BROWN, BOVERI & CIE. Schweizer Spitze
Schweizer Urangst vor der Überfremdung trieb dieser Tage einen westdeutschen Wirtschaftsführer aus dem Alpenland: Dr. h. c. Kurt Lotz, 53, Generaldirektor des Mannheimer Elektrokonzerns Brown, Boveri & Cie. AG (BBC), verließ die Leitung seines Schweizer Mutterkonzerns.
Als ersten Fremdstämmigen seit 1914 hatte BBC in Baden (Schweiz), Holding von 29 BBC-Unternehmen in aller Welt, im Jahre 1961 den westdeutschen Manager in ihren Verwaltungsrat gelotst.
1963 stieg Lotz - als erster Ausländer in der BBC-Geschichte - zu einem der vier Delegierten des Verwaltungsrates auf, die den Gesamttrust dirigieren. Zu solchen raren Ehren waren die Schweizer verleitet worden, als der Düsseldorfer Stahl- und Röhrenkonzern Mannesmann damals den drahtigen, 1,92 Meter großen Lotz abwerben und zum Generaldirektor machen wollte.
Lotz gehört zu den wenigen deutschen Spitzenmanagern, die ihre Kindheit im Kuhstall verbrachten. Sein Vater bewirtschaftete einen mittleren Bauernhof in Nordhessen. Doch da Kurt Lotz acht Geschwister hatte, war an eine Existenz auf der Scholle nicht zu denken. So machte der Bauernjunge Abitur, musterte bei der grünen Polizei an und wurde in Potsdam-Eiche zum Leutnant geschliffen. Im März 1935 ging Lotz bei Hermann Görings Lufttruppe in Kondition, wo er es zum Major im Luftwaffen-Generalstab und 1. Quartiermeister des 1. Flakkorps brachte.
Da nach dem Krieg auf dem väterlichen Hof kein Auskommen war, bat Lotz seine Schwester Luise, damals Chefsekretärin des BBC-Generaldirektors Hans Leonhard Hammerbacher, ihm einen Arbeitsplatz im Elektrokonzern zu vermitteln.
Im April 1946 trat der Generalstäbler als Lohnschreiber ins BBC-Werk Dortmund ein, bezog ein Gehalt von 300 Mark und ging bei einem Eisenbahner in Logis. Alle drei Wochen füllte er bei seiner noch auf dem Lande wohnenden Familie einen Rucksack mit Menage und fuhr auf Dächern und Puffern der Bahn nach Dortmund zurück.
Schon 1950 wurde der Schreiber Lotz zum Abteilungsleiter im BBC-Hauptwerk Mannheim-Käfertal ernannt. Von nun an war kein Halten mehr. Als einer der Bosse verunglückte, brachte sich Lotz für den Aufstieg »in Erinnerung«; im Mai 1955 durfte er sich Direktor nennen; 1957 war er im Vorstand.
Als auch der alte BBC-Boß Hammerbacher nach einem Unfall ausschied, machte BBC-Aufsichtsratsvorsitzender Theodor Boveri - ein sparsamer Mann, der seine Koffer selbst trägt und dem Verschleiß teurer Schuhsohlen vermittels eines Eisenbeschlages entgegenwirkt - Lotz zum BBC-Generaldirektor in Mannheim.
Der Karrierist liierte sich mit Krupp im Reaktorbau, stieß durch Zukauf der Rondo-Werke ins Haushaltsgeräte-Geschäft und durch Übernahme der renommierten Elektronikfirma Zuse KG in den Computer-Markt vor.
An zwei Tagen jeder Woche managte Lotz vom schweizerischen Baden aus die Konzerndirektion der BBC-Schweiz, an den restlichen Tagen leitete er von Mannheim aus die BBC-Deutschland.
Doch seit mehr als einem Jahr wurde Lotz der Schweizer Managerposten verleidet. Schweizer Zeitungen warfen ihm Karrieresucht vor und berichteten über sein als »illegitim betrachtetes Streben zum BBC-Gipfel« (Züricher »Finanz und Wirtschaft").
Schon vor Monaten zeichnete sich ab, daß Lotzens Schweizer Engagement ein ähnliches Ende nehmen würde wie jenes des Persil-Industriellen Konrad Henkel. Als Henkel 1964 nach dem Erwerb eines größeren Aktienpakets der Schweizer Chemiefirma Lonza Verwaltungsrats-Präsident des Unternehmens werden wollte, bereiteten Banken und Wirtschaftler so lange Schwierigkeiten, bis Henkel enttäuscht sein Paket verkaufte.
Angesichts der Germanophobie im Schweizer Management, bat Lotz, ohnehin überlastet, Mitte Juni, ihn aus der Konzernleitung der Schweizer Mutterfirma zu entlassen. Der Verwaltungsrat nahm seine Demission an.
BBC-Generaldirektor Lotz
Freudloser Abschied