Mafia Schweigen oder sterben
Auf der Straße vor dem Wünsdorfer Sowjethauptquartier war die Bahnschranke geschlossen. Wolodja, ein junger Russe in Zivil, der in der Militäranlage nahe Berlin immer noch mal alte Kumpel besucht, wartete auf den Zug. Da stoppte neben ihm ein blauer Lada, und eine vertraute Stimme fragte Wolodja, ob er Lust auf eine »spezielle Arbeit« habe: »Deine Fäuste sind gefragt.«
Zwei der drei Lada-Insassen, den Russen Jurij und den Kaukasier Ruslan, kannte Wolodja vom Schwarzmarkt her. Doch obwohl er als Boxamateur ziemlich große Fäuste hat und die auch schon mal fliegen läßt, wenn alte Freunde darum bitten, winkte Wolodja für diesmal ab. Die Schranke ging hoch, der Wagen fuhr ohne ihn.
Das war, am 2. Juli dieses Jahres gegen halb zehn am Abend, das letzte Mal, daß Jurij Bulgakow, 26, und Ruslan Beretschetow, 22, lebend in der Öffentlichkeit gesehen wurden. Knapp eine Woche später zogen Angler die aufgedunsenen Leichname der beiden aus dem Töpchiner Obersee unweit von Wünsdorf.
Die Täter hatten ihre Opfer aneinandergefesselt und mit einem der rot-weiß geringelten Betonpfähle beschwert, die an den Grenzen russischer Armee-Areale stehen. »Sie wurden bestialisch ermordet, zahlreiche Stiche in den Lungen, durchschnittene Kehlen, eingeschlagene Schädel«, erinnert sich ein Arzt aus der Umgebung, der zum Leichenfund gerufen worden war.
Die Horrorszene vom Obersee fügt sich in eine Serie bizarrer Morde im Berliner Umland, um die sich in den letzten Monaten die deutsche Kripo gemeinsam mit den Ermittlern aus der »Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte« kümmern muß. Unübersehbar deuten alle Leichenfunde auf Hinrichtungen im Milieu der Sowjetmafia: *___Am 5. Januar barg die Feuerwehr nahe Potsdam aus einem ____verbrannten Ford Granada die Überreste des durch ____Messerstiche ermordeten Studenten Eduard Beck, eines ____Emigrantensohnes, der in Geschäfte mit russischen ____Autoschiebern verwickelt war; *___im März trieb in einem See an der Autobahnabfahrt ____Groß-Köris die in ein Laken gewickelte Leiche eines ____bislang nicht identifizierten Unbekannten; sowjetische ____Szenekenner halten ihn für einen kurz vorher mit ____Kumpanen aus Kasachstan eingereisten und danach ____verschollenen Schieber; *___am 18. Juni fand sich nahe der Glienicker Brücke im ____Berliner Jungfernsee die Leiche des UdSSR-Bürgers ____Alexander Kamkin, der unter West-Berliner ____Schwarzhändlern polizeilich aufgefallen war.
Auf mörderische Methoden im Umfeld der in Deutschland aktiven russischen Verbrecherorganisationen weisen auch weitere ungeklärte Kriminalfälle. Noch immer beschäftigt sich die Kripo mit der Maschinenpistole des 1990 ermordeten sowjetischen Wachsoldaten Oleg Kobsar. Die Waffe des Toten war im Bremerhavener Zuhältermilieu zusammen mit anderweitig beschafften sowjetischen Handgranaten aufgetaucht (SPIEGEL 16/1991).
Aus der Berliner Sowjetszene stammt auch der Ende September in München mit zehn Messerstichen ermordete Exilrusse Efim Laskin. Der Mann war der Polizei zuvor auch schon aufgefallen.
Die Behörden verdächtigten den »Unterweltkönig« (Münchner Abendzeitung), Drahtzieher einer Gangsterorganisation zu sein, die sich mit Falschgeld, Rauschgift und Ikonenschmuggel befaßt. Der Russe im Untergrund, sagt ein Ermittler, sei eine Art Pate gewesen, der habe »nichts mehr selbst angefaßt«.
