Terrorismus »Sie hat gebüßt«
SPIEGEL: Herr Wandschneider, Sie haben 1991 die ehemalige RAF-Terroristin Susanne Albrecht verteidigt. Jetzt vertreten Sie die frühere Flugzeugentführerin Souhaila Andrawes. Haben Sie sich auf die Verteidigung linker Gewalttäter spezialisiert?
Wandschneider: Durchaus nicht. Ich bin der Meinung, daß jeder Täter ordentlich verteidigt werden muß. Auch hat es für mich immer einen Reiz gehabt, schwierige Fälle zu verteidigen. Selbst dann, wenn einem der Wind ins Gesicht bläst. Ich habe beispielsweise in mehreren Nazi-Verfahren verteidigt.
SPIEGEL: Gerade Links-Terroristen sind in der Vergangenheit häufig von Anwälten vertreten worden, die ihren Mandanten politisch nahestanden.
Wandschneider: Das ist nicht meine Art. Ich muß den politischen Hintergrund begreifen. Wenn ich ihn nicht begreife, kann ich nicht verteidigen. Aber mich damit zu identifizieren würde nach meiner Auffassung dem Mandanten schaden.
SPIEGEL: Souhaila Andrawes hat sich vom Terrorismus losgesagt. Würden Sie sich für die Frau auch einsetzen, wenn sie an ihren früheren Überzeugungen festhielte?
Wandschneider: Nein, ich könnte dann nicht hilfreich für sie sein. Ich bin kein politischer Willensträger, sondern Anwalt. 1972 fragte mich die Mutter von Andreas Baader, ob ich ihren Sohn verteidigen wolle. Das ist gescheitert, weil mir Baader vorschreiben wollte, wie ich agieren sollte. Ich habe ihm geantwortet, daß ich mich nicht seinem Verständnis von Verteidigung unterwerfe.
SPIEGEL: Frau Andrawes droht lebenslange Freiheitsstrafe, obwohl sie mit ihrer Vergangenheit gebrochen hat.
Wandschneider: Nur dann, wenn sie wegen Mordes verurteilt wird. Das sehe ich noch nicht.
SPIEGEL: Nach Ansicht der Bundesanwaltschaft ist Ihre Mandantin mitschuldig an der Ermordung des »Landshut«-Kapitäns Jürgen Schumann. Der Pilot wurde vom Anführer des Palästinenser-Kommandos per Kopfschuß getötet.
Wandschneider: Meiner Ansicht nach war die Ermordung des Kapitäns eine Exzeß-Tat des durchgedrehten Terroristenchefs, mit der Frau Andrawes nicht rechnen mußte. Es hat viele Fälle gegeben, in denen bewaffnete Leute Flugzeuge gekapert haben, ohne daß es zu Tötungshandlungen gekommen ist.
SPIEGEL: Passagiere haben Ihre Mandantin als besonders fanatisch in Erinnerung. Sie soll die Geiseln immer wieder angebrüllt und bedroht haben.
Wandschneider: Ich will nichts rechtfertigen. Diese Menschen haben einen Schock fürs Leben. Man muß aber davon ausgehen, daß die Erinnerung traumatisch besetzter Menschen auch Irrtümer enthalten kann.
SPIEGEL: Einem harten Urteil kann Frau Andrawes wohl nur entgehen, wenn sie andere Terroristen belastet, sich der Bundesanwaltschaft als Kronzeugin zur Verfügung stellt. Gelegenheit dazu hätte sie im Prozeß gegen die mutmaßliche RAF-Aktivistin Monika Haas, der am 18. Januar in Frankfurt beginnt. Frau Andrawes hat Monika Haas als diejenige identifiziert, die dem Palästinenser-Kommando die Waffen überbracht und damit die Entführung erst möglich gemacht hat. Wird sie aussagen?
Wandschneider: Das hat sie noch nicht entschieden. Sie hat Bedenken.
SPIEGEL: Die Bedenken kommen reichlich spät. Schon bei ihren Vernehmungen in Oslo hat Frau Andrawes Monika Haas schwer beschuldigt. Was spricht dagegen, die Vorwürfe vor Gericht zu wiederholen?
