ISRAEL »Sie hätten nicht sterben müssen«
SPIEGEL: In Berlin hat der letzte Prozess gegen Kurden begonnen, die vor drei Jahren das israelische Generalkonsulat stürmten. Wurde auch gegen die israelischen Sicherheitsleute ermittelt, die damals vier Kurden erschossen?
Primor: Ihre diplomatische Immunität schützt sie. Interne Untersuchungen ergaben aber keine Pflichtverletzung. Ich glaube, sie sind nicht mehr im Dienst.
SPIEGEL: Als Botschafter stellten Sie sich damals vor die Schützen und erklärten, sie hätten in Notwehr gehandelt. Etliche Fakten widersprechen dem jedoch.
Primor: Ich denke mit Schmerz und Beklommenheit daran, dass damals Menschen getötet wurden, die nicht hätten sterben müssen.
SPIEGEL: Sie meinen, die Wachleute haben überreagiert?
Primor: Sie konnten nicht anders handeln. Sie mussten davon ausgehen, dass höchste Lebensgefahr für das Konsulatspersonal bestand, nachdem die Randalierer eingedrungen waren. Sie reagierten aus der Angst heraus, es mit gefährlichen Terroristen zu tun zu haben. Aber aus heutiger Sicht zeigt sich: Es war keine Notwehr.
SPIEGEL: Was veranlasst Sie zu Ihrer neuen Ansicht, gibt es neue Erkenntnisse?
Primor: Die Ereignisse belasten mich immer noch. Damals dachten wir, die Kurden wollten Geiseln nehmen. Erst danach wurde uns klar, dass sie weder kidnappen noch töten wollten.
SPIEGEL: Wie kam es zu der falschen Einschätzung der Lage?
Primor: Üble Erfahrungen haben wir ja ausreichend gemacht. Mehrmals wurden unsere Vertretungen in aller Welt angegriffen und Diplomaten erschossen. Allerdings waren wir völlig überrascht, dass plötzlich Kurden unsere Feinde waren. Auch die Berliner Polizei war ja nicht vorbereitet und verteidigte das Konsulat nur unzureichend.
SPIEGEL: Führt die ständige Bedrohung Israels dazu, dass der Finger zu locker am Abzug sitzt?
Primor: Nach so vielen Angriffen auf uns schalten wir schnell auf eine aggressive Verteidigung - mitunter zu aggressiv. So halte ich heute etliche Militäraktionen in den Palästinensergebieten für überzogen.
SPIEGEL: Sie teilen also nicht die Politik der harten Hand von Premier Ariel Scharon gegen die Intifada?
Primor: Ariel Scharons Kurs sollte die Bevölkerung beruhigen, aber er bringt keine Sicherheit. Oft agieren wir mehr aus Wut, Angst, Erniedrigung und verletzter Ehre.