»Selbstmord oder Kapitulation« - DER SPIEGEL
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»Selbstmord oder Kapitulation«

SPIEGEL-Redakteur Volkhard Windfuhr über die PLO in Beirut
• aus DER SPIEGEL 26/1982
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Gebt den sinnlosen Kampf auf und rettet euer Leben«, tönt es aus israelischen Armeelautsprechern in der libanesischen Gebirgsstadt Bhamdun, »zieht euch über Araja und Hamana zurück, solange wir euch diesen Ausweg noch offenhalten.«

Die an der Straße Beirut-Damaskus eingeschlossene motorisierte Brigade der syrischen Armee nimmt das Angebot an. In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag räumen die Syrer die strategisch wichtige Bergstellung im Osten Beiruts und setzen sich, von pausenlosen israelischen Luftamgriffen und Panzerangriffen zermürbt, langsam in östlicher Richtung ab. Am libanesisch-syrischen Grenzübergang Masnaa lähmen zurückströmende Kolonnen und halb zerschossene Armeefahrzeuge den Verkehr.

Andere Positionen aber verteidigen die Syrer hartnäckig, und die Invasoren kommen nur unter schweren Verlusten voran: 17 Tote und 47 Verwundete an einem einzigen Tag.

Die Israelis hatten ihre strategischen Ziele abermals vorverlegt. Sie wollten nunmehr die Syrer von der westlichen Kette des Libanon-Gebirges vertreiben, die parallel zum Mittelmeer verläuft und den Westrand der an Syrien grenzenden Bekaa-Hochebene bildet. Von den Anhöhen aus könnten sie dann die Ebene einsehen und die Syrer zum weiteren Rückzug zwingen.

Die Militärmacht Syrien erweist sich als schlecht gerüstet - oder tut wenigstens so. An einem einzigen Tag verliert Syrien über 30 Flugzeuge - MiG-15- und MiG-17-Jäger aus der Zeit des Koreakriegs, die gegen Israels modernes Fluggerät keine Chance haben.

»Präsident Assad, selbst ein Pilot, weiß das ganz genau«, entrüstet sich ein syrischer Offizier in West-Beirut in Gegenwart syrischer Soldaten. »So kann er sich zu Hause brüsten, im Kampf gegen Israel hohe Verluste erlitten zu haben, Beweis syrischer Standhaftigkeit.«

Im enger gewordenen Kessel des leidgeprüften, schwer leidenden Beirut ist von solcher Standhaftigkeit der einstigen Libanon-Ordnungsmacht Syrien nichts zu spüren. Vor der argentinischen Botschaft, in unmittelbarer Nähe des einzigen noch geöffneten Grenzübergangs zwischen dem islamischen West-Beirut und dem christlichen Ostteil der Stadt, kontrollieren übernächtigte syrische Soldaten die wenigen passierenden Autos.

»Wir werden Israel bekämpfen, wo immer wir es antreffen«, steht auf einem vergilbten Pappschild. Doch die Wirklichkeit straft die Parole Lügen. Denn nur noch 325 syrische Soldaten harren in der eingeschlossenen Stadt des Endkampfes.

Tag und Nacht erschüttern Einschläge von Raketen und Granaten israelischer Kanonenboote die westlichen Stadtteile. In khakigrüne Uniformen gekleidete Angehörige der einzigen noch kampfkräftigen Libanon-Miliz, der von Libyen ausgehaltenen »Murabitun«, feuern hilflos mit ihren Maschinenpistolen auf israelische Kampfflugzeuge, deren Bomben die Stadtteile Sabra, Schatila, Burdsch el-Baradschina in Trümmer legen.

Wohnhäuser brennen, libanesische Zivilisten werden durch Bombensplitter auf offener Straße getötet. Oder auch beim Teetrinken, zum Beispiel im berühmten Straßencafe »Horse Shoe« in der Hamra, der einstigen Prachtstraße der Hauptstadt. Ein Volltreffer löschte dort über 20 Menschenleben aus.