Laskins zahlreiche Moskau-Flüge und seine Besucher aus der UdSSR werteten die Fahnder als Indiz für Mafiakontakte. Auch im Geheimdienst-Milieu soll er verkehrt haben. In der Grauzone von Mafia und KGB werden nun die Mörder des Mannes gesucht.
»Dollar, Reizgas und Ikonen« sind nach Polizeiauskunft das Milieu, in dem zu Lebzeiten der tot aus dem Glienicker Jungfernsee gefischte Sowjetbürger Kamkin anzutreffen war. Im Mai vergangenen Jahres war er bei einer Razzia in Potsdam festgenommen worden. Da hatte die Polizei nach einem Tip ein ganzes Schieber-Kränzchen in einer örtlich als »Russenhotel« bekannten Unterkunft hochgehen lassen.
Kamkin, früher Westgruppen-Angestellter in Deutschland, war zuletzt auf Privateinladung militärischer Bekannter im Land. Von solchen Einladungen machen Moskauer Ämter die Reiseerlaubnis abhängig.
Bescheinigungen darüber sind nach Kenntnis der Ermittler in der UdSSR »für 100 Mark im Dutzend« erhältlich. Die Papiere dienen offenbar als Tickets für mafiose Reiseunternehmen.
Nicht nur mit fingierten Einladungen, auch mit Hilfe gefälschter Ausweise oder erschlichener Belege über die jüdische Abstammung mogeln sich offenbar gutorganisierte Gruppen aus der Unterwelt nach Westen: Seit Monaten vermerken deutsche Polizeistellen eine Invasion sowjetischer Straftäter.
Den Zugang zu den Geschäftspartnern im militärischen Sperrbereich ebnen gute Freunde oder ein selbstgestempelter »Propusk«, der offizielle Kasernen-Ausweis für Militärs und Angehörige. Der ist ebenfalls in Hunderten von Exemplaren illegal verbreitet.
Im Umkreis von Militärstandorten, aber auch in den Kolonien etablierter Emigranten und an Wohnstätten von Asylbewerbern grassieren Warenschiebung, Subventionsschwindel und Schutzgelderpressung. Gedungene Vollstrecker, für die Dauer des Auftrags aus Moskau geschickt, machen Druck, zugereiste Gangster schießen aufeinander (SPIEGEL 37/1991).
Einem West-Berliner Geschäftsmann aus Leningrad forderten drei junge Russischsprachige 70 000 Mark für »Schutz« ab und zerstachen ihm zur Bekräftigung erst mal die Autoreifen. Der Kaufmann zahlte und klagt nun: »Mafia wesdje« - die Mafia ist überall.
Die Ermittler sammeln solche Berichte. Doch gegen das organisierte Verbrechen aus dem Osten können sie wenig unternehmen.
Versuche, in die russischen Zirkel einzudringen, scheitern oft schon aus Sprachgründen. Nach klassischem Mafiamuster verschließt Tätern wie Opfern allerorten das »Prinzip Angst« die Lippen, wie Kriminaloberrat Josef Geißdörfer, beim bayerischen Landeskriminalamt für Organisierte Kriminalität zuständig, bei seinen Ermittlungen feststellen mußte.
Und nach Mafiamuster ist die Basis in der sowjetischen Heimat organisiert. Sowjetische Polizeiexperten taxieren die Zahl der im eigenen Land operierenden Banden auf 3500. Zum Personal gehören Auftragskiller, Rauschgiftbosse und politisch einflußreiche Unterstützer.
Dabei scheint die Organisierte Kriminalität in der UdSSR noch enger mit der Gesellschaft verzahnt als das italoamerikanische Vorbild. »Kettenglied der Kriminalität«, so schreibt der sowjetische Fachautor Andrej Illesch in seinem Report über die »roten Paten"*, seien Bürokratie und Staatsorgane. Politiker und Milizionäre würden sich an der Arbeit der Gewaltorganisation bereichern, Bürokratie und Justiz erzeugten mit ihrem Gefängnis- und Lagersystem »immer neue Gruppen von Berufskriminellen«.
Wie weit die kriminellen Strukturen aus der Heimat sich bereits in den deutschen Ländern etabliert haben, zeigt der Mordfall vom Töpchiner Obersee. Die Ermittlungen führten zu einer gutorganisierten Firma für Auto- und Waffenschieberei, deren bewährte Mitarbeiter die beiden Mordopfer waren.