Wandschneider: Sie fürchtet, vor dem palästinensischen Volk als Verräterin dazustehen. Und sie hat Angst um ihr Leben und die Sicherheit ihrer Familie.
SPIEGEL: Geht es nicht auch darum, einen hohen Strafnachlaß auszuhandeln? Schließlich hängt der Ausgang des Prozesses gegen Haas entscheidend von der Aussage Ihrer Mandantin ab.
Wandschneider: Es geht hier nicht um einen Kuhhandel. Versetzen Sie sich doch einmal in die Situation von Frau Andrawes: Sie ist gesundheitlich angeschlagen, geht an Krücken und leidet unter Angstzuständen. Und nun soll sie öffentlich eine ehemalige Genossin anprangern.
SPIEGEL: Eben darum liegt es doch nahe, den Preis für die Aussage bei Gesprächen hinter den Kulissen in die Höhe zu treiben. Wie wollen Sie dem Vorwurf der Kungelei entgegentreten?
Wandschneider: Vor fast jedem größeren Strafprozeß gibt es Rechtsgespräche mit Richtern und Staatsanwälten, bei denen alle Facetten des Verfahrens erörtert werden können. Ich muß doch wissen, was die Prozeßbeteiligten im Visier haben. Wenn ich als Anwalt solche Gelegenheiten außer acht lasse, handle ich fahrlässig. Das hat nichts mit Kungelei zu tun.
SPIEGEL: Wenn die Kronzeugenregelung angewendet wird, droht dieses vertrauliche Rechtsgespräch zur entscheidenden Verhandlung zu werden, der öffentliche Prozeß dagegen zur Farce.
Wandschneider: Um dem vorzubeugen, bin ich dafür, daß der Richter die Ergebnisse solcher internen Gespräche öffentlich macht.
SPIEGEL: Jetzt wurde die Kronzeugenregelung, die längst wieder abgeschafft werden sollte, erneut um vier Jahre verlängert. Womöglich auch, um Ihre Mandantin zu einer Aussage gegen Monika Haas zu bewegen. Und offenbar haben die Behörden nur so intensiv nach Frau Andrawes gefahndet, damit sie als Zeugin zur Verfügung steht.
Wandschneider: Da müssen Sie in Bonn und Karlsruhe nachfragen. In der Tat gibt es Hinweise, daß die Behörden den Aufenthaltsort von Frau Andrawes viel früher gekannt haben, ohne sich darum zu kümmern. Schließlich lebte sie jahrelang unter ihrem richtigen Namen in Oslo. Und sie hat sich nie vorgestellt, daß sie nach 18 Jahren noch einmal vor ein deutsches Gericht muß. Sie glaubte, sie hätte bereits gebüßt. Schließlich ist sie kurz nach dem Überfall in Somalia zu 20 Jahren Haft verurteilt worden . . .
SPIEGEL: . . . und nach einem Jahr unter rätselhaften Umständen wieder freigekommen.
Wandschneider: Gegen den Kerker in Afrika ist das Hamburger Untersuchungsgefängnis, in dem Frau Andrawes einsitzt, ein Hotel.
SPIEGEL: Wird Frau Andrawes außer von Familienangehörigen auch von früheren Gesinnungsgenossen besucht, die mit ihr gemeinsam für die palästinensische Sache gekämpft haben?
Wandschneider: Nein. Da kam zwar kürzlich einer zu Besuch nach Hamburg. Aber dessen Weg führte nicht in die Untersuchungshaftanstalt, sondern in den Festsaal des Rathauses. Ich meine den Palästinenser-Führer Jassir Arafat, der zufällig am gleichen Tag hier eintraf wie Frau Andrawes aus Norwegen. Ich habe seinen Empfang im Hamburger Rathaus selbst erlebt.
SPIEGEL: Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Wandschneider: Mich bewegte, daß die Hamburger einen Mann als Friedensstifter feierten, der früher als Terrorist angesehen wurde und möglicherweise ungleich stärker für den Tod von Menschen verantwortlich ist als meine Mandantin.
Ich habe kurz daran gedacht, ob ich nicht die Sicherheitslinien durchschreiten soll, Arafat an die Hand nehme, mit ihm ins Gefängnis gehe und sage: Begrüßen Sie Ihre Landsmännin, Herr Friedensnobelpreisträger. Y