die erhitzte Tänzerin aus den Armen ihres Partners löst, brechen geballte Ladungen Hohn und Spott über die betagte Tanzmaus herein. Entnervt ringen die Kampfrichter die Hände - »hölzern«, »platschfüßig«, »null Erotik«, »kein Taktgefühl«. Im TV-Publikum kommen gleichermaßen Mitleid und Unmut auf über den immobilen Unterleib der Kandidatin. »Oberpeinlich, wie sich Heide Simonis übers Parkett schleifen lässt«, schimpfen viele Zuschauer. »Frau Simonis schwebt über das Parkett wie ein gerammter Gurkenlaster.« Die Presse rügt den Abstieg »in den Abgrund der Lächerlichkeit«. Sogar Moderator Kerkeling, der die Veitstänze seiner Primaballerina durchaus mitfühlend betrachtet, macht sich über die Kandidatin lustig: »Ein tolles Duell, auf das Sie sich freuen können: Heide Simonis gegen den Langsamen Walzer.«
Stetig wächst die Zahl der Parkettfreunde, die mit dem Kampfruf »Frau Simonis, hören Sie auf!« ein Ende der Faux-Pas-Show verlangen. Eine Forderung, der sich in Kiel auch der Simonis-Gatte nicht verschließen kann.
Stolz und optimistisch hatte Professor Udo Simonis zunächst Frau Heides tänzerische Leibesübungen beobachtet und in der ehelichen Wohnung klaglos die voluminöse Porzellan- und Hutsammlung seiner flohmarktverliebten Gattin gehütet. »Am meisten überrascht hat mich, wie schön man meine Frau herrichtet«, schwärmte der Gelehrte. Aber Schritt für Schritt versinkt auch der treue Gatte in Schwermut und wünscht inständig, »dass sie rausfliegt«. Eine Bitte, die Frau Simonis vor der sechsten Sendung erfüllt und die Party mit einen gnädigen Kreislaufkollaps verlässt.
Der Zeremonienmeister Kerkeling und sein RTL-Sender haben es pflichtgemäß bedauert. »Let's Dance« bescherte den Kölnern glänzende Quoten. Bis zu acht Millionen Zuschauer genossen oder verfluchten die Tanzeinlagen der einstigen Landesmutter. 34 Prozent des TV-Publikums immerhin, so eine Umfrage, fanden ihren Mut und Durchhaltewillen sehr ehrenwert.
Und so wird die hüftsteife Heide in manchen deutschen Haushalten doch noch zu Deutschlands heimlicher Dancing Queen gekürt. PETER STOLLE