Showdown mit Thilo - DER SPIEGEL
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BERLIN Showdown mit Thilo

Berlins Finanzsenator Sarrazin soll die Haushaltsprobleme der Stadt lösen - doch mit seinem wenig diplomatischen Auftreten macht sich der Sanierer die Arbeit unnötig schwer.
• aus DER SPIEGEL 41/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf dem Platz vor dem Roten Rathaus drängen sich ein paar hundert Erzieherinnen. Ihren Protest gegen geplante Etatkürzungen bündeln sie in einem Abzählreim, dem jüngsten Hit in Berliner Schulen und Kindertagesstätten: »Die Kinder schrein, die Eltern fliehn, dahinten kommt der Sarrazin!«

Nun ist Thilo Sarrazin (SPD), 57, auch noch der neue Kinderschreck der Hauptstadt. Der Finanzsenator in Deutschlands größter und marodester Stadt war zuvor schon der Buhmann der Polizisten, der Kulturschaffenden, der Sozialarbeiter, der Gewerkschaften und sogar der Mitarbeiter seiner eigenen Behörde. Sarrazins Job ist einer der härtesten, den die Politik derzeit zu vergeben hat: Er soll die Hauptstadt, die vollkommen pleite ist, sanieren.

Monatelang haben ihm die Sozialdemokraten einen Maulkorb verpasst. Sarrazin durfte nicht sparen, wie er wollte, um die Wiederwahl des Kanzlers nicht zu gefährden. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Radikaler Stellenabbau gegen blockierende Gewerkschaftsfunktionäre? Von Angst keine Spur. Verfassungsklage gegen den Bund? Das ist nur recht und billig.

Der Ex-Manager, der im Januar als Ersatz für die vor der Finanzlage geflohene Christiane Krajewski kam und zweimal kurz vor einer Entlassung stand, genießt seine Rolle. Die Stadt braucht einen harten Hund wie ihn, davon ist er überzeugt. Also muss er mit dem Heulen derer leben, denen er die Spardisziplin einprügelt.

Ungerührt doziert er über »Systeme, die sich nie von innen ändern, sondern nur durch Druck von außen«. Außen, das ist er, der Dampfmacher. Innen, das sind die anderen, die Besitzstandswahrer. Sarrazin teilt Berlin nicht in Regierung und Opposition, sondern in solche, die sich verändern wollen, und solche, die sich weigern.

Thilo Sarrazin sucht dabei immer den Showdown. Im Vergleich zu Berlin, lästerte er lustvoll gegen den eigenen Senat, sei doch der argentinische Haushalt »in den Eckwerten solide finanziert«. Als Schulsenator Klaus Böger unlängst bei einer Sparklausur zu einer flammenden Verteidigung der Privatschulen ansetzte, unterbrach ihn der Finanzverwalter kühl: »Mensch, Klaus, spar dir deine Kräfte, die richtig schlimmen Sachen kommen doch noch!«

Am Montagmittag vergangener Woche war wieder mal Highnoon. Im ersten Stock des Rathauses warteten an einem langen, schwarzen Tisch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und fünf Gewerkschafter, die ein paar hundert Millionen Euro einsparen helfen sollen.

Fünf Minuten später schritt Sarrazin im taubengrauen Zweireiher lässig über den roten Teppich, jeder Schritt des demonstrativ aufrechten Ganges eine bewusste Provokation der vermeintlichen Hüter des Öffentlichen Dienstes. Nach einem skeptischen Blick auf die Funktionäre knurrte Sarrazin misstrauisch: »Na, mal sehen, was hier heute läuft.« Es gab keine Einigung, er hatte auch nichts anderes erwartet.

Wowereit hat mit Sarrazin einen harten Sanierer an die Spree geholt. Der hat die Grundstücke der Treuhand verwaltet und das Streckennetz der Bahn zusammengestrichen. Er könnte auch Holzmann retten oder die Telekom. Sarrazin ist eigentlich der perfekte Insolvenzverwalter. Nur eins ist er nicht: ein Politiker.

So ist Thilo Sarrazin des Bürgermeisters wichtigster Mann - und zugleich sein größtes Risiko.

Nur eine Woche vor der Bundestagswahl sickerte eine Giftliste aus Sarrazins Behörde mit Sparvorschlägen durch, wie sie das subventionsverwöhnte Berlin noch nie erlebt hat: Kitakosten - verdoppeln. Studienplätze - um 25 000 kürzen. Opern - Zuschüsse zusammenstreichen. 80 Punkte insgesamt.

