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AFGHANISTAN Schwere Fehler

Mit der Doppelstrategie einer militärischen oder politischen Lösung versuchen die Sowjets, sich aus Afghanistan zurückzuziehen - bisher ohne Aussicht auf Erfolg. *
• aus DER SPIEGEL 1/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Glasnost nun gar zum Thema Afghanistan: Bei einer Umfrage unter Moskauer Bürgern sprachen sich 53 Prozent für den vollständigen Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan aus, berichtet die sowjetische Wochenschrift »Argumenty i fakty« zum achten Jahrestag der sowjetischen Militär-Intervention beim südlichen Nachbarn.

Die »brüderliche Hilfe« der Sowjet-Armee im Dezember 1979, die das kommunistische Regime in Kabul vor einer drohenden »Konterrevolution« retten sollte - als öffentliches Thema in Moskau lange Jahre tabu -, wird nun auch unter Russen zu einer umstrittenen, vieldiskutierten Frage.

So setzt das Blatt der Intelligenzija, das die Umfrage veröffentlichte, in einem Begleit-Kommentar noch eins drauf: »Man findet in unserem Lande kaum einen Menschen, der wünscht, daß sowjetische Jungs in Soldatenuniform auch nur einen Tag länger als unbedingt notwendig in Afghanistan bleiben.«

Die Zeitung »Moscow News«, nicht nur mehr zur Information westlicher Ausländer in der Sowjet-Union gedacht, geht sogar so weit einzugestehen, daß

unter der damaligen »Logik der Konfrontation« beide Seiten schwere Fehler gemacht hätten.

Selbst Moskaus Außenminister Eduard Schewardnadse mußte bei seinen Gesprächen mit dem bayrischen Staatsgast Franz Josef Strauß in der vorigen Woche im Kreml eingestehen: »Der Einmarsch war leichter als der Rückzug.«

Doch Offenheit und Selbstkritik helfen in der Sache wenig weiter: In Afghanistan wird auch zu Beginn des neunten Kriegsjahres erbitterter gekämpft denn je, ohne daß eine der beiden Parteien, die Armee des kommunistischen Regimes in Kabul mit Unterstützung von 120 000 Mann der Sowjet-Armee auf der einen und etwa 170 000 afghanische Widerstandskämpfer auf der anderen Seite, daraus einen entscheidenden Vorteil ziehen konnte.

Die bisherige Bilanz des Berg- und Wüstenkrieges ist schrecklich genug: Mehr als 30 000 Sowjet-Soldaten sind in Afghanistan gefallen, mehr als eine Million Afghanen haben auf beiden Seiten der Front ihr Leben verloren. Von den rund 16 Millionen Menschen, die in Afghanistan wohnten, sind mehr als fünf Millionen vor Krieg, Tod und Zerstörung in die Nachbarländer Pakistan und Iran geflüchtet, ganze Landstriche sind entvölkert, die Städte überfüllt.

Gegen dieses »sinnlose Sterben«, wie es

Uno-Generalsekretär Perez de Cuellar nannte, haben in der vergangenen Woche wieder Zehntausende im Westen und ein verlorenes Dutzend Menschen im Osten demonstriert. In der iranischen Stadt Isfahan mußte die Polizei des fundamentalistischen Chomeini-Regimes Protestler mit Waffengewalt daran hindern, das sowjetische Konsulat zu stürmen. In Moskau holte die Miliz einige Protestierende von der Straße.

US-Präsident Reagan mahnte seinen neuen Freund »Mikel«, die sowjetische Militärintervention »sofort und unwiderruflich« einzustellen, Gorbatschow hingegen verlangte von seinem neuen Freund »Ron«, weitere Unterstützung der afghanischen Rebellen zu unterlassen, um den Rückzug der Sowjets »in zwölf Monaten oder weniger« möglich zu machen. Sogar der gerade zum neuen Staatspräsidenten gewählte afghanische Parteichef Nadschibullah beteuerte bei seinem Staatsbesuch in Vietnam: »Unser Volk hat den Krieg gründlich satt!«

Daß dieser mörderische Konflikt im entlegenen Hindukusch nicht zur politischen Großwetterlage von weltweiter Abrüstung und Verständigung paßt, ist beiden Seiten seit langem klar. Aber alle Überlegungen, das Schießen ohne Prestige- und Gesichtsverlust zu beenden, sind bislang schon im Ansatz gescheitert.