Vergangenen Mittwoch, als ein israelisches Geschoß ein Munitionslager der PLO im alten Hotelviertel trifft, finden 50 Menschen den Tod.

Das Leiden der Bevölkerung scheint kein Ende zu nehmen. Denn der israelische Beschuß macht ganze Straßenzüge zu Todeszeilen, etwa die einst belebte Corniche el-Masraa oder die Rue Foch. Drei Viertel der Geschäfte in West-Beirut sind geschlossen, andere lassen die Gitter schon um die Mittagszeit herunter. Mehr und Zucker, Gemüse und Milch werden knapp. Strom gibt es nur maximal vier Stunden am Tag, Wasser nur alle zwei Tage für vier Stunden.

West-Beirut, noch vor wenigen Jahren die elegante Metropole eines weltoffenen Libanon, ist ein Alptraum geworden. Zwischen zerschossenen Häusern und zerschmetterten Schaufenstern hocken Bettler - die ersten Bettler, die Beirut gesehen hat - auf den von Schutt und Exkrementen bedeckten, von Ratten bevölkerten Bürgersteigen.

Im Eingang des Sarulla-Filmtheaters sitzen zerlumpte Kurdenkinder, putzen unidentifizierbaren Milizionären die Schuhe. Dahinter das Mammutposter des letzten Films: ein düsterer Geselle mit gezückter Pistole. Makabrer Titel dieses Films, der vor der israelischen Invasion gezeigt wurde: »The Exterminator«.

Als eine Bombe eine große Telephonzentrale zerstört, verstummen auch die Telephone. Auf einen Schlag sind 65 000 Leitungen gekappt.

»Endzeitstimmung«, so nennt die Zeitung »El Nahar« die Atmosphäre in der Stadt, und die Menschen beginnen nun, alte Rechnungen zu begleichen. Im Basta-Viertel greifen linke PLO-Freischärler zu den Waffen, weil sich libanesische Bäcker und Gemüsehändler weigern, sie ihren Stammkunden vorzuziehen.

Die kalte Feststellung Abu Ijads, des extremistischen Arafat-Rivalen innerhalb der Fatah, »West-Beirut ist unsere größte Trumpfkarte«, hat die Bewohner der umzingelten Stadt praktisch zu Geiseln der PLO gemacht. »Ich glaube, nicht einmal die Israelis hätten den Palästinensern zugetraut, daß sie uns, ihre libanesischen Gastgeber, mit in den Tod reißen wollen«, klagt ein Polizist. S.97 Schon fangen die verschiedenen PLO-Gruppen an, sich die Schuld für das Desaster und das offenbar bevorstehende Ende der PLO in Beirut zuzuschieben.

Die »Kollaboration einiger unserer Führer mit den arabischen Reaktionären in Saudi-Arabien und am Golf« ist für den Moskau-freundlichen Georges Habasch die Ursache des Übels. Und seine Absicht ist: »Wir wollen aus dem Libanon ein zweites Vietnam machen, aus Beirut ein zweites Stalingrad.«

Abu Ijad sieht »Verrat in den eigenen Reihen«. Und der mit Syrien verbündete Naif Hawatmeh gibt die Parole aus: »Kampf bis zur letzten Patrone.«

»Jetzt fallen sie über sich selber her«, sagt der bisherige PLO-Alliierte Walid Dschumblat: »Sie müssen sich entscheiden zwischen allgemeinem Selbstmord oder Kapitulation.«

In dieser Stunde ihrer höchsten Not empfinden es die Palästinenser als besonders bitter, daß kein Araberstaat ihnen hilft, daß alle lauten Bekenntnisse zum Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser - Bekenntnisse, die sie der ganzen Welt abverlangt haben - offenbar für die Araber nur fromme Sprüche waren.

Nun, da Israel Beirut zermalmt, beriefen diese Staaten nicht mal einen Gipfel ein. Offenbar hatten sie die so oft unbequeme und in jedem Fall kostspielige PLO schon fallengelassen, bevor in Beirut das große Sterben begann.

S.97Die Palästinenser winken einer abgefeuerten Boden-Luft-Rakete(links) nach.*

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