Sarrazin beeilte sich, die Vorschläge als das »technisch Machbare« herunterzuspielen, das nun noch politisch gewichtet werden müsse, aber da war es schon zu spät. Die Empörung reichte bis in den Senat. »Instinktlos« seien die Vorstellungen, befand Senator Böger, und erhob den schlimmsten Vorwurf, den ein Sozialdemokrat einem Sozialdemokraten machen kann: Sarrazins Liste offenbare »eine nicht hinnehmbare soziale Kälte«.

Sarrazins »schlechtes Benehmen und seine Beleidigungen« seien ja schon »stadtbekannt«, klagte der Chef der Berliner Gewerkschaft der Polizei, Eberhard Schönberg, aber: »Nun dreht er völlig ab.« Und der grüne Fraktionschef Wolfgang Wieland zog einen ebenso wenig schmeichelhaften Vergleich: »Möllemann wird von seinen Parteifreunden Quartalsirrer genannt. Bei Sarrazin habe ich manchmal den Eindruck, dass das Quartal zwölf Monate dauert.« Ein Berliner SPD-Bundestagskandidat kündigte sogar intern an, bei einer Wahlniederlage werde er dem Finanzsenator »eigenhändig links und rechts eine runterhauen«.

Sarrazin nimmt die Anwürfe mit stoischer Gelassenheit. Mit gefalteten Händen sitzt er zurückgelehnt da, wenn im Abgeordnetenhaus wieder mal endlos diskutiert wird. Gottergeben fixiert der Blick einen Punkt im Nichts über der Empore. Kein Muskel zuckt im Gesicht, wenn ihn eine Abgeordnete anschnauzt: »Ich denke, dass Sie Ihre Aufgabe nicht ernst nehmen!«

Gibt ihm dieses Berlin mit seiner ganz großen Koalition der Realitätsignoranten nicht täglich Recht? Sarrazin will nicht geliebt werden, er will Respekt. Er ist ein Einzelgänger. Als die Senatskollegen im Sommer eine der sonntäglichen Sparklausuren zum kollektiven Fußballgucken unterbrachen, Deutschland gegen Brasilien, immerhin das WM-Endspiel, fuhr der Haushälter einfach nach Hause. Er mag solche Veranstaltungen nicht. Er mag Fisch und Weißwein und klassische Musik.

Noch mehr mag er Provokationen. Im Juni trat Sarrazin im Abgeordnetenhaus am Ende einer stundenlangen Debatte über den Haushalt noch einmal ans Rednerpult. Die Genossen waren schon reihenweise eingenickt, da trug ihr eigener Senator ganz unbeschwert vor, der gerade präsentierte Haushalt sei im Übrigen »objektiv rechtswidrig«, weil die Neuschulden höher seien als die Investitionen. Nun läuft eine Verfassungsklage von Grünen, CDU und FDP mit Sarrazin als Kronzeugen, die die rot-rote Koalition mehr in Bedrängnis bringt, als es die blasse Opposition bisher vermocht hätte.

»Fachlich macht Sarrazin ja eine gute Arbeit«, klagt SPD-Fraktionschef Michael Müller. »Aber ich rate ihm dringend, sich besser mit uns abzustimmen.« Der kontert, »unangenehme Sachverhalte mit Repräsentanten zu verbinden« sei leider eine »universale menschliche Eigenschaft«.

Seiner eigenen Fraktion hat Sarrazin unlängst einen Brief geschrieben, der mit den Worten endet: »Im persischen Reich war es vor 2500 Jahren üblich, die Überbringer schlechter Nachrichten umzubringen. Dieses Stadium sollten wir in der Berliner Landespolitik hinter uns gebracht haben. Mit François Truffaut äußere ich die herzliche Bitte: ,Schießen Sie nicht auf den Pianisten.'«

Noch spricht Wowereit von »meinem Sarrazin«. Erst unlängst beschied er Zweifler, jedwede Hoffnung auf eine Ablösung des Finanzsenators »wird sich nicht erfüllen«. Wie schnell aber bei so viel herzlicher Abneigung das Ende kommen kann, hat Sarrazin schon öfter erlebt. Bei der Treuhand ging er im Streit, ebenso bei der Bahn. So könnte es auch in Berlin kommen.

Kulturmensch Sarrazin hat seinen Mitarbeitern vorsichtshalber mit einem Anflug von Ironie schon geschildert, wie es in vergangenen Jahrhunderten in solchen Fällen weiterging: »Dann bleibt die Wahl zwischen Gift und Pistole.« HOLGER STARK

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