Die seit Wochen anhaltende Schlacht um die Garnisonstadt Chost im Südosten, nur 80 Kilometer von der Grenze zu Pakistan entfernt, ist, so paradox es scheint, möglicherweise ein sowjetischer Test, um den Rückzug aus Afghanistan zu proben.

Denn dieser Befreiungsschlag, der den seit über einem Jahr in Chost eingeschlossenen Regierungstruppen Hilfe bringen soll, wird von einem 20 000 Mann starken afghanischen Truppenverband, aber, wie das Moskauer Fernsehen demonstrativ dokumentierte, ohne nennenswerte sowjetische Beteiligung vorgetragen. »Die Sowjets beschränken sich auf logistische Rückendeckung und die Sicherung des Nachschubs«, berichten neutrale Diplomaten in Kabul.

Wenn es den Afghanen aus eigener Kraft gelingt, den Ring der moslemischen Widerstandskämpfer um Chost aufzubrechen, so das angebliche Kalkül der sowjetischen Miltärs, wäre dieser Sieg ein Beweis dafür, daß die Regierung in Kabul auch ohne fremde Hilfe mit den »Banditen« fertig werden kann.

Staats- und Parteichef Nadschibullah (wörtlich: »Der Edle Allahs") versucht zugleich, in einer Doppelstrategie die Opposition für eine Lösung zu gewinnen.

Die vor einem Jahr mit viel Propaganda von ihm gestartete Kampagne einer »nationalen Aussöhnung« hat immerhin dazu geführt, daß Ende November 2000 Delegierte aus dem ganzen Land zur »Loja Dschirga«, der traditionellen Versammlung der Stammesfürsten, zusammenkamen, um dem Land eine neue Verfassung zu geben.

Aus der Volksrepublik Afghanistan wurde wieder eine Republik, der Islam ist als Staatsreligion verankert, die Worte »Kommunismus« oder »Sozialismus« kommen nicht mehr vor.

Auch unabhängige Gewerkschaften soll es geben und eine Menschenrechtskommission. _(Aus einer Reportage des sowjetischen ) _(Fernsehens. )

Auf die Frage, wie sich das alles mit seiner kommunistischen Weltanschauung vereinbare, antwortete Nadschibullah: »Kommunist war ich nie.«

Seine »Demokratische Volkspartei«, die Afghanistan seit dem kommunistischen Putsch von 1978 diktatorisch regiert, behauptet, sie sei bereit, ein Mehrparteien-System zu akzeptieren und notfalls bei den für Februar geplanten Wahlen gar »auf die Hegemonie zu verzichten«.

Unter den neuen politischen Gruppierungen, die sich in Kabul gebildet haben, gibt es auch eine »Basar-Partei«, die - ähnlich wie im benachbarten Iran - die Interessen der Kleinhändler vertritt und den Auftrag erhielt, ein nationales Wirtschaftsprogramm vorzubereiten.

Exotisches am Rande: Auch der weiterhin in Kabul lebende Bruder Sanama des gestürzten ehemaligen Parteichefs Babrak Karmal hat unter dem Namen »Organisation zur Befreiung des afghanischen Volkes« eine neue Partei angemeldet, die nach seinen Worten in »scharfer Opposition« zu Nadschibullahs Volkspartei stehen soll; ob rechts oder links davon, ist für den Parteigründer keine Frage von Bedeutung.

Die öffentliche Bankrott-Erklärung der Kommunisten hat im Land für Gesprächsstoff gesorgt, besonders attraktiv ist das neue Programm für die mißtrauischen Afghanen aber bislang nicht. Dafür gelten die Männer, die es jetzt verheißen, schon zu lange als die Handlanger der verhaßten »Schurawi«, der Russen.

Immerhin: Etwa 30 000 Mudschahidin haben in diesem Jahr die Front gewechselt und sind in das Regierungslager übergelaufen. Nadschibullahs eigener Bruder hingegen ging den umgekehrten Weg zum Widerstand.

Doch die meisten Anführer des Widerstands, fast alle Häuptlinge der Paschtunenstämme, die in der pakistanischen Etappe am Krieg nicht schlecht verdienen, zeigen wenig Neigung, dem Töten ein Ende zu machen.

