GRENADA Schwerer Sieg
Rechtzeitig zum Veterans Day, Amerikas Gedenktag für seine gefallenen Soldaten, führten US-Militärs die Beutestücke ihres jüngsten Sieges vor:
In dem von Kleinflugzeugen leergeräumten Hangar 3 auf Andrews Air Force Base bei Washington drängten sich Tausende Schaulustiger um zwei auf Grenada erbeutete Schützenpanzer und zwölf Flak-Geräte sowjetischer Bauart.
Sorgsam um die Vehikel herumdrapiert war jenes »furchterregende Waffenarsenal« (Vizepräsident George Bush), das Amerikas Soldaten auf Grenada in die Hände gefallen war. 1626 Gewehre vom Typ AK-47, 300 Schrotflinten, 1824 Granaten, 1200 Stangen Dynamit, 180 Maschinengewehre, 24 728 Leuchtspurgeschosse und insgesamt 5 612 682 Schuß Munition.
Doch die auch von Washingtoner Regierungsprominenz gut besuchte Beuteschau konnte nicht vergessen machen, daß der als militärischer Spaziergang eingestufte Überfall (Code-Name: geballte Wut) den US-Militärs beinahe aus dem Ruder gelaufen wäre: Die Truppen des kommandierenden Vizeadmirals Joseph Metcalf verpatzten ihre militärischen Ziele vor und während der Invasion, ein Desaster wurde nur durch die Masse der eingesetzten Elitesoldaten vermieden.
Selbst die schließlich 7600köpfige Streitmacht aus Rangers, Marineinfanteristen und Fallschirmjägern konnte sich nur mit Hilfe von Bombern, Schiffsgeschützen und den Bordkanonen der Kampfhubschrauber gegen - nach eigenen Angaben - höchstens 1800 Gegner durchsetzen.
Ihren militärischen Auftrag verfehlte die neue Anti-Terror-Einheit, die in den letzten Jahren aus Angehörigen aller vier Waffengattungen zusammengestellt worden war. Diese Truppe ging 24 Stunden vor Beginn der Invasion an Land.
Ein Spähtrupp landete im Norden, um geeignete Strände für die Landung der Marineinfanteristen auszukundschaften. Da die Späher keine fanden, empfahlen sie ihrem Admiral, den Flughafen Pearls mit Hubschraubern zu nehmen.
Das zweite Eliteteam von vier Mann sollte im Süden Grenadas die Flughafenbaustelle Point Salines aufklären. Die vier wurden die ersten Opfer der Invasion. Von ihnen fehlt noch heute jede Spur, ihr gekentertes Schlauchboot entdeckten anderntags die Rangers.
Keinen Erfolg hatte auch zunächst die dritte Vorhut aus wenigstens 22 Soldaten, die im Schutze der Nacht in der Nähe der Grenada-Hauptstadt St. George's aus den Schlauchbooten kletterten. Sie sollten im Handstreich den Radiosender besetzen, die politischen Häftlinge aus dem Gefängnis am Richmond Hill befreien und dafür sorgen, daß Generalgouverneur Sir Paul Scoon rasch in Sicherheit gebracht werden konnte.
Nicht einmal der Sturm der Radiostation gelang auf Anhieb. Ins Gefängnis
fand die Einheit keinen Einlaß, das Sir-Paul-Rettungsteam sah sich umzingelt. Zwei der drei zu Hilfe gerufenen Kampfhubschrauber gerieten ins Flugabwehrfeuer, von vier Piloten überlebte einer.
Ein A-7-Jet vom Flugzeugträger »Independence« brachte am frühen Morgen des zweiten Invasionstages Entlastung. Seine Bomben zerstörten Fort Frederick, das die 22 Beschützer des Gouverneurs als Hauptwiderstandsnest ausgemacht hatten. Die Bomben trafen auch einen Flügel der 180-Betten-Anstalt für Geisteskranke, mindestens 18 Patienten kamen ums Leben.
Einem Himmelfahrtskommando glich das Landeunternehmen der Fallschirmjäger, die auf der Flughafenbaustelle Point Salines abgesetzt werden sollten.
Es war geplant, um Punkt fünf Uhr gleichzeitig im Norden und Süden den Angriff zu beginnen und die Insel-Verteidiger mit geballter Kraft zu überrumpeln. Doch während 400 Marineinfanteristen planmäßig auf die Minute Pearls Airport besetzten, hatten sich wenigstens sieben C-130-Transporter auf dem Nonstopflug von Savannah (Georgia) verirrt und entsprechend verspätet. Die ersten beiden Maschinen sahen sich deshalb heftigem Flugabwehrfeuer ausgesetzt und drehten sicherheitshalber ab. Die dritte Maschine ging auf Tiefflug, aus knapp 150 Metern mußten die Rangers abspringen, für Fallschirmentfaltung und Schwebeflug blieben zwölf Sekunden.
Dreieinhalb Stunden später erreichten die Rangers den Universitäts-Campus True Blue. Dort trafen sie 130 verängstigte, aber nicht als Geiseln gehaltene Studenten an, von denen sie erfuhren, daß es einen weiteren Campus gab, auf dem 224 Kommilitonen wohnten.
