SEIN 83. GEBURTSTAG - DER SPIEGEL
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JENS DANIEL: SEIN 83. GEBURTSTAG

• aus DER SPIEGEL 2/1959
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Ergebnis 3000jähriger abendländischer Bemühungen sind also Kaffeesatz und Stoßgebet!

Gregor von Rezzori in »Oedipus siegt bei Stalingrad«.

Wenn nicht das gesamte Bundesregiment in den künftigen Monaten auf der babylonischen Waage läge, dann könnte man den 83. Geburtstag Konrad Adenauers zum Anlaß nehmen, eine Würdigung dieses für Deutschland erheblichen Mannes zu Lebzeiten, anstatt eines gravitätischen In-memoriam-Artikels zu versuchen. Denn dem Bild, das die Ära Adenauers von sich gezeichnet hat, sind seit dem Kanzlerbesuch in Moskau, ja eigentlich schon seit dem Ende der EVG im Sommer 1954 keine neuen Pinselstriche mehr hinzugefügt worden. Das mechanische Weitergerinnen aller Formationen gemäß den einmal gegrabenen Kanälen ist geradezu das Kennzeichen dieser in politicis genügsamen Epoche. So aber, da die Sowjet-Union das Reisig für die Feuerprobe zusammengetragen hat, mag die schein-paradoxe Feststellung gewagt werden: Noch nie wäre ein Ausfall des 83jährigen so schwer überbrückbar gewesen, und noch nie war seine Ablösung so dringend geboten wie jetzt.

Das westliche Engagement für Berlin ruht nicht zuletzt auf den persönlichen Beziehungen der leitenden Volksbeauftragten untereinander. Versprechungen, die einer Person gegeben wurden, haben in der amerikanischen Außenpolitik Gewicht, wie man am unheilvollen Beispiel Tschiangs gesehen hat. Die Rußland-Politik der englischen Tories, dauernd im Begriff zu kentern, hält sich nur noch im Schlepp des Bonner Immobilismus über Wasser. Frankreichs de Gaulle wird sich als Staatspräsident kaum noch mit dem deutschen Nicht-Oberhaupt Adenauer, gewiß aber mit keinem nachfolgenden Regierungschef treffen. Man braucht sich also gar nicht erst das An-einem-Strang-Verhältnis zwischen Adenauer und seinem Abendstern Dulles vor Augen zu halten, um zu dem Schluß zu gelangen, daß die Westmächte, wenn überhaupt, dann nur von Adenauer bei der Stange gehalten werden können; wenn überhaupt.

Fragt man sich freilich, wie es zu solch einer riskanten und in jedem Fall folgenschweren Kraftprobe kommen konnte, ja, in absehbarer Zukunft mußte, so trifft man wieder auf den medizinischen Höchstleistungs-Matador am Rhein. Mit einer ans Wunderbare grenzenden Eigenwilligkeit hat der Kanzler die geographischen und historischen Gegebenheiten Europas aus dem Kalkül ausgeschlossen. Seine Ambition gipfelte nicht darin, den total siegreichen Sowjets den Rückzug aus Mittel-Europa zu erleichtern, sondern ihnen die entscheidende Niederlage beizubringen - eine Politik, die den Interessen aller europäischen Staaten zuwiderlief, da Europas Kräfte solch einer Höllenprobe auf lange Zeit hinaus nicht gewachsen sein werden.

Nun kann sich der Kanzler zweifellos darauf berufen, daß die meisten guten Europäer mit ihm die moralische und die militärtechnische Stärke des Sowjetstaates unterschätzt haben. Aber er hat den anderen voraus, daß ihm das Wesen der sowjetischen Revolution - bei ihrem Ausbruch 1917 war er einundvierzig Jahre alt - stets nur als blankes Teufelswerk verständlich erschien. Dieser sonst doch so machtgläubige Mann hatte den Sowjets gegenüber die Blindheit, die Tatsachen-Verachtung und die Heilsgewißheit eines Heiligen. Mit erhobenem Schwurfinger gelobte er im 53er Bundestagswahlkampf das Wunder der Wiedervereinigung, die in seinen Augen nicht anders vor sich gehen konnte als im Zuge einer irdischen Vorwegnahme des Jüngsten Gerichts, einer Vorleistung des Himmels in der geschichtlichen Auseinandersetzung mit den Jüngern Satans.

Diese Betrachtungsweise, vor der Jesus seine Jünger nicht genug warnen konnte, ist im christlichen Abendland nicht neu. Ob der Iren-Vertilger Cromwell das von ihm geschaffene »Parlament der Heiligen« auseinandertrieb oder ob der spanische Hexen-Verbrenner Philipp den Papst in Rom mit Krieg überzog - die himmlischen Heerscharen wurden jeweils für irdische Ziele zu den Fahnen einberufen. Allerdings, seit die spanische Armada vor Englands Küste in alle Winde zerstreut wurde, gehört ein besonders rührendes und ungeschichtliches Gemüt dazu, die Weltgeschichte als eine Kasperl-Auseinandersetzung zwischen »Gut« und »Böse« zu begreifen. Da doch Gott der Herr der Geschichte ist: Warum sollen die Sowjets nicht ebenso gut seine Werkzeuge sein wie die westlichen Völker, wie Cromwell und Philipp? Gottes Wege sind nicht und niemals die Wege der Menschen. Wußte Jericho, warum es ausgerottet und den Kindern Israels zum Massaker ausgeliefert wurde? Die Sowjets umziehen die Stadt Berlin mit ihren Sputniks, ihre Bundeslade heißt Umgehungsring.

Wenn Westberlin dem Kommunismus verschlossen bleibt, so nicht, weil Adenauer ein menschlicherer Mensch ist als Ulbricht (wovon jeder Gutwillige überzeugt sein muß), sondern weil wir alle uns entschließen, schrittweise den Rüstungswettlauf zu verlangsamen, der zur Katastrophe führen muß.

Ein würdiger alter Herr, der in Frieden Geburtstag feiert, ist ein erfreulicher Anblick. Aber die dem Verdienst gebührende Gratulationscour ist kein zureichender Grund, vor dem Obskurantismus die Augen zu verschließen, der die Welt in neues und schrecklicheres Verderben zu stürzen droht. In seiner Weihnachtsansprache hat der Kanzler die friedlichen Zeiten vor 1914, jene »wirklich friedlichen« Zeiten vor 1914 gepriesen. Nun, friedlich waren sie für den Schoppentrinker im Stammstüble, der die schrecklichen Gewitter so wenig heraufziehen sah wie heute. Die Katastrophe, auf die doch alle hinarbeiteten, hat niemand gewollt - wie heute. Wir fragen die Bundestagsmehrheit, ob sie sich bewußt ist, daß auch der Geburtstag des Kanzlers Bethmann Hollweg im November 1913 festlich begangen worden ist, jenes Mannes, der laut Wilhelm »alles Volk um Haupteslänge überragte«.

Jens Daniel
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