Seit die Freiheitskämpfer verschiedener islamischer Couleur von den USA mit den treffsicheren Luftabwehr-Raketen vom Typ »Stinger« und von den Briten mit ähnlich wirksamen Raketen vom Typ »Blowpipe« ausgerüstet werden, hat sich die strategische Lage der Berg-Partisanen erheblich verbessert. Wegen der hohen Verluste setzen die Sowjets ihre gefürchteten Kampfhubschrauber nur noch nachts ein.

Tief zerstritten sind die Warlords über die Frage, wie es denn nach einem Waffenstillstand weitergehen soll. Westliche Emissäre versuchten, die Möglichkeit einer Rückkehr des im römischen Exil lebenden afghanischen Ex-Königs Sahir Schah, 73, als Integrationsfigur ins Gespräch zu bringen.

Aber die vier großen islamisch-fundamentalistischen Widerstandsgruppen, die von einem afghanischen Gottesstaat träumen und gegenüber den nationalistischen Gruppen in der Mehrheit sind, lehnen die Rückkehr des abgesetzten Monarchen ab, machen ihn für die heutige Lage weitgehend verantwortlich.

Unterstützt, vor allem mit Geld, werden sie ziemlich offen von militanten Moslem-Bruderschaften und den reichen Saudis. Das allerdings schließt nicht aus, daß auch eine ganze Kampfgruppe der Fundamentalisten zu den Regierungstruppen überläuft - wenn die Geschenke stimmen.

Starre Fronten hat es in diesem Krieg ohnehin nie gegeben. Neu ist, daß die Überläufer als besondere Trophäe auch westliche Ärzte, Journalisten und sogar angebliche Militärberater und Ausbilder aus dem Westen mitbringen.

Auf diese Weise fiel der Türke Osman Demir dem Regime in Kabul in die Hände. Im Gefängnis gab er ein Interview, in dem er behauptete, deutscher Staatsbürger zu sein und in Augsburg durch den Militärischen Abschirmdienst der Bundesrepublik (MAD) für den Umgang mit »Stinger«-Raketen ausgebildet worden zu sein. Nach Pakistan und Afghanistan sei er mit dem Auftrag gekommen, seine Fähigkeiten an die Mudschahidin weiterzugeben.

Der MAD hat diese Behauptung als »abenteuerlich« dementiert. Solange der angebliche Deutsch-Türke im Gewahrsam des afghanischen Staatssicherheitsdienstes ist, wird sich die bizarre Episode wohl nicht aufklären lassen.

Dem Regime in Kabul nützt Demir als »Beweis« für westliche Einmischung, die einen Frieden verhindere. Für beide Kriegsparteien geht es darum, sich für die nächste Runde der Waffenstillstandsgespräche, die in der zweiten Januar-Hälfte unter Vermittlung des Uno-Beauftragten Diego Cordovez in Istanbul und Kabul stattfinden sollen, eine vorteilhafte Ausgangsbasis zu verschaffen, um den anderen die Schuld an einem möglichen Scheitern zuzuweisen.

Denn trotz des offenkundigen Willens der Sowjets, sich aus dem so kostspieligen wie schädlichen Abenteuer zurückzuziehen, ist eine schnelle Lösung des Konflikts nicht absehbar.

Moskau kann seine Schützlinge in Kabul nicht einfach fallenlassen und seine Truppen abziehen, so als ob nichts gewesen sei. Zu verheerend wäre der Prestigeverlust im eigenen Lager wie in der Dritten Welt, zu unberechenbar die Wirkung auf die 48 Millionen Moslems in der Heimat.

Eine Koalitionsregierung in Kabul, an der alle verfeindeten Parteien beteiligt sind, wäre als Übergang zwar vorstellbar. Nur: Der Mann, der sie mit ausreichender Autorität führen könnte, ist nirgendwo in Sicht.

Die Amerikaner wiederum haben im Gegensatz zu ihren ständigen Abzugsforderungen kaum ein echtes Interesse an einem schnellen Ende des Krieges: Ihnen paßt es durchaus, die Sowjet-Armee im Hindukusch vorzuführen und die Russen dort - bei geringstem eigenen Einsatz - bluten zu lassen.

Afghanistan ist längst zum Vietnam Moskaus geworden.

[Grafiktext]

AFGHANISTAN Baghlan Kabul Tschachtscharan Herat Gardes Chost Kandahar SOWJET-UNION Duschanbe CHINA IRAN PAKISTAN Islamabad INDIEN

[GrafiktextEnde]

Aus einer Reportage des sowjetischen Fernsehens.

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