Selbstmord oder Korruption
Ein türkischer Staatsbeamter, mittlere Laufbahn, 15 Dienstjahre, verdient knapp 50 000 Lira im Monat (600 Mark). Nach Steuern und Abgaben bleiben ihm rund 30 000. Die Miete für seine Dreizimmerwohnung, mittlere Wohnlage in der Hauptstadt Ankara, kostet ihn, ohne Heizung, 35 000 Lira. Bleibt ein Minus von 5000 Lira.
Daher arbeitet auch seine Frau: Sie hat einen Job in einem Labor gefunden und bringt 24 000 Lira nach Hause. Bleiben der Familie, ein Kind, knapp 20 000 Lira im Monat für die Lebenshaltung - das sind wenig mehr als 200 Mark.
32 000 Lira aber kostet, wie die staatlichen Statistiker errechneten, der kleinste Lebensmittelkorb für eine vierköpfige Familie, nicht zu reden von Kleidung, Toilettenartikeln oder gar Luxus wie Zeitschriften, Bücher, Kino oder Urlaub. Bleibt dem türkischen Staatsdiener und Familienvater nur Korruption oder ein Ausweg, der etwa unter den Polizisten der Hauptstadt Ankara fast epidemische Ausmaße erreicht hat: Selbstmord.
Dabei gehören der Staatsbeamte und seine Frau noch dem Mittelstand des Landes an. Der offizielle Mindestlohn in der von Militärs beherrschten Türkei beträgt 16 000 Lira im Monat, gerade die Hälfte des minimalen Nahrungsbedarfs. Das bedeutet für ein Viertel der Arbeiter und Angestellten eine Diät von Bohnen und Fladenbrot, Nudeln und Reis, kaum aber je einen Bissen Fleisch.
Ein Fünftel der arbeitsfähigen Bevölkerung hat keine Arbeit. Da es aber bisher keine gesetzliche Arbeitslosenversicherung gibt, werden viele der Arbeitslosen zu dem, was sie nach dem Urteil staatlicher Dekrete sind: Asoziale, »Landstreicher«, die nach Artikel 19 der neuen Verfassung eingesperrt werden können.
Das soziale Elend macht auch vor den Kasernentoren des »Südostpfeilers der Nato« und EG-Aspiranten Türkei nicht halt: Der türkische Wehrpflichtige kassiert ganze 40 Lira Sold im Monat - knapp 50 Pfennig, der Preis einer halben Packung Zigaretten.
Solche Zahlen, in Europa allenfalls noch in Albanien möglich und selbst in etlichen Ländern der Dritten Welt kaum zu unterbieten, sind die meist schamhaft verschwiegene Kehrseite dessen, was internationale Bankiers, die geduldig auf Rückzahlung ihrer Kredite hoffen, was Zeitungen zuweilen als schieres »türkisches Wunder« anpreisen.
Optimistisch ist gar von einer türkischen »Trendwende« unter der Militärdiktatur ("Die Welt") die Rede, von »Aufschwung«, so ein Gutachten des Saarbrücker Instituts für Sozialplanung, von »bemerkenswertem Erfolg«, so ein OECD-Bericht, während die »Financial Times« gar eine »Erfolgsstory« am Bosporus entdeckte.
Die Inflation ist unter den Militärs von katastrophalen 130 auf 25 Prozent gesunken. Das Defizit in der Leistungsbilanz ist von 3,1 Milliarden Dollar im Jahre 1980 auf eine Milliarde geschrumpft, und die Exporte haben sich auf fast sechs Milliarden Dollar verdoppelt.
Allerdings verlieren diese Vorzeigeziffern 1983 schon wieder an Glanz. Die Inflation hat in diesem Jahr wieder 30 Prozent erreicht. Die Exporte stagnieren, da die Kriegsboom-Kunden Irak und Iran, mit denen die Türken in den vergangenen zwei Jahren glänzende Geschäfte machten, schwach bei Kasse sind und wenn überhaupt, dann nur noch auf Kredit ordern. Die Überweisungen der Gastarbeiter gehen angesichts wieder zunehmender Geldentwertung zurück - das Wirtschaftswunder der Generäle war ein Strohfeuer.
