Nacht über Türmen und Mauern. Lichteffekte im Kreuzgang des Hochschlosses. Aus dem Hintergrund ruft eine Donnerstimme die Ritter des Deutschen Ordens zum Gelage. Es ist der 14. Juli 1410, und morgen ist die große Schlacht. Aber heute wird, in Erwartung des sicheren Sieges, gezecht.
Die Stimme gehört dem Ordens-Hochmeister Ulrich von Jungingen, der morgen fallen wird, ebenso wie der Großkomtur und der Ordens-Marschall, samt schätzungsweise 200 Rittern, geschlagen von Polen und Litauern bei Tannenberg - es ist der Anfang vom Ende des Deutschordens-Staates zwischen dem Weichselland und Finnischem Meerbusen.
Natürlich erklingt die Lautsprecherstimme des Hochmeisters von Jungingen beim nächtlichen Ton-und-Licht-Spektakel im Schloßhof der Marienburg (polnisch: Malbork) im Jahr 1993 polnisch. Polnische Touristen lauschen, für den Ehrengast muß übersetzt werden.
Dieser Ehrengast ist der Nachfolger des toten Jungingen: Abt Arnold Othmar Wieland, 52, der 64. Hochmeister des Deutschen Ordens, angereist vom heutigen Hochmeistersitz in Wien, 536 Jahre nachdem der Hochmeistersitz Marienburg, die »Königin der Landesburgen«, dem Orden verlorenging.
Geschichtsträchtiger kann ein Ort im nördlichen Polen kaum sein, emotionsgeladener kaum ein Ereignis. Die Marienburg, am Weichselarm Nogat 45 Kilometer südöstlich von Danzig gelegen, ist das steinerne Symbol einer tiefen deutsch-polnischen Verstrickung und Verblendung.
Und der Deutsche Orden, in Deutschland immer noch als Wegbereiter deutscher Kolonisation und Zivilisation im Osten verklärt, gilt für Generationen von Polen als Inkarnation brutaler, gottlob letzten Endes erfolgloser deutscher Expansion und gewalttätiger Germanisierung.
Bis vor kurzem noch wäre eine Einladung der staatlichen Schloßmuseums-Direktion an einen amtierenden Deutschordens-Hochmeister, auf den einstigen Sitz auch nur besuchsweise zurückzukehren, undenkbar gewesen. Aber nun?
Nun entschuldigt sich beim Ton-und-Licht-Spiel der polnische Übersetzer für einige Stellen, die noch »auf dem alten Stand« seien, das Gelage der Ritter vor der Schlacht etwa: Für jeden Polen bedeutet die Szene, daß die frommen Krieger verkatert in den Kampf zogen - die Deutschen waren schon damals nicht mehr, wofür viele Polen sie noch heute halten: kampfesmutig und diszipliniert.
Bis vor kurzem auch wäre es undenkbar gewesen, in der Marienburg das Markenzeichen des Deutschen Ordens zu zeigen - weißes Feld mit schwarzem Kreuz und schwarzem Adler im Herzschild -, zu sehr ähnelt dieses Kreuz dem späteren Eisernen. Nun aber schreitet der Hochmeister des Deutschen Ordens unter einer wieder aufgehängten Deutschordens-Flagge durch den Großen Flur des Schlosses. Bewegt? Unbewegt?
»Seine Exzellenz der Hochwürdigste Herr Hochmeister« verbirgt die eventuell aufwallenden Gefühle hinter einer Maske von Sanftheit und Heiterkeit. Angesichts der überlebensgroßen Bronzestatuen von vier Hochmeistern, die im Schloßhof dräuen, fällt ihm ein: »Ich möchte hier noch nicht stehen.«
An einer »Abhörnische«, von der aus seine erlauchten _(* Am 12. Juni auf der Marienburg; 2. v. ) _(l.: Prälat Jankowski; 4. v. l.: Bischof ) _(Sliwinski von Elbing. ) Vorgänger ihre Gäste belauschten, lächelt er verschmitzt: »Ja, ja, die gute alte Zeit.« Und auch vor der Kirchentür, an der 1330 der Ordensritter Endarf den Hochmeister Werner von Orseln ermordete, verläßt ihn der Witz nicht: »Man sieht, ein gefährliches Amt.«
Nein, vor einem solch lustigen Hochmeister braucht niemand im Polenland sich zu fürchten. Wie aber steht''s mit den Erwartungen? Da fragt doch ein Pole, ob denn was dran sei an dem in Marienburg umlaufenden Gerücht, der Orden wolle sein Stammschloß zurückkaufen. Antwort: »Davon habe ich nichts gehört.«
Ein klein wenig Hoffnung mag da jenen Polen bleiben, die sich von einem solchen Handel eine dramatische Stärkung des mittelständischen Tourismusbetriebs Marienburg versprechen. Über 500 000 Besucher kamen 1989 in den riesigen, 200 Hektar großen backsteinernen Schloßkomplex, aber 1992 nur noch gut 300 000. Hunderte Familien leben von jenen Schloßführerinnen und Aufseherinnen, die sich jetzt vor dem Gast aus dem reichen Westen reihenweise lächelnd verbeugen.
