Rüstung Selber machen
Die Lage wirkte etwas peinlich: Da hatten die Deutschen während des Golfkriegs versprochen, der Türkei mit deutschen Flugabwehrraketen gegen eine mögliche irakische Bedrohung auszuhelfen - dann konnte das Gerät nicht transportiert werden.
Die Transall-Transporter der eigenen Luftwaffe waren zu klein für sperrige Rüstungsgüter wie Roland-Raketen. Die alten Propellermaschinen hätten zudem auf dem Weg an den fernen Rand des Nato-Gebiets zeitraubende Zwischenstopps zum Nachtanken gebraucht. Die Bonner Regierung charterte deshalb einen russischen Antonov-Transporter - und mußte, als dessen Piloten den Auftrag verweigerten, tagelang bei den amerikanischen Freunden um Transportgelegenheit bitten.
Das soll nicht wieder vorkommen. Ein europäisches Großraumflugzeug, Arbeitstitel »Future Large Aircraft« (FLA), soll die Transall ersetzen und der Bundeswehr weltweite Einsätze mit oder ohne Uno-Blauhelm möglich machen.
Auch der Plan der mitteleuropäischen Nato-Länder, leichtbewaffnete Eingreiftruppen zu Aktionen im »Krisenbogen von Marokko bis Pakistan« (Generalinspekteur Klaus Naumann) zu entsenden, braucht nach Ansicht der Generäle ein neues Transportflugzeug mit großer Reichweite.
Noch gibt es ein Problem. Für das FLA-Projekt, das über Reißbrettstudien, Holzmodelle und bunte Werbebroschüren nicht hinaus ist, fehlt den Bonner Militärs und ihren Verbündeten bisher das Geld.
Die zweimotorige Transall war vor drei Jahrzehnten als Vorzeigestück der jungen deutsch-französischen Militärkooperation entstanden. 89 der »Kampfzonentransporter« hatte die Luftwaffe beschafft - in einer Ära, als die Bundeswehr noch »die Unversehrtheit des Territoriums der Bundesrepublik Deutschland wiederherstellen« sollte.
Einen »Quantensprung« versprechen jetzt die FLA-Planer: Ihr größerer Düsentransporter für das »Out of area«-Zeitalter werde mit vier Triebwerken 25 statt 16 Tonnen Fracht schleppen, schneller (750 statt 495 Stundenkilometer) und weiter (4350 statt 1850 Kilometer) fliegen als die Transall.
Vorausgesetzt, es gibt die bis zum Jahr 2003 veranschlagten 7,5 Milliarden Mark Entwicklungskosten. Waren für eine Transall 1967 noch 19,1 Millionen Mark fällig, so wird FLA mehr als 100 Millionen Mark kosten.
Die Luftwaffe möchte mindestens 60 der teuren Flieger haben; macht mit Ersatzteilen und Zubehör mehr als zehn Milliarden Mark. Schon hat die zum Daimler-Konzern gehörende Deutsche Aerospace (Dasa) mit Partnerfirmen aus Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien ein Konsortium für Entwicklung und Produktion des neuen Transporters gegründet.
Es winkt ein gutes Geschäft. Die Dasa hofft, 500 bis 600 Flugzeuge ließen sich allein in Europa als Nachfolger der Transall oder der US-Konkurrenz Hercules-C 130 verkaufen. Dasa-Manager Hartmut Mehdorn: »Der Bedarf ist da.«
Für die Deutschen wird der Bedarf dringend. Wegen der vielen humanitären Flüge für Bosnien und des Einsatzes in Somalia verschleißen die Transall-Maschinen früher als geplant. Eigentlich sollten sie erst im Alter von 45 Jahren (Durchschnittsalter der Lufthansa-Flugzeuge: 5,7 Jahre) von 2013 an stillgelegt werden. Nun müssen sie wegen Materialermüdung mehrere Jahre vorher verschrottet werden.
Für die FLA-Entwicklung ist im Wehretat jedoch »kein Platz«, beschied der Bonner Rüstungsstaatssekretär Jörg Schönbohm kürzlich Emissäre der Luftwaffe. Deshalb läßt er seine Rüstungsplaner jetzt prüfen, ob sich die Entwicklungs- und Beschaffungskosten mit Hilfe bereits bewährter Bauteile drücken lassen - die Dasa hatte der Hardthöhe früher »militarisierte« Versionen des Airbus angeboten. Möglich wäre auch, einen flugfähigen Militärtransporter - etwa eine Version der Hercules - zu modernisieren.
Der Konkurrenz in USA aber wollen die Dasa-Manager das Multimilliardengeschäft zum Auftakt des nächsten Jahrhunderts nicht überlassen. Lieber sind sie bereit, Grundsätze zu opfern.
Bisher legte die Rüstungsindustrie Wert darauf, jedes eigene Risiko zu meiden und über die Staatskasse abzusichern. Jetzt wird ernsthaft überlegt, für das FLA-Projekt die Entwicklungskosten selbst zu übernehmen und wie bei zivilen Vorhaben Kredite aufzunehmen.
»Wenn wir nicht selber etwas machen, kriegen wir am Ende womöglich gar nichts«, erkannte Mehdorn.
Doch selbst wenn die Dasa den Frachtjet auf eigenes Risiko entwickelt und sich dann im Wehretat genug Geld zum Kauf findet - eines gelänge der Luftwaffe immer noch nicht: Sie könnte mit einem FLA kein komplettes Roland-System in die Türkei bringen. Ein Roland wiegt 30 Tonnen - fürs FLA sind das 5 zuviel. Y