Mehr noch - zu den traditionell Armen Anatoliens, zu den landlosen Tagelöhnern und Kleinpächtern und dem Subproletariat, das in den »Gecekondus«, den Wellblechslums am Rand der großen Städte haust, oft ohne Wasser, ohne Strom, ohne Heizung, zu diesen Elenden stoßen die Absteiger des türkischen Mittelstandes. Das Einkommen von Beamten, Angestellten, Facharbeitern und Kleinhändlern ist seit dem Machtantritt der Militärs um mindestens ein Viertel gesunken. Die Realeinkommen von Arbeitern und Angestellten liegen heute in der Türkei unter dem Niveau des Jahres 1962.
Bei Lohnerhöhungen von maximal 20 Prozent in diesem Jahr und einer 30prozentigen Inflation fallen die Reallöhne immer weiter. Selbst die letzte noch zugelassene Gewerkschaft Türk-is konnte da auf eine Drohung des Finanzministers Kafaoglu, er werde »keinen einzigen Kurus zusätzliche Lohnerhöhung billigen«, nur mit bitterem Hohn antworten, sie wollten »ohnedies keinen Kurus fordern, da man damit, wie der Finanzminister weiß, heute kein einziges Streichholz mehr kaufen kann«.
Ex-Premier Bülent Ecevit beschreibt die wirtschaftliche Rückentwicklung der Türkei als »Lateinamerikanisierung« seines Landes - nur, daß in der Türkei von Monetaristen »nun ein Modell importiert wird, das in Lateinamerika längst Schiffbruch erlitten hat«.
Die Verelendung des Nato-Partners offenbart sich auch in einer anderen Zahl: 1980, beim Machtantritt der Militärs, betrug das statistische Pro-Kopf-Einkommen der Türken um die 1400
Dollar jährlich. In diesem Jahr dürfte es gerade noch 900 Dollar erreichen.
Dazu steigt - bei einem europäischen Rekord von 2,3 Prozent Bevölkerungszuwachs im Jahr - die Zahl der Arbeitslosen sprunghaft weiter an. Zu den 3,6 Millionen offiziell gemeldeten, stellungslosen Türken kommen jedes Jahr 450 000 Arbeitsuchende hinzu, von denen günstigstenfalls ein Drittel in der Heimat Arbeit finden kann.
Wenn sich die Lage nicht noch verschlechtert. Die Zahl der Pleiten mittlerer und kleiner Betriebe ist so hoch, daß die Zeitungen darüber nicht mehr berichten dürfen. Bankrotte Großbetriebe werden vom Staat übernommen, um die Arbeitsplätze zu retten - von einem Staat freilich, dem ohnedies schon 50 Prozent aller Unternehmen gehören.
Gleichzeitig hat dieser Staat nur noch wenig Mittel für erfolgversprechende Investitionen - die Investitionsquote liegt heute unter jener der 70er Jahre, obwohl von den amtlichen Statistiken schon alle Erhaltungs- und Reparaturaufwendungen, etwa für Straßen, Brücken, Bahnen, dazugeschlagen werden.
Gegen die allumfassende Wirtschaftsmisere weiß der intellektuell schlichte Kandidat der Militärpartei für das Premieramt, Ex-General Sunalp, nur »mehr Arbeit« zu fordern. Sein Wahlkampf-Rivale Özal stellt sich noch mehr seines ideologischen Monetarismus, den er als einstiger Finanzminister der Militärs betrieben hatte, als Lösung vor.
Beide Rezepte sind kaum geeignet, der siechen Türkei wieder auf die Beine zu helfen. So ist die nächste akute Krise bereits programmiert: 1985 endet das 1980 zwischen den OECD-Gläubigern und Ankara vereinbarte Schuldenmoratorium; dann werden zwei Milliarden Dollar jährlich an Zinsen und Tilgung für alte Schulden fällig.