MILLIARDÄRE Schwerer Erbe
In Sicherheitsfragen war der Mann äußerst penibel. Zeit seines Lebens hat der Milliardär Friedrich Karl Flick gefürchtet, seine Familie könnte Opfer eines Verbrechens werden. Die Kinder machten kaum einen Schritt ohne Leibwächter. In seiner Münchner Villa war Flick mittels Atomschutzbunker fürs Äußerste gerüstet; betrat er dort die Terrasse, fuhr automatisch eine Scheibe aus kugelsicherem Glas hoch. Seine Residenz am Wörther See ist gesichert wie Fort Knox. Kameras spüren Eindringlinge sofort auf, Sicherheitsleute stellen sich jedem in den Weg, der sich dem Anwesen nähert.
Aber das Flicksche Sicherheitskonzept hatte ein Leck. Zeit seines Leben setzte er auf Sicherheit, doch zwei Jahre nach seinem Tod bemächtigten sich Unbekannte seines Leichnams. Vergangene Woche zogen sie den rund 250 Kilo schweren Sarg samt Inhalt aus der Gruft im österreichischen Velden. Die Täter müssen für die Entführung post mortem mit schwerem Gerät angerückt sein. Sie haben sich sogar bemüht, die Tat zu vertuschen. Die Silikondichtung der rund 300 Kilo wiegenden Grabplatten hatten sie nach Vollzug fein säuberlich wieder in die Ritze gedrückt.
Seitdem ist es vorbei mit der Friedhofsruhe in dem Kärtner Kurort. In nekrophiler Neugier rätseln Österreichs Medien und Ermittler über die Hintergründe der Verschleppung: Vom DNA-Raub einer Verehrerin, einem Racheakt bis zum Streich moralloser Jugend reichen die Deutungen. Auch die Spekulation, der Sarg könnte in der Tradition der Pharaonen mit allerlei Geldwertem bestückt gewesen sein, machte die Runde.
Der schnöde Mammon gilt als wahrscheinlichster Grund für den Leichenraub. Der schwere Erbe war zu Lebzeiten einer der reichsten Männer Deutschlands. 1957 trat der studierte Diplomkaufmann in die Familienholding Friedrich Flick ein. Sein Vater, ein Nazi-Finanzier und -Profiteur, war unter anderem mit Rüstungsproduktion reich geworden.
Die Flicks führten eines der mächtigsten Industrieimperien der Bundesrepublik, das in den achtziger Jahren im Zuge der sogenannten Flick-Affäre wieder ins Zwielicht geriet. An CDU, CSU, FDP und SPD waren über Jahre Spenden in Millionenhöhe geflossen. Mitte der achtziger Jahre verkaufte Friedrich Karl Flick seinen Konzern für umgerechnet rund 2,7 Milliarden Euro an die Deutsche Bank und zog sich ins Privatleben zurück.
Doch Indizien für einen Erpressungsversuch gibt es bislang nicht. »Es sind keine Lösegeldforderungen eingegangen«, versichert Jörg Andreas Lohr, der der Flick-Privatstiftung vorsteht. Er musste auch die geschockte Witwe informieren, die gerade in den USA weilte und umgehend per Privatjet nach Hause zu den Kindern eilte.
In Velden ist der Grabraub das Thema Nummer eins. Bürgermeister Ferdinand Vouk ist »tief betroffen« von der unrühmlichen Tat. »Nicht einmal die Totenruhe wird respektiert«, klagt er. Der Friedhof liegt nicht weit vom See, zwischen Ortszentrum und der Bahnlinie Wien-Rom. Das Donnern der Züge ist auf dem Friedhof deutlich zu hören. Das vom Kärntner Künstler Werner Hofmeister gestaltete Flick-Mausoleum steht ganz am Ende - mit deutlichem Abstand zu benachbarten Gräbern, mittlerweile gehütet von zwei Wachmännern, die die vielen Schaulustigen auf Distanz halten. Eine Friedhofsbesucherin mokiert sich achselzuckend über den Prunk des Verschwundenen auf dem Gottesacker: »Der Bessere liegt do, die andern hier«, sagt sie: »Genutzt hat's ihm a nix.«
Die Ermittler allerdings fürchten, die große Aufmerksamkeit rufe Nachahmungstäter auf den Plan. Sicherheitshalber lässt das österreichische Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung inzwischen auch das Grab von Jörg Haider bewachen, der kürzlich alkoholisiert in den Tod gerast war. Die Behörden befürchten, durch den Fall Flick könnte das etwas in Vergessenheit geratene Gewerbe des Leichenraubs eine Auferstehung feiern.
So mancher Toter ging seit Jesu Grabflucht zeitweilig verloren. 2001 etwa wurde der verstorbene italienische Bankier Enrico Cuccia entführt. Selbst Körperteile politischer Prominenz gerieten ins Visier von Leichenfledderern. So fehlen sowohl dem früheren argentinischen Präsidenten Juan Perón als auch Revolutionär Che Guevara beide Hände.
Eine lange letzte Reise erlebte der Leichnam Benito Mussolinis, der im April 1946 von einem Trupp unverbesserlicher Duce-Fans aus seinem anonymen Mailänder Grab - unter Verlust eines Beines - entführt und erst Monate später freigegeben worden war. Die Reste des Duce wurden danach auf Geheiß der Regierung in einer Kiste anonym in einem Kloster zwischengeparkt, bevor sie 1957 in Mussolinis Heimatstadt Predappio ihre endgültige Ruhe fanden.
Dass sich bis Ende vergangener Woche noch keine Entführer bei der Familie Flick gemeldet haben, muss gar nichts bedeuten. Als 1978 in der Schweiz der Leichnam von Charlie Chaplin geraubt wurde, dauerte es elf Wochen, bis die Täter nach zähen Verhandlungen gefasst wurden. Chaplins Frau Oona ließ wissen, sie werde nichts bezahlen: »Charlie hätte das lächerlich gefunden.«
Nach Ergreifung der Grabräuber wurde der Filmstar, der in einem Feld zwischengelagert worden war, noch ein zweites Mal feierlich zu Grabe getragen. Diesmal für die Ewigkeit - in Beton. MARKUS DEGGERICH,
ANDREAS ULRICH