Singen mit dem Feind - DER SPIEGEL
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Singen mit dem Feind

Michael Jürgs über die Verbrüderung an der Westfront Weihnachten 1914
• aus DER SPIEGEL 45/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Frieden der kleinen Leute begann Tage zuvor mit friedenstiftenden Maßnahmen. Bei Armentières etwa, kurz hinter der belgischen Grenze. Die Sachsen hatten nicht wie üblich ein paar Handgranaten in die gegnerische Stellung geschleudert, sondern im hohen Bogen einen gut verpackten Schokoladenkuchen. Ein Zettel steckte im Teig. Ob es nicht machbar sei, am Abend zwischen 19.30 und 20.30 Uhr eine Waffenruhe einzuhalten. Ihr Hauptmann habe Geburtstag, man wolle ihm ein Ständchen bringen. Die Bitte wurde erfüllt. Engländer standen auf den Deckungen ihrer Gräben, hörten der Musik der Kaiserlichen zu und klatschten sogar Beifall. Damit nicht aus Versehen etwas schief ging, schossen die Deutschen nach etwa einer Stunde ein paarmal in die Luft, um das bevorstehende Ende der Party anzukündigen.

Eine Woche vor Weihnachten waren Tausende von kleinen Tannenbäumen ins Hinterland der deutschen Stellungen geliefert worden. Von den Versorgungsgräben wurden sie über Laufgräben direkt in die vordersten Linien geschafft. Rechtzeitig zum Christfest. Viele fertig zum Gebrauch. Kerzen bereits an den Zweigen. Die mussten nur noch im passenden Moment angezündet werden.

Zwischen Basseville in der Nähe von Warneton und St. Yvon liegen sich die 1st Royal Warwickshires und die 2. Kompanie des Königlich-Sächsischen Infanterie-Regiments 134 gegenüber. In den vergangenen Nächten hatte es fast ununterbrochen Gefechte gegeben. Bei einem Angriff waren die Engländer bis an die Drahtverhaue vor den deutschen Stellungen herangekommen, dort wurden sie gestoppt. Sechshundert Tote und Verwundete. Der Schützengraben wird von den Deutschen trotzdem aufgegeben. Zu viel Schlamm, zu viel Wasser, tagsüber wird deshalb ein neuer gegraben, auch am 22. und 23. Dezember. Rechtzeitig am Abend vor Weihnachten konnten die Sachsen ihr neues unterirdisches Quartier beziehen. Sie bauten einen Gabentisch auf. Nüsse, Äpfel, Pfefferkuchen und Stollen. Leutnant Kurt Zehmisch hielt eine kurze Ansprache, bevor die Wachen auf ihre Posten gingen.

In der Ruine einer ehemaligen Zuckerfabrik hören er und seine Männer am nächsten Nachmittag, als es dunkel ist, der Musikkapelle des Regiments zu, dann singen sie »Dies ist der Tag, den Gott gemacht«, Leutnant Zehmisch, im zivilen Leben Studienrat am Gymnasium in Plauen, befiehlt seinen Männern nach der Messe, dass »heute am Heiligen Abend und an den Weihnachtsfeiertagen kein Schuss von unserer Seite abgegeben wird, wenn es zu umgehen ist«.

Drüben bei den Engländern bleibt es am Abend des 24. Dezember ebenso ruhig. Zehmisch: »Kaum hatten wir den Schützengraben besetzt, da suchen wir uns gegenseitig bemerkbar zu machen.« Die Sächsischen pfeifen auf zwei Fingern. Es wird sofort zurückgepfiffen, nicht zurückgeschossen. Zehmisch spricht gut Englisch, außerdem Französisch. »Soldat Möckel von meinem Zug, der mehrere Jahre in England gewesen war, und ich rufen die Engländer auf Englisch an, und bald hatte sich zwischen uns eine ganz spaßige Unterhaltung entwickelt.«

Er schlägt den Gegnern vor, die ja kaum hundert Meter von seiner Kompanie entfernt eingegraben sind, sich auf halbem Weg im Niemandsland zu treffen. Die Soldaten Möckel und Huss, der ebenfalls gut Englisch spricht, klettern über die Deckung, kriechen durch die Drahtverhaue, überwinden den Stacheldraht. Von drüben kommen ihnen, noch geschützt in einem Weidegraben, zwei Engländer entgegen. In den Schützengräben hüben wie drüben sind alle gespannt, wie es weitergeht. Die vier Männer hatten sich gegenseitig auf Zuruf versichert, unbewaffnet zu sein.

