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DDR Siegen mit Slobin

Mit großem Ernst propagiert die SED immer wieder die Neuerer-Methoden sowjetischer Arbeitshelden -- in der Regel eine Ansammlung blanker Gemeinplätze.
• aus DER SPIEGEL 40/1975
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Wo immer in diesem Jahr DDR-Bauarbeiter Hand anlegen -- sie sollen es à la Slobin tun. Wo Bagger buddeln und Kräne kreisen, wo immer auch Beton gemischt wird: Slobin ist überall dabei.

Nach einem Beschluß des DDR-Ministeriums für Bauwesen und der Industriegewerkschaft Bau -- Holz soll 1975 in möglichst allen Bereichen des Wohnungsbaus nach der Methode des sowjetischen Aktivisten Nikolai A. Slobin gearbeitet werden. Denn von Slobin, dem Leiter einer 59köpfigen Moskauer Komplex-Brigade, könnten die DDR-Baumenschen -- so jedenfalls urteilt ein Autorenkollektiv des ostdeutschen Gewerkschaftsbundes FDGB -- nicht weniger lernen, als »schneller, besser und billiger zu bauen«.

Dazu ist, laut Gewerkschafts-Anweisung, nichts weiter nötig, als sich auch auf DDR-Baustellen jene profunden Erkenntnisse zu eigen zu machen, die Zement-Mixer Slobin, Träger des Leum-Ordens und Held der Arbeit, dank »ernsthafter Überlegungen« (FDGB-Text) gewann; nämlich erstens: Ein Bau müsse termingerecht übergeben werden, und zweitens: Maschinen und Material müßten optimal genutzt werden. Schließlich: Niemand dürfe bummeln und schludern.

Diese Einsichten läßt Brigadier Slobin jeweils vor Baubeginn in einem Vertrag mit dem staatlichen Auftraggeber niederlegen, und weil es inzwischen ungezählte Sowjet-Maurer wie Slobin halten und schriftlich »gewissenhafte Erfüllung der Aufgaben« geloben, hat sich in der UdSSR mittlerweile die durchschnittliche Bauzeit um angeblich 23,8 Tage verkürzt, die Bauleistung um 219 Prozent erhöht. »Der Erfolg der Slobin-Methode hänge allerdings, so mahnen ihre FDGB-Verkünder, wesentlich von der »bewußten Einstellung aller Beteiligten« zur »kommunistischen Arbeit und zum gesellschaftlichen Eigentum« ab.

Ob dank dem moskowitischen Schutzpatron die ostdeutschen Mauern nun tatsächlich schneller und billiger in den Himmel wachsen werden, ist einstweilen jedoch fraglich. Denn Slobins Methode ist nicht die erste, mit der die SED in den vergangenen 30 Jahren versuchte, den Beweis für ihren Lieblingsspruch anzutreten, der da lautet: »Von der Sowjet-Union lernen, heißt siegen lernen.« Was immer die Sowjets an überraschenden Anregungen auf den Block-Markt warfen, die DDR griff stets als erste und stets unbesehen zu. Sie importierte Sowjet-Errungenschaften am laufenden Band -- mit der Folge, daß heute kaum noch ein DDR-Werktätiger auseinanderhalten kann, wann was im Namen welchen russischen Genies -- in aller Regel erfolglos -- besser gemacht werden sollte. Da gab es die Stachanow- und die Mitrofanow-Methode, die Mamai- und die Tschutkich-Methode und noch ein gutes Dutzend weiterer.

