Schwimmende Festung der Menschlichkeit?
Im Laderaum der »Cap Anamur«, gleich hinter der Treppe, wo die Kinder ihre Schaukel aufgehängt haben, klebte wochenlang das Lied, das der Dichter Tu Cong Phuong für die Besatzung schrieb, nachdem sie ihn am 11. Oktober vergangenen Jahres aus dem Haifischwasser vor »em Mekongdelta gefischt hatte. Das Lied ging so: Wir sind » » zusammengekommen mit einem zarten Kuß der Menschheit, Blicke » » voller Liebe, Lächeln voller Freundlichkeit sagen uns: Wir » » sind wiedergeboren ... Cap Anamur, vorbei ist die Nacht. »
Das Blatt ist fort. Mag sein, daß die Kinder es unachtsam abgerissen haben, oder die Besatzung, weil sie es zu schwülstig fand. Es kann aber auch sein, daß es einer der 377 Flüchtlinge abgerissen hat, die seit sechs Wochen auf der »Cap Anamur« ziellos im Südchinesischen Meer schwimmen, und nicht wissen, wo sie landen werden.
Denn das Lied stimmt nicht mehr. Die »Cap Anamur« ist für die Vietnam-Flüchtlinge kein »Licht der Zukunft« mehr. Wenn nicht zwölftausend Kilometer entfernt, in der Bundesrepublik, ganz schnell ein Wunder in Gestalt eines einstimmig gefaßten Ministerpräsidentenbeschlusses geschieht, fährt die »schwimmende Festung der Menschlichkeit«, wie ein Besucher aus Deutschland sie pries, ab Anfang nächsten Jahres wieder wie früher unter Panama-Flagge Corned beef und Kühlschränke von Singapur nach Sydney.
Aber die deutschen Länderchefs - Ernst Albrecht von Hannover ausgenommen - wollen nicht mehr. Sie fühlen sich von Rupert Neudeck, dem Vorsitzenden des »Deutschen Komitees Not-Ärzte e. V.« (vormals »Ein Schiff für Vietnam"), aufs Kreuz gelegt. Lothar Späth hatte Mitte November stellvertretend für die Kollegen auf den Stuttgarter Staatskanzleischreibtisch gehauen: »Ich mache dieses Spiel einfach nicht mehr mit. Wir nehmen immer wieder neue Flüchtlinge auf, in der Hoffnung, daß nun bald Schluß ist. Und jedesmal hat er ein paar Wochen später den Pott wieder voll.«
Bonn fühlt sich überhaupt nicht mehr angesprochen. Regierungssprecher Kurt Becker: »Wir stehen nicht im Wort.« Außerdem regiert die Bundesregierung kein Bundesland, sondern die ganze Republik, und steht daher auch nicht wie die Länder unter Quotenzwang. Und nun ist der Pott wieder mal voll.
Aber die Retter stehen bei den Geretteten im Wort, die seit sechs Wochen im eisernen Bauch der »Cap Anamur« zwischen Singapur und den Philippinen hin und her pendeln, weil sie nirgendwo an Land dürfen. »Die Westdeutschen sind die Feinde der Kommunisten. Wir sind die Feinde der Kommunisten. Also gehören wir zusammen«, sagt Phan Quang Tu, ein Lehrer und ehemaliger Vietcong-Sympathisant, der auf dem Umweg über die Zwangsarbeit in den »neuen Wirtschaftszonen« der Regierung zum Antikommunismus fand. Aber was weiß Herr Tu schon vom deutschen Föderalismus?
Nach fast anderthalb Monaten auf See warf das Schiff vorletzten Freitag auf der Reede von Singapur Anker, um Lebensmittel und Frischwasser zu bunkern und Brennstoff zu sparen.
An Deck herrscht eine Ruhe wie auf einem Supertanker. Nur einmal am Tag wird es an Bord lebendig, wenn die Passagiere Verpflegung fassen: eine Schale Reis und eine drittel Dose Corned beef pro Mann. Zwischen den Mahlzeiten dösen die meisten auf ihren Sperrholzbrettern im Laderaum, spielen Karten oder blättern in illustrierten Zeitschriften, die sie nicht lesen können.
Dang Van Haul, 70, und seine Frau Phing Thi Viet, 64, die zwei ältesten Passagiere an Bord, haben ihre Schlafmatten hinten im Laderaum ausgebreitet, wo sie niemand beim Beten stört. »Sie haben immer nur heimlich beten dürfen«, sagt Dolmetscher Tu. »Jetzt holen sie alles nach.«
Die Kinder auf dem Vordeck versuchen, das Sumatra-Schwein wachzukitzeln, das der Captain vor der Insel Luzon für den ausrangierten Diesel aus einem Fluchtboot eingetauscht hat.