Da lächelt der hochwürdigste Herr zurück, und das Lächeln vergeht ihm nicht mal, als ein jugendlicher polnischer Pressemann ins Zentrum der deutsch-polnischen Ordens-Problematik vorzudringen versucht, mit gebührender Höflichkeit, versteht sich: »Ihr freundliches Gesicht, Herr Hochmeister, scheint in einem gewissen Gegensatz zu dem finsteren Bild des Ordens zu stehen, das hier im 19. Jahrhundert entstanden ist. Wissen Sie davon?«
Aber gewiß doch. »Ich kenne das Buch von Sienkiewicz«, antwortet der Hochmeister.
Der große Pole Henryk Sienkiewicz, Literatur-Nobelpreisträger von 1905, hatte in seinem Roman »Die Kreuzritter« den Orden als eine Ansammlung primitiver, feiger Sadisten beschrieben, als »höllische Lügner, ohne Scham, Ehre und Treue«.
Das Buch leistete damit ähnliches, »was heute gewisse Comic-Serien produzieren, wenn sie die Greuel der SS mit zwischen Entsetzen und Behagen angesiedelter Ausführlichkeit schildern«, urteilt der Deutschorden-Experte Hartmut Boockmann.
Das Sienkiewicz-Buch hatte enormen Einfluß in Polen - es schuf in jeder Hinsicht das Gegenbild zur Ordens-Glorie auf deutscher Seite, die bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges der Historiker und großpreußische Propagandist Heinrich von Treitschke prägte. Er sah das Wirken des Ordens vornehmlich als »Siegeszug deutscher Gesittung«, obschon er den deutschen Herren, erstaunlich objektiv, »Völkermord« an heidnischen Slawenstämmen des Ostens vorwarf, aus dem dann freilich »ein Segen« geworden sei.
Zwischen dem Polen Sienkiewicz und dem Preußen Treitschke bewegt sich der Hochmeister des Deutschen Ordens 1993 in der Marienburg auf vermintem Gelände - könnte man denken. Doch er nimmt die Minen nicht zur Kenntnis, und die Polen helfen ihm dabei.
Der Germanist Franciszek Tomasz Borzych etwa erläutert für alle, die es nicht wissen: »Sienkiewicz lebte im russisch besetzten Teil Polens, er konnte die russische Tyrannei nicht brandmarken, also hielt er sich an die Kreuzritter.« Gern bestätigt da der geschichtskundige Hochmeister: »Er nahm sich die Kreuzritter vor, stellvertretend für jene, die er nicht nennen durfte.«
So einfach ist das? Eigentlich nicht. Eigentlich sind die Schandtaten des Deutschen Ordens seinen Leistungen zumindest ebenbürtig, etwa die berüchtigte Eroberung des christlichen Danzig _(* Lithographie von 1863. ) 1308. Die Ritter richteten damals ein Blutbad an, das im polnischen Gedächtnis lange noch nachgewirkt hat.
Oder auch die Ordens-Expansion nach Litauen, die den Erzbischof von Riga zu dem Urteil veranlaßte, der Orden sei »nach Neros Art blutdürstig«, so arg, daß ein päpstliches Gericht die nur dem Papst unterstehenden Ritter, Hochmeister inklusive, zweimal wegen ihrer Menschenrechtsverletzungen verurteilte.
Intern sah''s kaum erfreulicher aus. Hochmeister Heinrich von Plauen, Ordens-Lichtgestalt deutscher Schulbücher, weil er die Marienburg nach der Katastrophe von Tannenberg erfolgreich verteidigte, wurde nachweislich zweimal eidbrüchig, dann von ihrerseits ungetreuen Gefolgsleuten amtsenthoben. Ein »Eidechsenbund« mißvergnügter Ritter zettelte eine Verschwörung gegen einen Hochmeister an, was noch Treitschke veranlaßte, über das »Eidechsengift« zu klagen, das den Orden zersetzt habe.
Jener Hochmeister, der heute durch die Marienburg spaziert, gibt der historischen Last keine Chance. Er ist zu sehr Geistlicher und Südtiroler, als daß ihn die Identifikation mit der Geschichte seines Ordens zu einem Schuldbekenntnis oder gar einem Kniefall veranlassen könnte. Für ihn beruhte der Existenzkampf zwischen dem Deutschen Orden und dem schließlich übermächtigen polnisch-litauischen Königtum schlicht auf dem Herrschaftsanspruch von »zwei konkurrierenden Staaten«, und sein Besuch sei »kein Politikum«.
Damit hat er wohl recht. Die Nachfahren der Todfeinde von einst spenden sich gegenseitig reichlich von der Gnade der sehr späten Geburt. Offene oder gar harsche Worte wären da höchst unangebracht. Gerade noch, daß der Vizedirektor des Marienburg-Musems, Arkadiusz Binnebesel, der die Idee zur Einladung hatte, erwähnt, sein Vater sei 1939 bei der berühmten Verteidigung des Danziger Gebäudes der polnischen Post gegen die Deutschen gefallen.
