KRESSMANN Sigrids Risiko
Westberlins preußisch-gestrenger SPD-Innensenator Heinrich Albertz sah sich Anfang April gezwungen, einen der populärsten Berliner Genossen in einem offiziellen Kommuniqué wegen »höchst gefährlicher Interessenkollision« zu rügen: den Kreuzberger Bezirksbürgermeister Willy Kressmann ("Texas-Willy").
Albertz reagierte mit dem öffentlichen Tadel für den Kreuzberger Texas-Willy auf Artikel einiger Berliner Zeitungen, die den Fall Kressmann publik gemacht hatten.
Nach den Inquisitionsakten des Pastors im Ruhestand Albertz soll Kressmann, seit jeher politischen Extravaganzen zugeneigt, mehrfach den Parteifreund Gerhard Lasson, Bürgermeister des benachbarten (und größten) Berliner Stadtbezirks Neukölln, angerufen und Auskunft darüber verlangt haben, warum seine Frau den Auftrag für den Erweiterungsbau des Neuköllner Krankenhauses nicht erhalten solle.
Dieses Auftrags wähnte sich die 33jährige Bürgermeistersgattin Sigrid Kressmann-Zschach ("Soll ich etwa nur deshalb, weil ich Frau Kressmann bin, keine öffentlichen Aufträge erhalten?") sicher, seit sie im Oktober 1960 auf einem Empfang anläßlich des 53. Geburtstages ihres Mannes den Neuköllner Genossen und Gesundheits-Stadtrat Dr. Heinz Stücklen kennenlernte. Einige Jahre zuvor zum Stadtrat avanciert, ging der Mediziner Stücklen mit großen Bauprojekten schwanger, die er ohne Rücksicht auf verwaltungsinterne Zuständigkeiten zu verwirklichen trachtete.
Die Pläne, über die Stücklen beim Geburtstagscocktail mit Kressmanns Sigrid plauderte, faszinierten die junge, fähige Architektin, die ein Büro mit 13 Angestellten unterhält.
Der Neuköllner Stadtrat plante den Bau
- eines mit rund 12 Millionen Mark veranschlagten Strahleninstituts für das Neuköllner Krankenhaus,
- einer Schwesternschule samt Schwesternwohnheim für rund zwei Millionen Mark sowie
- mehrerer Ärztewohnungen, die den Bezirk mit zwei Millionen Mark belastet hätten.
Charme und Sachverstand der Bürgermeistersgattin beeindruckten den Gesundheitsrat Stücklen: Elf Tage nach der unverbindlichen Cocktailplauderei empfing er die Architektin zu einer ersten Besprechung über das 16-Millionen-Projekt im Neuköllner Krankenhaus. Fortan glaubte sich die freischaffende Frau Kressmann amtlich beauftragt, Entwürfe für Schwesternschule, Ärztewohnungen und Strahleninstitut zu fertigen.
Assistiert von Stücklen, zeichnete sie Pläne, in denen die Ergebnisse von rund 30 Arbeitsbesprechungen mit dem Stadtrat und den Ärzten des Neuköllner Krankenhauses berücksichtigt wurden.
Die Pläne entstanden freilich, ohne daß ein schriftlicher Auftrag des Bezirksamtes vorlag. Die Architektin, der dabei ein Honorar von etwa 500 000 Mark winkte, hatte sich engagiert, obwohl einschlägige Richtlinien des Senats bestimmen, daß kostenpflichtige Haushaltsunterlagen für die Planung öffentlicher Bauten nicht erstellt werden dürfen, solange die Finanzierung des Projekts nicht gesichert und vom Senat bestätigt ist.
Das Bezirksamt Neukölln jedoch kann die Mittel für das Objekt des baufreudigen Stücklen in den nächsten Jahren nicht aufbringen.
Trotzdem begann Stücklen mit den Vorarbeiten zu dem Krankenhaus-Erweiterungsbau. Ohne formelle Billigung des Bezirksamtes ließ er die Architektin Pläne entwerfen, um ein fertiges Schubkastenprojekt vorlegen zu können, falls plötzlich ein Millionen-Segen auf Neukölln ausgeschüttet würde. Stücklen spekulierte darauf, daß sich bereits genehmigte Bauvorhaben in anderen Berliner Bezirken verzögern und die Stadtparlamentarier dann freiwerdende Mittel nach Neukölln abzweigen würden.
Das Risiko in diesem Planspiel ging voll zu Lasten der Architektin: Kam der Tag X, konnte sie zwar hoffen, daß ihre Entwürfe für den Neuköllner Erweiterungsbau benutzt würden; blieb der ersehnte Geldregen aber aus, war die Chance gleich Null, je Honorar für die monatelange Reißbrettarbeit zu erhalten.
