»Silber oder Blei«
Es gibt nicht mehr viele Orte, an denen der kolumbianische Präsident willkommen ist. Ein Auftritt vor der Uno-Vollversammlung aber kann keinem amtierenden Staatschef verwehrt werden.
Dort, in New York, wollte Ernesto Samper Ende September einen glühenden Appell an die Welt richten, ihn beim Kampf gegen den Drogenhandel zu unterstützen. Für den ersehnten Auftritt mußte er - demütigend genug - eine Sondergenehmigung zur Einreise in die USA beantragen; denn Washington hatte ihm das Visum entzogen, weil er im Verdacht steht, sich mit den Rauschgiftkartellen seines Landes eingelassen zu haben.
Das war noch nicht genug der Schmach: Kurz vor dem Abflug wurden 3,7 Kilogramm Heroin in der Präsidentenmaschine gefunden, die Inszenierung am East River war damit gründlich verpatzt.
Die Drogenmafia hatte erneut öffentlich vorgeführt, wer Herr in Kolumbien ist. Was hat ein Staatsoberhaupt schon zu sagen, das noch nicht einmal das eigene Flugzeug sauberhalten kann?
Der Rauschgifthandel hat alle Institutionen unterwandert und die Gesellschaft moralisch zersetzt. Das Land ist zum Tummelplatz krimineller Banden verkommen - von den Drogenkartellen über Guerrillaverbände bis hin zu Privatarmeen der Großgrundbesitzer und Todesschwadronen ehemaliger Mitglieder der Sicherheitskräfte.
Der Siegeszug des organisierten Verbrechens hatte für die Bürger nahezu unmerklich begonnen. Lange war Kolumbien einer der schwächsten Exporteure Lateinamerikas gewesen, Devisen und Kapital fehlten. Das änderte sich Mitte der siebziger Jahre »wie durch Zauberei«, schreibt der angesehene kolumbianische Rechtsanwalt Fernando Londoño Hoyos in seinem soeben erschienenen Buch »La parábola del elefante« (Die Parabel vom Elefanten).
Die Kolumbianer hatten einen neuen, überaus kostbaren Exportartikel entdeckt: Kokain. Schätzungsweise drei Milliarden Dollar flossen jährlich aus dem Handel mit den Drogen zurück in die Heimat, Kokain überholte Kaffee als Devisenbringer.
Während die Nachbarstaaten von gewaltigen Schuldenlasten schier erdrückt wurden, verzeichnete das fünftgrößte Land Lateinamerikas Wachstumsraten bis zu fünf Prozent. »Wir gewöhnten uns daran, das gute Haus im schlechten Viertel zu sein«, Kolumbien habe sich zum »Finanz-Disneyland« entwickelt, so Londoño.
Der »Schnee« ließ neue Geschäftsdynastien entstehen, die berüchtigten Kartelle von Medellín und Cali, benannt nach den Städten, aus denen die Bosse stammten. Die großen Clan-Chefs wie Pablo Escobar oder die Gebrüder Rodríguez Orejuela stiegen von Kleinkriminellen zu Magnaten auf, die das US-Magazin Forbes in seine Liste der Reichsten der Welt aufnahm.
Escobar und seinesgleichen blieben keine Mafiosi im Schatten, sie erkauften sich Plätze als angesehene Mitglieder der Gesellschaft: Den Armen boten sie Arbeit als Koka-Bauern, Drogenkuriere oder Leibwächter, für die Slumbewohner von Medellín bauten sie Sozialwohnungen und Schulen. »Kein anderer Kolumbianer hatte je eine solche Begabung, die öffentliche Meinung zu beeinflussen«, schrieb Gabriel García Márquez über Escobar, »kein anderer besaß eine größere Macht zu korrumpieren.«
Auch die alteingesessenen Grundbesitzerfamilien ließen sich vom Luxus blenden, den das Kokain in ihre verschlafenen Städte spülte. Die Rauschgiftbarone stiegen ins Baugewerbe ein - ganze Apartmentblöcke in Medellín und Cali wurden bar bezahlt -, erwarben riesige Farmen und ließen den Handel mit Limousinen, Juwelen und Designerklamotten blühen. Banken, Fernsehstationen und Radioketten profitierten von der Geldwäsche; manch ein Bürger nahm ohne zu fragen ein günstiges Darlehen unbekannter Herkunft an, Universitäten akzeptierten Forschungszuschüsse, Fußballklubs Sponsorengelder.
»Plata o plomo«, Silber oder Blei, wurde zur Devise, mit der sich die Rauschgiftbarone viele Richter, Polizisten, Regierungsbeamte und Abgeordnete gefügig machten. Jeder Chef unterhielt seine Privatarmee und ein Heer von »sicarios«, Lohnkillern. »Narco-Demokratie« nannte der US-Drogenfahnder Joe Toft Kolumbien: »Mir ist keine politische oder gerichtliche Institution bekannt, die nicht von Drogenhändlern unterwandert wäre.«
Die Bosse hatten nur vor einem Angst: an die USA ausgeliefert zu werden. Um die Regierung zu zwingen, das Auslieferungsabkommen zu kündigen, entfesselten die »extraditables« (Auslieferbaren) von 1982 an einen Krieg. Er begann mit der Ermordung des Justizministers, mindestens 100 Richter und Staatsanwälte, 2000 Polizisten, mehrere Dutzend Journalisten sowie 4 Präsidentschaftsbewerber starben bei Anschlägen.