Viel erbaulicher ist da zu sehen, was die Polen getan haben, um die deutsche Burg zu retten, nachdem ausgerechnet Deutsche ihr schwer zugesetzt hatten - von alters her.
Nach der ersten Teilung Polens 1772 wollte Friedrich der Große das ihm zugefallene Westpreußen architektonisch aufgeklärt nutzbar machen, das heißt für seine Soldaten verwenden. Also wurden die gotischen Gewölbe der Säle und Gänge aus dem 14. Jahrhundert abgebrochen und hölzerne Decken eingezogen, um Militär-Magazine unterzubringen. Den Großen Remter machten die Preußen zum Exerzierraum, die hohen gotischen Fenster mauerten sie zu kleinen rechteckigen Festungsausgucken zu.
»Die Preußen können bauen, was sie wollen«, zitiert Germanist Borzych aus Erich Kästner, »es werden immer Kasernen daraus.« Ende des 19. Jahrhunderts nahm sich der preußische Geheimrat Conrad Steinbrecht des verschandelten Bauwerks an und putzte es zum Prachtbau wilhelminischer Neugotik auf. 1945 schließlich verteidigte die Deutsche Wehrmacht die mittelalterliche »Festung Marienburg« acht Wochen lang gegen die Sowjets, bis sie zu 50 Prozent zerschossen war.
Der Hochmeister inspiziert den jüngsten Sanierungserfolg der Polen: Die westliche Seitenwand des Mittelschlosses mit dem Großen Remter, die bereits 25 Zentimeter aus der Senkrechten geraten ist und nur noch durch meterlange Stahlklammern vor dem Zusammenbruch bewahrt wird, hat von der schwedischen Firma Stabilator ein neues Fundament bekommen. Warum die Schweden? »Die deutsche Technologie war zu aggressiv«, sagen die Polen traurig. Der Bau ist gerettet.
Der architektonische Erfolg verscheucht endgültig die häßlichen Gespenster der Sienkiewicz und Treitschke. Der Hochmeister preist den Sieg des »Schönen, Guten, Wahren«.
Gelassen sieht er im Schloßmuseum auf die Exponate aus großer deutscher Vergangenheit, eine Postkarte etwa mit der Inschrift: _____« Auf der Nogat grünen Wiesen steht ein Schloß im » _____« Preußenland, das die frommen deutschen Riesen einst » _____« Marienburg genannt. »
Ein Riese ist der Gast nun wirklich nicht, eher kleinwüchsig, aber stramm und offenkundig unerschütterlich in sich ruhend. Als er im Schloßgarten die Messe zelebriert, gemeinsam mit dem Bischof von Elbing, Andrzej Sliwinski, und dem Prälaten Henryk Jankowski, dem Beichtvater des Präsidenten Lech Walesa, fällt in der drückenden Juni-Hitze der wohltuende Schatten des hünenhaften polnischen Bischofs auf den kleinen Hochmeister, der kein Insignium seines Ordens trägt, sondern ein polnisches Meßgewand.
Ein Mammutchor aus 45 langmähnigen, kurzröckigen Frauen und Mädchen in roten und rosa Blazern singt Kirchenlieder. Das Vaterunser spricht man noch lateinisch. Etliche hundert Menschen aus Marienburg und Umgebung drängen sich zur Kommunion.
Und als der Hochmeister des Deutschen Ordens vor dem Segen ein paar Worte spricht - auf deutsch, nur Eingangs- und Schlußformel auf polnisch -, da klatschen die Polen zweimal Beifall, mitten in der Messe. Jeder spürt: Auch der schwer belastete Deutsche Orden ist der einvernehmlichen Verdrängung der finsteren deutsch-polnischen Vergangenheit anheimgefallen. Das nennt man dann wohl Versöhnung.
*VITA-KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:
Der Deutsche Orden *
entstand 1198 im Heiligen Land nach dem Vorbild der Templer und der Johanniter-Ritter. 1226 rief Herzog Konrad von Masowien den Orden zu Hilfe gegen die heidnischen Preußen und bot ihm dafür das Kulmer Land. Zu seiner Blütezeit im 14. Jahrhundert unterhielten die Ritter mehr als 300 Ordens-Häuser, sie gründeten rund 90 Städte, darunter Königsberg und Marienburg. Doch schon im 15. Jahrhundert erlag der Ordens-Staat dem neuen polnisch-litauischen Großreich. 1525 trat Hochmeister Albrecht von Brandenburg zum Protestantismus über und verwandelte die Rest-Ländereien in ein weltliches Herzogtum. Seit 1929 ist der Orden rein geistlich mit stets einem Priester als Hochmeister. Die rund 1000 Ordensmitglieder, darunter 300 Schwestern, widmen sich ausschließlich seelsorgerischer und karitativer Tätigkeit, vor allem der Alten-, Kranken- und Jugendpflege.
[Grafiktext]
_140_ Staat des Deutschen Ordens um 1400
[GrafiktextEnde]
* Am 12. Juni auf der Marienburg; 2. v. l.: Prälat Jankowski; 4. v.l.: Bischof Sliwinski von Elbing.* Lithographie von 1863.