Der Tag des großen Regens schien näherzurücken, als es Stücklen gelang, den Berliner Gesundheitssenator Behrendt für den Bau eines Strahleninstituts in Neukölln zu gewinnen.
Die Pläne der Architektin und die Befürwortung Behrendts, der freilich
von dem Alleingang des Bezirksstadtrats Stücklen nichts wußte, versetzten schließlich sogar den Berliner Lotto-Beirat in Geberlaune:
Für ein von Stücklen beantragtes Betatron (Großgerät zur Erzeugung von Elektronen), das in dem - weder vom Bezirksamt noch vom zuständigen Baustadtrat gebilligten, von Sigrid Kressmann dafür aber um so eindrucksvoller zu Papier gebrachten - Strahleninstitut aufgestellt werden sollte, bewilligte der Beirat eine erste Abschlagsrate von 200 000 Mark.
Anderthalb Jahre nach der Cocktailplauderei wurde die ehrgeizige Architektin jäh aus ihren Träumen gerissen: Am 15. Februar 1962 forderte Stücklen Frau Kressmann auf, alle Arbeiten sofort zu stoppen.
Erinnert sich Frau Kressmann-Zschach: »Er begründete dies damit, daß ... Herr Zerndt (Bau-Stadtrat des Bezirksamtes Neukölln) mit seinen Plänen nicht einverstanden sei.« Überdies habe ein Teil des Bezirkskollegiums politische Bedenken gegen die Architektin vorgebracht.
Zerndt war verärgert über das kompetenzwidrige Vorgehen seines Parteigenossen Stücklen, der ihn monatelang übergangen hatte. Er weigerte sich beharrlich, die Pläne nachträglich zu billigen und Stücklens Alleingang damit zu legitimieren.
Die unnachgiebige Haltung des Sozialdemokraten Zerndt wurde von seiner Partei gebilligt: Um sich im bevorstehenden Berliner Wahlkampf - im nächsten Frühjahr wird das neue Abgeordnetenhaus gewählt - nicht dem Vorwurf der Vetternwirtschaft auszusetzen, lehnte Neuköllns SPD-Vorsitzender Theis das Kressmann-Projekt ab:
Theis, überdies Haushaltsexperte der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, begründete den Einspruch auch mit einem Hinweis auf die Berliner Verdingungsordnung: Öffentliche Aufträge dieser Größe müßten ausgeschrieben werden.
Als die Affäre publik wurde und die Kressmann-freundliche »Morgenpost« - im Gegensatz zu CDU-nahen Blättern - forderte, das Neuköllner Krankenhaus solle nach den Plänen der Bürgermeistersgattin erweitert werden, ließ Innensenator Heinrich Albertz als zuständiger Dienstaufsichtsherr von Verwaltungsexperten seines Hauses ein Gutachten erstellen.
Die Gutachter stellten fest, daß der geradezu pflichtwidrig eifrige Stücklen seine Kompetenzen wissentlich überschritten habe und Honoraransprüche Sigrid Kressmanns allenfalls gegen den Privatmann Stücklen, nicht jedoch gegen das Land Berlin, vertreten durch das Bezirksamt Neukölln, geltend gemacht werden könnten.
Die Expertise basiert unter anderem auf einem Schreiben der Architektin, die am 4. Juli 1961 dem Stadtrat Stücklen bestätigte, daß sie für die von ihr erstellten Unterlagen »zur Zeit keine Forderungen stellen werde«. Und: Es ist von Ihrer Seite aus beabsichtigt..., mich durch Bezirksamtsbeschluß mit der Bauplanung des Strahleninstituts zu beauftragen.«
Nach Meinung der Senatsexperten, deren Feststellungen Albertz in seinem Kommuniqué zusammenfaßte, hat Sigrid Kressmann mit diesem Brief zu erkennen gegeben, daß sie einen rechtsverbindlichen Auftrag des Neuköllner Bezirksamts nie erhalten habe.
Im Unterschied zu ihrem Planpartner Stücklen, der heute herzkrank das Bett hütet, kapitulierte die Bürgermeistersfrau nicht. In einer eilends zusammengetrommelten Pressekonferenz trat sie einen Tag nach der Erklärung des Berliner Innensenators zur Gegenoffensive an: Ihr Anwalt enthüllte den Journalisten, daß der Brief vom 4. Juli 1961 lediglich auf Bitten Stücklens geschrieben und rückdatiert worden sei.
Kressmann-Anwalt Krause: »Der Brief ist am 2. März 1962 diktiert worden.«
Damals, sagte die Architektin, habe sie das Mitleid mit dem verzweifelten Stücklen übermannt. Frau Kressmann: »Was würden Sie tun, wenn ein Mann kommt und erklärt, seine Frau weine dauernd?«
Stadtrat Stücklen
Für den Tag des Goldregens...
... Gratis-Arbeit am Reißbrett: Bürgermeister Kressmann, Ehefrau (l.)