Erst am zweiten Invasionstag trafen auch dort die Rangers ein und stellten fest, daß der breite Hausstrand des Kollegs geradezu ideal für die Landungsboote der Marines gewesen wäre und eine problemlose Evakuierung der amerikanischen Staatsbürger garantiert hätte.
Die hinausgezögerte Invasion konnte erst am dritten Tag abgeschlossen werden. Als am Nachmittag die Kämpfe noch einmal aufflackerten, feuerte die U.S. Navy von See her Granaten, Flugzeuge luden Bomben ab - eine davon versehentlich in eine Ansammlung eigener Fallschirmjäger (12 Verwundete) - dann war auch das letzte größere Widerstandsnest, die Calivigny Baracken an der Südküste der Insel sturmreif.
Dem mühseligen Sieg folgte die politische Umerziehung. »Hier endet der Kommunismus«, verkündete ein Plakat, das Rangers am Flughafen aufhängten. Unter dem Kommando von Oberst Jim Ashworth fahren 100 Soldaten einer Einheit für psychologische Kriegführung kreuz und quer über die Insel und fordern die Grenader auf, »die schwer errungene Freiheit zu bewahren«.
Wo früher revolutionäre Parolen prangten, kleben heute Konterfeis der beiden gefangenen Putschisten Bernard Coard und Hudson Austin, die für die Ermordung von Ex-Premier Maurice Bishop verantwortlich gemacht werden. Darunter wird den Grenadern mitgeteilt: _____« Diese Kriminellen haben versucht, Grenada an die » _____« Kommunisten zu verkaufen. Die Bürger von Grenada werden » _____« nie mehr zulassen, daß solche Typen an die Macht kommen » _____« und so viel Unheil anrichten. Unterstützt die Demokratie. »
Mit deren Aufbau ist Sir Paul Scoon, Generalgouverneur der Karibik-Insel, beschäftigt. Seine Aufgabe umriß Major Douglas Frey von der 82. Luftlandedivision damit, daß eine »passende« Regierung gefunden werden müsse.
Sorgsam beraten wird Scoon dabei von amerikanischen Militärs und der US-Botschaft, die mit 80 Mitgliedern bereits größer ist als ehemals das sowjetische und kubanische Botschaftspersonal zusammengenommen.
Nachdem Sir Paul zunächst einmal die Botschaften der UdSSR und Kubas geschlossen und die Botschaftsangehörigen nach teils peinlichen Durchsuchungen des Landes verwiesen hatte, ließ er den Notstand ausrufen. Er verhängte ein Versammlungsverbot (Ausnahme: kirchliche und geschäftliche Zusammenkünfte), erlaubte Verhaftungen ohne Haftbefehl und schuf die Voraussetzungen für eine Pressezensur.
Und er berief eine zehnköpfige Interims-Regierung, der laut Scoon keine Politiker, sondern nur Technokraten und Experten angehören sollten. Sich selbst behielt er die Rolle des »Schiedsrichters« vor.
Nicht gerade zimperlich gingen die amerikanischen Sieger mit den Verlierern um. Dicke Havanna-Zigarren aus kubanischen Vorratslagern zwischen den Zähnen, Zigaretten-Packungen der Kuba-Marke »Populares« als Souvernir an den Helm gesteckt, stolzierten GIs vor ihren Gefangenen, die unter freiem Himmel, Sonne und Regen ausgesetzt, hinter Stacheldrahtzäunen hocken mußten. Vor dem Heimflug wurde ihnen verboten, ihre persönliche Habe mitzunehmen. Die stand dann grenadischen Plünderern zur Verfügung.
Insgesamt 1130 Gefangene wurden in ein rasch errichtetes festes Lager gesteckt, Einzelverhören unterzogen und teils tagelang in engen Verschlägen gehalten, Hundehütten ähnlich.
Wer freigelassen wurde, dem schnitten die Wächter die zuvor zur Identifikation angelegten Plastikarmbänder ab und händigten ihm eine grüne Faltkarte aus, auf der bestätigt wurde, der Kartenbesitzer werde »nicht wieder verhaftet, solange er sich regierungsfeindlicher Aktivitäten enthält«.
Die Putschistenführer Austin und Coard, die halbnackt, gefesselt ins Richmond-Hill-Gefängnis auf Grenada gebracht wurden, bleiben von der Außenwelt abgeschnitten. Weder Verwandte noch Anwälte dürfen sie besuchen.
Coards Bruder Robert, der in Boston lebt und sich politisch von dem Gefangenen »weltweit entfernt« weiß, rief den ehemaligen US-Justizminister Ramsey Clark zu Hilfe, der aber auch nicht zu dem Inhaftierten vorgelassen wurde.
Robert Coard: »Ich halte die Behandlung für unfair, für unamerikanisch, eine klare Verletzung der Menschenrechte. Er sollte wenigstens das Recht auf einen Anwalt behalten.«