Am Heck sitzen zwei Kinder mit Zeichenblöcken und Buntstiften und malen die Glitzerkulisse der nahen, unerreichbaren Traumstadt Singapur. Einer faßt in seine Pappmappe und zieht ein Bild hervor, auf dem Bomben aus US-Flugzeugen auf Strichmännchen in Vietcong-Uniformen S.143 regnen. »Das malt er am liebsten«, sagt Herr Tu.
Aber aus den Bildern ist nicht zu erkennen, ob die Sympathien des Künstlers auf seiten der Strichmännchen oder der amerikanischen Flugzeuge liegen.
Nein, daß die »Leute vor Angst fast verrückt werden«, wie Rupert Neudeck behauptet, sieht man ihnen nicht an. Die Küstenwache von Singapur läßt das Schiff nicht aus den Augen. Dreimal täglich überprüft eine Polizeibarkasse die menschliche Ladung anhand der Ladepapiere auf Vollzähligkeit.
Seit »Roland Marines«, die Agentur, die in Singapur die Interessen der »Cap Anamur« vertritt, pro Flüchtling eine Bürgschaft von rund 10 000 Mark stellt, lassen die Wasserschutzpolizisten die Flüchtlinge wenigstens nicht mehr dreimal am Tag und einmal um Mitternacht zum Zählen antreten.
Rupert Neudeck, der Chef des Komitees, sieht das Ende nahen. Die Ministerpräsidenten wollen ihm die Restladung noch einmal abnehmen, wenn er verspricht, daß sein Schiff zu keiner weiteren »Fangfahrt« mehr ausläuft. Aber Neudeck hat noch finanzielle Reserven für ein halbes Jahr. Und die will er auf Biegen und Brechen für das Mandat aufbrauchen, das ihm, wie er sagt, die deutsche Öffentlichkeit gegeben hat.
Doch auch das gesunde Volksempfinden ist umgeschlagen. Die wohltätigen Fuffziger sitzen zwar locker, wenn sich die Wohltätigkeit in der südchinesischen See abspielt. Aber inzwischen hat die Fluchtwelle fast 30 000 Vietnamesen, davon gut ein Drittel von der »Cap Anamur«, ins deutsche Milieu gespült - zuviel für den Zeitgeist, der zur Zeit nicht viel für Ausländer übrig hat.
Freitag früh ist für Rupert Neudeck plötzlich die Welt wieder in Ordnung. Späth habe signalisiert, daß »es noch mal okay« gehe, sagt er. In der Nacht zum Samstag sitzt er in der Maschine nach Singapur, um die frohe Botschaft an Bord zu verkünden.
14 Stunden Frankfurt-Singapur, 24 Stunden Singapur, 14 Stunden Singapur-Frankfurt. Denn Montag früh muß er wieder als Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln antreten. Nebenbei hat Neudeck auch noch in Uganda und in Somalia Rettungsaktionen in Arbeit.
»Der Rupert sieht schlecht aus, er ist überarbeitet«, sagt Bordarzt Jörg Merholz aus Frankfurt, den Neudeck ohne erkennbaren Grund vorzeitig abgezogen und durch einen Neuen ersetzt hat.
Neudecks Personalpolitik ist ebenso impulsiv wie das ganze Management der Rettungsgesellschaft, das sich in Neudecks Troisdorfer Wohnzimmer abspielt. Curt Hondrich, der ehemalige Stellvertreter, ist denn auch zurückgetreten, weil er »das verantwortungslose Finanzgebaren des Vorsitzenden« nicht mehr mittragen wollte.
Das »Schiff für Vietnam« bestätigt die Binsenweisheit: Wohltätigkeit geht nicht S.144 ohne Ökonomie, wenn sie wirksam sein soll. Freunde haben Neudeck vorgerechnet, daß man für einen geretteten Vietnamesen ein Vierteljahr lang eine vierköpfige Familie in Somalia am Leben erhalten kann. Immerhin hat er den Suchhubschrauber abgeschafft, der nicht weniger als 80 000 Mark monatlich kostete.
Alles kameralistische Erbsenzählerei, meinen die Leute von der »Cap Anamur«. »Wir müssen helfen und sonst nichts«, sagt Winnie Rüger, der Dienstälteste auf der »Cap Anamur«.