Jurij Bulgakow, in dessen Schulter ein Adler, ein Schild, zwei gekreuzte Schwerter sowie die Buchstaben »DDR« tätowiert waren, hat früher als Heizer im Hauptquartier gearbeitet. Unter Kollegen war er als »Tolstjak« ("Der Dicke") bekannt. Die Militärpolizei wußte über ihn Bescheid, wegen seiner Verwicklung in Handelsgeschäfte mit gestohlenen Autos und Armeewaffen.
Der andere Tote stammt aus einem Dorf im Kaukasus. Ruslan Beretschetow arbeitete als Zivilangestellter bei der Truppe. In Berlin war er einmal von deutschen Stellen beim Umgang mit Schmuggelgut ertappt und erkennungsdienstlich behandelt worden. _(* Andrej Illesch: »Die roten Paten«. ) _(Rowohlt Verlag, Reinbek; 208 Seiten; ) _(29,80 Mark. )
Bulgakow und Beretschetow machten Deals zusammen mit vier anderen. Tonangebend in der Gruppe war ein Asylbewerber namens Jurij, der seinen amtlich zugewiesenen Aufenthaltsort im Oberfränkischen, sein Arbeitsfeld aber rings ums Wünsdorfer Hauptquartier hat.
Spezialität der Jurij-Gang waren gebrauchte Ladas unklarer Herkunft. Dank bester Beziehungen zu diversen Kasernen-Verantwortlichen wurden die Wagen, so berichtet Bulgakow-Freund Wolodja, nachts in Militärwerkstätten repariert, umgespritzt und an den Mann gebracht. Kunden aus der Armee zu akquirieren war vor allem Beretschetows Aufgabe.
Das Geschäft lief glänzend: Bei Rückkehr in die Heimat dürfen die Soldaten nur sowjetische Autos abgabenfrei einführen, und gerade die im Westen nahezu wertlosen klapprigen Ladas stehen in der Sowjetunion hoch im Kurs.
Es gab allerdings Konkurrenz: Im benachbarten Klausdorf handelte ein Exilrussen-Team, etwa ein Dutzend junger Männer, ebenfalls mit Ladas.
Da die Kundschaft zahlreich war, konnten die beiden Gangs ganz gut nebeneinander existieren. Doch das Klima zwischen den Gruppen war vergiftet, seit in der Szene der Verdacht aufgekommen war, daß Jurijs Kundendienst-Experte Beretschetow vom KGB aufs Schiebermilieu angesetzt worden war, ein Verdacht, den Freunde im nachhinein bestätigten.
Als Bulgakow und Beretschetow am 2. Juli nach Klausdorf fuhren, waren die Reibereien zwischen beiden Gangsterfirmen auf einem Höhepunkt angelangt. Der Weg, auf dem die zwei statt des an der Wünsdorfer Schranke vergebens angesprochenen Wolodja noch ein paar Schläger angeheuert hatten, führte geradewegs in die gegnerische Zentrale.
In der Klausdorfer Firma muß es zu einer großen Schlägerei gekommen sein. Der Wortführer des Ladens, so berichtet ein Zeuge namens Aslan, der dritte Lada-Insasse an der Wünsdorfer Schranke, habe ein »Messer auf den Tisch geknallt«.
Am Ende der Auseinandersetzung waren Bulgakow und Beretschetow nicht mehr dabei. Man habe sie, erklärten die Klausdorfer Exilrussen das Verschwinden, der Polizei übergeben.
Statt bei der Polizei landeten die beiden Männer im See. Der Zustand der fest aneinandergeschnürten Leichen erinnerte an einen Ritualmord. Der Mediziner am Fundort: »Ihre Münder berührten einander fast. So als wolle man hinterlassen: Wer nicht schweigt, muß sterben.«
Zwei Exilrussen aus Klausdorf wurden mittlerweile unter Mordverdacht verhaftet. Sie schweigen. o
* Andrej Illesch: »Die roten Paten«. Rowohlt Verlag, Reinbek; 208Seiten; 29,80 Mark.