Erst unlängst machte sich das Ost-Berliner Kabarett »Distel« über eine -- fiktive -- »Korsakoff«-Methode lustig und ließ einen VEB-Generaldirektor, der sie in seinem Betrieb anwenden und damit 500 000 Mark einsparen wollte. erklären: »Das wesentliche dieser Methode besteht zunächst darin, daß sie im »Neuen Deutschland« veröffentlicht worden ist.«

Ein älterer Arbeiter des Ost-Berliner Wohnungsbau-Kombinats, im Neubau-Viertel Weißenseer Weg nach Slobin tätig, kommt der »Distel«-Einschätzung denn auch ziemlich nahe: »Früher«, sagt er, »habe ich nach Mamai geschindet, oder wie der hieß, und jetzt eben nach dem Neuen. Wen juckt denn das?«

Nikolai Mamai und seine Methode waren der Neuerer-Hit der fünfziger Jahre. Zu ihrem V. Parteitag 1958 forderte die SED, möglichst jeder in der DDR sollte dem sowjetischen Bergbau-Brigadier nacheifern, der den denkwürdigen Ausspruch getan hatte: »Am besten ist es, wenn alle sehen, was der einzelne leistet.« Als unverwechselbares Kennzeichen der Mamai-Methode feierten die FDGB-Kommentatoren so simple arbeitsökonomische Klippschuleinsichten wie die Notwendigkeit, Produktionspläne »auf den Arbeitstag, das Kollektiv und den Arbeitsplatz«, mithin auf die »realen, kontrollfähigen und abrechenbaren Verpflichtungen« hin aufzuschlüsseln.

Hoher Wertschätzung bei den Produktionsorganisatoren der SED erfreut sich auch das Personal des sowjetischen Chemiekombinats Schtschokino, das den Genossen in den Bruderländern kostenlos die Schtschokino-Methode bescherte. Bei ihr geht es vor allem darum, die Zahl der Arbeitsplätze zu vermindern. Jeder Werktätige ist aufgefordert, den Kollegen nebenan kritisch zu beobachten und ihn möglichst wegzurationalisieren. Ein Teil des so eingesparten Lohns wird auf die Übriggebliebenen verteilt; das waren bei den DDR-Nachahmern von den VEB Leunawerken »Walter Ulbricht« immerhin die Gehälter von 500 Kollegen in einem Planjahr. »Mit dieser wirksamen Form des zusätzlichen materiellen Anreizes«, lobt der FDGB. »wird die schöpferische Initiative der Werktätigen zur Erschließung aller Reserven gefördert.«

Häufig jedoch bestehen die als bahnbrechend angepriesenen Sowjet-Methoden aus kaum mehr als einem Katalog von Gemeinplätzen: Da erkannte etwa der sowjetische Neuerer Alexander Tschutkich, daß es wichtig ist, bereits vor Schichtbeginn die Maschinen zu inspizieren und sie gelegentlich auch zu pflegen. Da bemerkten Saratower Maschinenbauer, daß »jede Qualitätsverbesserung eine Zunahme der Funktionstüchtigkeit« bewirkt.

Der Moskauer Schuhfacharbeiterin Lidija Korabelnikowa schließlich wurde jäh bewußt, daß mau abends noch ein paar Schuhe mehr steppen kann. wenn man tagsüber sparsam mit Leder und Leim umgegangen ist. Noch heute ist die SED stolz darauf, daß gleich nach Bekanntmachung der Korabelnikowa-Methode die Arbeiter der Weißenfelser Schuhfabrik »Banner des Friedens« in einem Monat 226 Quadratmeter Chrom-Schweinsleder einsparten. Auch von den deutschen Jüngern Slobins verbreitet die Obrigkeit Erfreuliches. Im Leipziger Verkehrs- und Tiefbaukombinat (VTK) etwa hilft das vorerst letzte sowjetische Bauvorbild beim Verlegen von Straßenbahngleisen: Als vor einiger Zeit eine Hebewinde ausfiel, bemühte sich das ganze Kollektiv um raschen Ersatz. Denn, so Meister Helmut Unzer, »schließlich fühlt sich jetzt durch Slobin erst recht jeder von uns ... verantwortlich«.

Und im Rahmen der Slobin-»Nachnutzung« (FDGB-Text) entschlossen sich die Betonwerker von Rummelsburg zum pünktlichen Arbeitsbeginn. Brigadier Herbert Jungblut: »Jeder muß so zeitig von zu Hause weggehen. daß er mit der nächsten S-Bahn auch noch pünktlich kommt.« Resultat: »Die meisten sind jetzt 20 Minuten vor Arbeitsbeginn anwesend.«

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