Solange jeden Monat Tausende Vietnamesen bei einer Überlebenschance von fifty-fifty vor dem kommunistischen Terror aufs Meer flüchteten, solange Frauen der »Boat People« von Thai-Piraten zu Tode vergewaltigt werden, so lange, meint Winnie, gebe es kein Argument gegen die »Cap Anamur«. An einer Sache, in der Heinrich Böll und die »Bild«-Zeitung an einem Strang ziehen, kann doch nichts verkehrt sein.
Es sei denn, man sieht es so wie jene, die im Gegensatz zu dem »Cap Anamur«-Arzt und früheren Vietcong-Fan Merholz nicht zugeben wollen, daß sie seinerzeit für die falschen Beglücker gejubelt haben.
Mag sein, daß sich viele Flüchtlinge durchaus nur für ein besseres Leben abgesetzt haben und nicht weil sie Drangsal und Haft zu fürchten hatten. Aber sollen sie deshalb ins Arbeitslager, wie der Stücke- und Sprüchemacher Peter Weiss empfiehlt?
»Ich bin politisch verfolgt und komme nicht aus wirtschaftlichen Gründen«, behauptet Französisch-Professor Lam Kim Quang aus Saigon, der die letzten drei Jahre vor seiner Flucht im Umerziehungslager verbracht hat. Aber man merkt, daß das Bekenntnis eingepaukt ist.
Natürlich flüchten die meisten aus wirtschaftlichen Motiven. Aber Wirtschaft und Politik sind im neuen Vietnam nicht zu trennen. Wo immer es was zu verteilen gibt, stehen die Kollaborateure von gestern stetig ganz hinten an - bei der Lebensmittelausgabe, bei der Jobvermittlung, bei der Vergabe von Wohnungen oder Studienplätzen. Und der Kollaborateur beginnt nach Aussagen der Flüchtlinge oft schon beim Briefträger.
Li Van Dong beispielsweise, Ex-Gefreiter der geschlagenen südvietnamesischen Armee, ist ein Kollaborateur ersten Grades. Nach seiner Entlassung aus dem Arbeitslager verdiente er gerade so viel, um fünf Kilo Reis im Monat kaufen zu können. »Ist Hunger kein politisches Motiv?«
Härter als die Philanthropenschelte von links trifft Neudeck die Kritik der karitativen Konkurrenz, die ihm vorwirft, er produziere mit dem Sogeffekt seiner Operation einen Großteil der Schiffbrüchigen selbst, die er aus dem Ozean fischen läßt.
Für Captain Peter Pförtsch, den Inhaber von »Roland Marines«, ist das dümmliches Landrattengewäsch. Die Chance, von den Deutschen aufgefischt zu werden, sei eins zu hundert. Aber die Flüchtlinge an Bord der »Cap Anamur«, die der SPIEGEL befragt hat, kannten das Schiff aus Sendungen der Deutschen Welle und der Stimme Amerikas.
Sie kannten sie nicht mit Namen. Aber sie wußten, daß sie vor der Küste kreuzte, häufig sogar in welchem Planquadrat.
»Das Schiff war unser Licht«, sagt Phan Quang Tu. Und dieser Mythos ist der »pull factor«, der dem DRK-Generalsekretär Hans-Jürgen Schilling mißfällt. Der »pull factor« der 7. US-Flotte, die vor der vietnamesischen Küste mit vielen Schiffen und sogar mit Flugzeugen Flüchtlinge sucht, müßte dann freilich ein paarmal so groß sein.
Keines der von der »Cap Anamur« geretteten Boote, sagt Rupert Neudeck, hätte aus eigener Kraft ein fremdes Ufer erreichen können. Ohne fremde Hilfe seien sie alle »dem sicheren Tod ausgeliefert gewesen«.
Tatsache aber ist: Von den 377 Flüchtlingen, die zur Zeit an Bord sind, hat keiner länger als drei Tage auf Rettung warten müssen. Deshalb waren sie auch alle bei passabler Gesundheit, als sie aufgefischt wurden.
Und Fischer Nguyen Van Chin bezeugt, daß er eigentlich auf dem Weg nach Indonesien war, als ihn die »Cap Anamur« rettete. Er hatte Treibstoff und Lebensmittel reichlich an Bord. Für ihn gäbe es heute wohl kein Asylproblem, wenn er weitergefahren wäre.
S.142
Wir sind zusammengekommen mit einem zarten Kuß der Menschheit,
Blicke voller Liebe, Lächeln voller Freundlichkeit sagen uns: Wir
sind wiedergeboren ... Cap Anamur, vorbei ist die Nacht.
*