Sehstoff auf Lager - DER SPIEGEL
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Sehstoff auf Lager

Die Deutsche Welle will die Unkenntnis der Amerikaner über die Bundesrepublik beheben. Ihr Plan: ein deutsches Fernsehprogramm für USA, ausgestrahlt über Satelliten, finanziert mit Werbung.
• aus DER SPIEGEL 37/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein deutsches Kommerzfernsehen, das Bonner Politiker und Karlsruher Richter bislang verhindert haben, soll nun doch gestartet werden -- in den USA.

Als Veranstalter kommen allerdings keine Privatinteressenten wie Zeitungsverleger oder Filmproduzenten in Frage, sondern eine öffentlich-rechtliche Anstalt, der seit je »Rundfunksendungen für das Ausland« gesetzlich obliegen: die Kölner Deutsche Welle (DW).

Ein »alarmierendes Defizit« an Deutschland-News haben die meist auf Kurzwelle sendenden Hörfunk-Macher in den USA geortet, obwohl doch die westliche Führungsmacht ein »erstrangiger Adressat« für westdeutsche Informationen sei. Abhilfe verspricht ein DW-Planungspapier, das die Anmietung von Sendezeiten auf amerikanischen Fernsehsatelliten und die Ausstrahlung eines »Programmblocks an bestimmten Tagen, zu bestimmten Zeiten« empfiehlt. Finanzierungsquelle des Programms: Fernsehwerbung deutscher und amerikanischer Firmen.

Richtig am Informationsalarm ist, daß amerikanische TV-Nachrichtensendungen wenig aus der Bundesrepublik oder überhaupt aus Europa berichten. Weil die an hohen Einschaltquoten interessierte Fernsehwerbung auch in die News-Shows eingeschnipselt wird, fallen Auslandsmeldungen mangels Interesses der Zuschauer häufig unter den Tisch. Fernsehmagazine wie den ARD-»Weltspiegel« oder das ZDF-»Auslandsjournal« gibt es aus den gleichen Gründen bei den US-Networks ohnehin nicht.

Zumindest bei qualifizierten Minderheiten, behauptet das DW-»Expose«, sei das Interesse am auswärtigen Geschehen aber gewachsen, weil eine »immer breiter werdende Bevölkerungsschicht« in den USA die Abhängigkeit der nationalen Sicherheit und des Wohlstands von anderen, »insbesondere den europäischen Ländern« erkenne. Hinzu kämen als Zielgruppen für ein Deutsches Fernsehen made in USA Deutschstämmige, Deutschlandtouristen und früher in der Bundesrepublik stationierte Soldaten mit ihren Familien.

Die Kölner orientierten sich bei ihrem Planspiel vor allem an Erfahrungen eines seit 1978 in den Vereinigten Staaten existierenden französischen TV-Programms, der »Telefrance USA«. Das Gemeinschaftsunternehmen der S.69 Staatsholding »Sofirad« und des Medienkonzerns Gaumont erreicht mit Reportagen, Filmen und Nachrichten aus Paris mittlerweile an die 20 Millionen US-Zuschauer in fünf Millionen Haushalten, wenn auch nicht durchweg als Dauerseher.

Da nach neueren Umfragen auswärtige Programme bei bestimmten Schichten gerade dann Gefallen finden, wenn sie sich durch anderen Zuschnitt von der öden Gleichartigkeit der amerikanischen Kommerzprogramme abheben, versucht »Telefrance USA«, das US-Fernsehen nicht zu kopieren, und sendet in Französisch mit englischen Untertiteln. Allein wegen der Fremdsprache wird der Frankreich-Import, ebenfalls laut Umfragen, von rund 70 Prozent der Zuschauer geschätzt. Einnahmequelle: französische und amerikanische Werbespots.

Ermöglicht werden derartige Fremdprogramme durch die Entwicklung der Fernsehtechnik, wie sie sich auch hierzulande abzeichnet: durch Kabel- und Satellitenfernsehen. Zwar stehen die sogenannten Direktsatelliten -- mit genügend Sendestärke für den großflächigen Direktempfang mittels Hausantennen -- erst in einigen Jahren zur Verfügung. Doch die derzeit sendenden Nachrichtensatelliten sind für den Richtfunk in zentrale Empfangsstationen geeignet, die über Kabelsysteme mit einer Vielzahl von TV-Kanälen die Programme in die Haushalte verbreiten.

»Telefrance USA« wird täglich drei Stunden lang, eingebettet in andere Programme, über den Satelliten Satcom 1 gesendet und von mittlerweile 215 Kabelstationen übernommen. »Deutsche Städte- und Landschaftsbilder, deutsche Musik, deutsches Theater, deutsche Filme, deutsche Unterhaltung, aber auch das übrige politische und kulturelle Geschehen« im Lande hält der stellvertretende Intendant und DW-Planer Heinz Fellhauer (CDU) für attraktiv genug, um damit ebenfalls Zugang zu Millionen Kabelfernsehkunden in den USA und in Kanada zu finden -- in deutscher Sprache, mit englischen Untertiteln.

Eine Programmproduktion speziell für Nordamerika scheide »aus Kostengründen zumindest gegenwärtig aus«, so Fellhauer, doch ARD und ZDF, öffentliche wie private Produzenten und womöglich auch der Österreichische und Schweizer Rundfunk hätten genügend Sehstoff für Amerikaner auf Lager, den die Deutsche Welle nur aufbereiten müsse.

Die Auslandsvertriebsfirma der Rundfunkanstalten, »TransTel«, stellt schon längst erfolgreiche Auswahlsendungen aus deutscher Produktion für die Dritte Welt zusammen. Veranschlagte Programmkosten für das US-Projekt: 4,2 Millionen Mark, erhoffte Einnahmen bei vier Werbeminuten pro Stunde: fast ebensoviel. Diese Kalkulation halten Experten allerdings für zu optimistisch. Wie die französische Regierung bei »Telefrance USA« müsse Bonn wohl auch beim Amerikaprojekt der Deutschen Welle zuschießen. Der Etat der Kölner Anstalt ressortiert ohnehin im Haushalt des Bundesinnenministeriums.

Der neue Intendant Klaus Schütz (SPD) läßt das Vorhaben derzeit in Bonn sondieren. Der elfköpfige Rundfunkrat wird am 18. September darüber beraten.

Größer noch als die Etathürden bei der finanzklammen Bundesregierung könnten freilich die rundfunkpolitischen Widerstände werden. Denn gerade die regierenden Sozialdemokraten, voran Bundeskanzler Helmut Schmidt, wollen jegliches Kommerzfernsehen verhindern.

Ein Informationsprogramm für USA habe zwar eine »andere Qualität« als westdeutsche Privatfunkinteressen, meint DW-Sprecher Lothar Schwartz, zuvor SPD-Vorstandssprecher in Bonn, aber es könne durchaus als neuer »Aufhänger für eine innenpolitisch eingefärbte Diskussion« benutzt werden.

Als Sofortmaßnahme, vor den erwarteten langwierigen Konsultationen, taten die Kölner Auslandsfunker daher erst einmal das Nächstliegende: Letzten Sonntag verlängerten sie ihre Kurzwellensendungen für Nordamerika, bislang 20 Minuten für die West- und 30 Minuten für die Ostküste, auf täglich 50 Minuten.

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