»Endlich kam der eine Engländer aus dem Graben, nachdem sich die vier Leute andauernd angerufen hatten, und hielt beide Hände hoch. In der einen Hand hielt er die Mütze voller englischer Zigaretten und Tabak«, dann schüttelte er den beiden Deutschen die Hände und wünschte ihnen »A Merry Christmas«. Die erwiderten den Gruß, ebenfalls mit »Merry Christmas«. »Da klatschten die Engländer in dem Schützengraben und wir in die Hände und riefen begeistert ''Bravo''. Sie tauschten nun die Zigaretten gegen Zigarren und zündeten sich welche an, woraus sich auch eine längere Unterhaltung entwickelte.«

Der Deutsche berichtet im zweiten Band seiner Tagebücher weiter, dass anschließend »allgemeines Gebrüll aus beiden Gräben« begonnen habe. Ein friedliches. »Merry Christmas« und frohe Weihnachten und »I wish you the same« und außerdem ein gutes neues Jahr. Vor allem aber ist hörbar das gegenseitige Versprechen, heute und morgen nicht zu schießen. »Dann verabschieden sich die beiden Parteien mit Händedruck und kehrten in ihre Schützengräben zurück ... Jetzt stellten wir auf unserem kilometerlangen Schützengraben noch mehr Kerzen auf als vorher. Es war die reinste Illumination ... An einigen Stellen waren auf die Brustwehr Tannenbäume mit brennenden Kerzen gestellt, worüber die Engländer ... durch Zurufe und Händeklatschen ihre Freude ausdrückten ... Ich war wie die meisten meiner Leute die ganze Nacht hindurch wach. Es war eine wundervolle, wenn auch etwas kalte Nacht.«

Die Geschichte von nächtlichen Annäherungen zwischen den Fronten verbreitet sich durch alle Gräben. Sie wird in Eigenregie fortgesetzt und in Tausenden von Briefen nach Hause detailliert beschrieben.

Josef Wenzl vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment 16 berichtet am 28. Dezember 1914 seinen Eltern in Schwandorf: »Es klingt kaum glaubhaft, was ich euch jetzt berichte, ist aber pure Wahrheit. Kaum fing es an Tag zu werden, erschienen schon die Engländer und winkten uns zu, was unsere Leute erwiderten. Allmählich gingen sie ganz heraus aus den Gräben, unsere Leute zündeten einen mitgebrachten Christbaum an, stellten ihn auf den Wall und läuteten mit Glocken. Alles bewegte sich frei aus den Gräben, und es wäre nicht einem in den Sinn gekommen zu schießen. Was ich vor ein paar Stunden noch für Wahnsinn hielt, konnte ich jetzt mit eigenen Augen sehen ... Zwischen den Schützengräben stehen die verhassten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder. Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Man sieht bald, dass der Mensch weiterlebt, auch wenn er nichts mehr kennt in dieser Zeit als Töten und Morden ... Weihnachten 1914 wird mir unvergesslich bleiben.«

Josef Wenzl fiel am 6. Mai 1917.

* * *

Jack Reagan trägt einen Hocker nach draußen und bietet der Laufkundschaft seine Dienste an. Es wäre auch im normalen Leben für einen Friseur ungewöhnlich gewesen, auf einem Trottoir in London oder Manchester zu stehen und da seinen Beruf auszuüben, den Kunden unter freiem Himmel statt im Salon die Haare zu schneiden oder den Bart zu stutzen. Aber auf einem gefrorenen Acker vor dem englischen Schützengraben bei Wez Macquart, zwischen Stacheldrahtzaun und Granattrichter, ist es einfach verrückt.

Hauptmann Josef Sewald vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment 17 sieht es ebenso. Man möge sich das mal vorstellen, schrieb er nach Hause, wir sind schließlich im Krieg!, am ersten Weihnachtstag habe es einen Friseur gegeben, der tatsächlich für ein paar Zigaretten pro Soldat, völlig wurscht, woher der kam, von seiner oder der anderen Seite, die Haare gekürzt hat. Mehr noch. Viele Feinde schnitten sich gegenseitig die Haare, was ein noch merkwürdigeres Bild ergab, denn einen Hocker wie Reagan hatten sie ja nicht.