Die Terroristen sprengten ein Flugzeug (107 Tote), zerbombten die Zentrale der Geheimpolizei (63 Tote) und entführten Prominente. Weil der Staat ihnen weder mit Gewalt noch mit der Justiz beikommen konnte, lenkte die Regierung 1991 ein.
Das Friedensangebot bestand aus einer speziellen Kronzeugenregelung für Drogenbosse, die sich freiwillig stellten. Den Richtern fehlten meistens Beweise, Reumütige sollten deshalb ein minderes Verbrechen zugeben und dafür mit einer milden Strafe davonkommen. In die neue Verfassung kam ein Verbot, kolumbianische Staatsbürger auszuliefern.
Die gesamte Spitze des Medellín-Kartells zog daraufhin freiwillig in Luxusgefängnisse. Seit wenigen Monaten sind die drei Gebrüder Ochoa, die Hauptkomplizen Escobars, nach abgebüßter Strafe wieder frei. Escobar machte einen Fehler: Er floh aus einem Gefängnis, das er eigens für sich entworfen hatte. Eine Spezialeinheit der Polizei spürte den Gangsterboß 1993 auf und erschoß ihn bei einer wilden Jagd über die Dächer.
Als das Medellín-Kartell ausgeschaltet war, übernahm der Cali-Clan das Geschäft. Dessen Führer gingen diskreter vor: Sie schmierten, statt zu bomben.
Auch Präsident Samper ließ sich offenbar ködern. Kaum war er 1994 gewählt, tauchten immer präzisere Hinweise auf, daß sechs Millionen Dollar der Kokainmafia schwarz in seine Wahlkampagne geflossen seien.
»Seit 15 Jahren ist der Einfluß der Drogenkartelle in allen Bereichen der Gesellschaft immer größer geworden«, sagte Samper dem SPIEGEL. »Wie könnte ich da sicher sein, daß sie nicht auch Einfluß auf meinen Wahlkampf genommen haben? Aber wenn, habe ich nichts davon gewußt.« Autor Londoño glaubt ihm nicht: »Wenn man jemandem einen Elefanten ins Haus stellt, muß er ihn sehen.«
Sampers Wahlkampfmanager und späterer Verteidigungsminister Fernando Botero, Sohn des weltberühmten Malers gleichen Namens, sagte aus, Samper selbst habe darauf bestanden, die Cali-Bosse um Spenden zu bitten. Botero sitzt seit mehr als einem Jahr in Haft, der frühere Schatzmeister und eine Abgeordnete aus Sampers Liberaler Partei wurden ebenfalls verurteilt.
In seinem Buch trägt Londoño, der die Verteidigung Boteros übernommen hat, Aussagen und Dokumente zusammen, die belegen sollen, daß Samper schon mit den Drogenkartellen paktierte, als er noch nicht Präsident war: Von Escobar habe er 1982 einen Scheck angenommen, 1990 soll er Rodríguez Orejuela angeboten haben, Auslieferungsverfahren gegen eine Parteispende einzustellen.
Unter dem Druck der USA ließ Samper zwar die Spitze des Cali-Kartells verhaften. Doch die Lücken füllten sogleich andere, weniger prominente Drogendealer aus. Das arbeitslos gewordene Kartell-Fußvolk begeht nun Gewalttaten auf eigene Faust: Alle 25 Minuten wird in Kolumbien ein Mensch umgebracht, die Mordrate ist fast doppelt so hoch wie in den USA. Jede halbe Stunde gibt es einen Entführungsfall, besonders die Guerrilleros finanzieren ihren Kampf mit Geiselnahmen.
Die linken Untergrundkämpfer, die einst als Sozialrevolutionäre antraten, stehen längst im Bund mit der Drogenmafia. In den von ihnen kontrollierten Regionen kassieren sie Startgelder für die Transportflugzeuge, erheben Steuern auf die Einfuhr von Chemikalien und verteidigen die Bauern gegen die von der Regierung angeordnete Vernichtung der Koka-Pflanzungen.
Der Präsident hatte versprochen, Friedensverhandlungen mit den drei wichtigsten Guerrilla-Bewegungen zu beginnen. Dabei sollte womöglich die deutsche Regierung vermitteln. Im Oktober vergangenen Jahres traf Samper Kanzler Helmut Kohl in Bonn.
Doch der Chef der Armee, die sich wegen der Handlungsunfähigkeit der Regierung besonders stark fühlt, ließ verlauten, er werde sich niemals mit »Drogenhändlern, Subversiven und Terroristen« an einen Tisch setzen.
So starteten die Guerrilla-Organisationen im August erstmals gemeinsam eine Offensive, die sie der Hauptstadt Bogotá gefährlich nahe brachte. Über 200 Menschen kamen bei den schwersten Angriffen seit 30 Jahren ums Leben.
»Das ist Kolumbien«, konstatiert Londoño bitter, »nach 20 Jahren Drogenhandel und zwei Jahren eines mit Drogengeldern gewählten Präsidenten.«