Seltsames Unterfangen - DER SPIEGEL
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Briefe

Seltsames Unterfangen
• aus DER SPIEGEL 26/2000
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Seltsames Unterfangen

Nr. 24/2000, Einwanderung: Die Regierung will den Zuzug steuern

Dass es ohne gesteuerte Zuwanderung nicht länger geht, ist - schon aus demografischen Gründen - jedem klar. Bereits jetzt fehlen Fachkräfte. Solange jedoch die innerbetriebliche Ausbildung auf dem Altar der Gewinnmaximierung (wohlbemerkt: der Maximierung, nicht etwa der Wirtschaftlichkeit des Betriebs an sich) geopfert wird, wird sich daran allerdings nichts ändern. Ernten kann nur, wer zuvor gesät hat: ohne Ausbildung keine Fachkräfte - so einfach ist das. Jedoch können außerbetriebliche Bildungs- und Fortbildungseinrichtungen nur Grundlagen vermitteln - der Feinschliff erfolgt in der betrieblichen Praxis. Insofern ruft die Larmoyanz der Herren Staudt, Hundt oder Henkel (als Stellvertreter für die Industrie) nur noch Zorn hervor: Wer - wenn nicht sie - hat es denn in der Hand, neue Fachkräfte bedarfsgerecht heranzuziehen?

STUTENSEE (BAD.-WÜRTT.) JÜRGEN REINECKE

Wenn BDI-Chef Hans-Olaf Henkel & Co. wehklagen, es fehlten in Deutschland Fachkräfte, dann sollten die gleichen Leute endlich begreifen, dass die ab 30-Jährigen auch Menschen mit Fachwissen und -können sind, bei Deutschlands Firmen aber als bereits »zu alt« abqualifiziert werden. Nach Definition der meisten Firmen müsste der Meister großer und hohler Worte, H.-O. Henkel, sich schon mindestens zwei Jahrzehnte mit dem Dasein eines Frührentners begnügen. Wieso nehmen die selbstherrlichen »Führungskräfte« für sich eigentlich eine andere Zeitrechnung in Anspruch?

DÜREN (NRDRH.-WESTF.) GERHARD GIEBE

Ein seltsames Unterfangen, Leute nach Deutschland holen zu wollen, denen kaum Garantien für ihre persönliche Sicherheit geboten werden können. Solange in diesem Land ein Nazi-Mob weiterhin Ausländer auf offener Straße jagen und erschlagen darf, wie vorletzte Woche in Dessau, würde ich mir so was zweimal überlegen.

WEGBERG (NDRH.-WESTF.) PETER W. WINKLER

Man muss nicht Bundesinnenminster sein, um zu erkennen, dass Einwanderung kein Allheilmittel ist. Ich hätte erwartet, dass Sie für eine nachhaltige Verbesserung der Ausbildungssituation eintreten und nicht nur die Menschen verunsichern. Mit Ihren Illusionen unterstützen Sie nur die Pläne der Industrie, die eine Möglichkeit zur Einsparung von Ausbildungskosten entdeckt hat - und da sind Computerspezialisten sicher erst der Anfang. Die Aussagen der Herren Staudt und Hundt lassen sehr deutlich die negative Einstellung zur Ausbildung von qualifizierten Arbeitskräften in Deutschland erkennen.

ELTVILLE (HESSEN) OLIVER THOMAS

So, wie das englische Wort für »Limonade« nicht »Coca Cola« lautet, ist »Einwanderungspolitik« mit »Green Card« falsch übersetzt. »Green Card« ist nur die spezielle Formel der Einwanderungslogistik eines Landes, das im Vergleich mit Deutschland um Faktor zehn dünner besiedelt ist. Die USA haben keine Einwanderungspolitik, die USA sind Einwanderungspolitik. Amerika glaubt sich multikulturell und tolerant und ist bei näherem Hinsehen eine gnadenlose Monokultur des »American Way of Life« und der englischen Sprache. Deutschland hat völlig andere Verhältnisse und braucht keine »Green Card«, sondern im Schulterschluss mit seinen Nachbarn eine gesamteuropäische Ausländerpolitik.

LENGERICH (NRDRH.-WESTF.)

ALEXANDER REISENHOFER

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