SED: Honecker kommt
SED-Chef Erich Honecker ist, trotz des Eklats über die Einreiseverweigerung der DDR für die CDU-Politiker Bernhard Vogel und Heiko Hoffmann, nach wie vor daran interessiert, noch in diesem Jahr die Bundesrepublik zu besuchen. Als geplanten Termin nennen SED-Funktionäre den November.
Das Reiseverbot für den rheinlandpfälzischen Ministerpräsidenten Vogel und den CDU-Fraktionsvorsitzenden im schleswig-holsteinischen Landtag Hoffmann hatte in Bonn Spekulationen ausgelöst, Honecker wolle wegen der schlechten Ost-West-Lage vorläufig einen Gegenbesuch bei Helmut Schmidt vermeiden. Als Indiz dafür galt auch, daß der Chef der Bonner DDR-Vertretung, Ewald Moldt, bis Ende September nicht auf seinem Posten ist.
Doch Moldt, derzeit in Urlaub, wurde für September gerade wegen des Honecker-Besuchs nach Ost-Berlin beordert: Bei einer Klausursitzung soll im ZK-Apparat der SED und im Außenministerium die Visite des Staatsratsvorsitzenden vorbereitet werden.
Für Honeckers unvermindertes Interesse an seiner West-Reise werden drei Gründe genannt:
* Es sei nach wie vor die Moskauer Linie, in der Abrüstungsfrage die Differenzen zwischen Bonn und Washington zu vertiefen. Dabei, so die Hoffnung des Kreml, könnte Honeckers Visite beim Kanzler nützlich sein.
* Die DDR setze darauf, daß bei einem Gespräch Schmidt-Honecker eine Vereinbarung über die Elbgrenze perfekt gemacht werden könne. Daran ist der DDR vor allem deshalb sehr gelegen, weil sie ein Grenzabkommen mit Bonn als Schritt zur völkerrechtlichen Anerkennung durch die Bundesrepublik interpretieren könnte.
* Die prekäre ökonomische Situation zwinge Ost-Berlin dazu, die wirtschaftlichen Beziehungen zur Bundesrepublik auszubauen. Auch dafür sei ein baldiger direkter Kontakt Honeckers zu Schmidt hilfreich.
Mitbringen freilich will der SED-Chef nichts.
Vorbeugend hat Ost-Berlin die Bonner bereits wissen lassen, die DDR habe mit den in den vergangenen Monaten verfügten Reiseerleichterungen genug getan, nun seien die Westdeutschen am Zuge.
In diesem Sinn müsse auch, so SED-Leute, die vom Politbüro verfügte Einreisesperre für die christdemokratischen Politiker Vogel und Hoffmann gesehen werden: Die SED-Spitze wollte mit dem Affront klarstellen, daß sie in der auf die Nato-Nachrüstung eingeschworenen Union auch weiterhin, trotz wackliger Koalition in Bonn, den ideologischen Erzfeind sieht.
Daß sie ihr Exempel ausgerechnet am liberalen CDU-Mann Vogel statuierte, führen SED-Kenner auf Personalmangel zurück: Im ZK-Apparat fehle es an Fachleuten für die ständige Beobachtung der CDU/CSU.
Die SED-Strategen übersahen noch einen anderen für Erich Honecker peinlichen Punkt: Der Obermarxist will, wenn er in den Westen kommt, unbedingt auch Trier, die Geburtsstadt von Karl Marx, besuchen. Sein Gastgeber in Trier wäre Bernhard Vogel.