Also knieten die einen vor den anderen, bunt gemischt die Reihe, Dutzende von jungen Männern, die beim Einschäumen und Rasieren und beim lustvollen Zertreten von Läusen in den fallenden Haarbüscheln laut lachten. »Es war keine Spur von Feindschaft zwischen denen«, und würde er es nicht selbst gesehen haben, niemals hätte Sewald so etwas für möglich gehalten.

Den ganzen 25. Dezember über hat es ähnlich wahnsinnige Szenen und absurd anmutende Begegnungen an der Westfront in Flandern gegeben, bei Houplines und St. Yvon, bei Messines und Ploegsteert, in Wijtschate und Warneton, bei Frelinghien und Armentières, in Fleurbaix und in Le Touquet.

Bruce Bairnsfather lässt sich zu einem Cartoon anregen, der ein halbes Jahr später im Magazin »The Bystander« erscheint. Da sitzt einer auf Reagans improvisiertem Friseurstuhl, der Engländer stutzt ihm die Haare. Unterschrift: »Halt still, sonst schneide ich dir dein verflixtes Ohr ab.«

In der rauen Wirklichkeit des ersten Weihnachtstages waren beim Rasieren unter den Männern rauere Bemerkungen gefallen als die von Bairnsfather erdachten. Scherze etwa in der Richtung, dass Tommy mit einem sauberen Schnitt durch die vom Schaum bedeckte Gurgel des Jerry einen Gegner weniger haben würde, umgekehrt natürlich auch, falls der Krieg weitergeht. Darüber haben sie alle laut gelacht.

Unmittelbar noch in der Nacht davor hatten manche Tommys manch andere Pläne, wollten mit Gesang die Jerries sozusagen einschläfern, sie friedlich stimmen, in Sicherheit singen und dann zuschlagen, wie es so hinterlistig angeblich nur deutscher Art entsprach. Schütze Ernest Morley hält es im Prinzip für eine erlaubte Kriegslist, als er davon am 29. Dezember 1914 seinen Eltern berichtet, dass sie sich eigentlich entschlossen hatten, den Deutschen an Weihnachten »drei Choräle zu präsentieren, dann fünf Runden Feuer«. Nach Einbruch der Dunkelheit begannen sie mit »While Shepherds Watched their Flocks by Night«, was drüben gut ankam, denn es war laut Morley in der Tat »sehr schön von unserem Chor gebracht«. Sie machten eine kurze Pause vor dem nächsten Lied. »Aber, welche Überraschung, wir hörten aufsteigenden Gesang, sozusagen die Antwort aus ihren Gräben. Dann begannen sie zu uns herüberzurufen. Deshalb stoppten wir die Vorbereitungen für Runde zwei, die Feindseligkeiten. Sie riefen ,A Merry Christmas, English, we are not shooting tonight.'' Wir riefen eine ähnliche Botschaft zurück.«

Auf solche freundlichen Feinde, die sogar ihre Nationalhymne mitsangen, mochten sie nicht mehr schießen. Deshalb ist auch Ernest Morley am Christmas Day unter denen, die sich auf den Weg nach draußen machen.

Einige Offiziere, deutsche vor allem, versuchen, ihre Männer mit Waffenreinigen zu beschäftigen oder damit, die Stacheldrahtverhaue zu verstärken, um sie so von weiteren Fraternisierungen abzuhalten.

Aber sie haben keine Chance. Denn jetzt wird Fußball gespielt im Niemandsland. Als Torpfosten dienen entweder ein paar Holzstücke oder aber Mützen und Pickelhauben. Woher die Bälle plötzlich kommen, ist meist nachprüfbar. Von den Briten. »Wir schickten einen mit dem Fahrrad nach hinten in unsere Reservestellung, und der holte den Ball«, erzählte Harold Bryan von den Scottish Guards in einem Brief an seine Eltern.

Hunderte spielten Fußball zwischen den Fronten, es wird gebolzt und gekickt, und wenn einer in den Dreck fällt dabei, denn in Uniform und in Stiefeln lässt sich nun mal schwer elegant spielen, hilft ihm sportlich der Gegner, der ein Feind ist, wieder auf die Beine.

Wo kein Ball aufzutreiben war, tut es ein zurechtgepresstes Stück Stroh, umwickelt mit Draht, den es zuhauf gibt. Und wenn es auch dafür nicht reicht, muss es halt eine leere Konservenbüchse tun. Wie die Kinder rennen sie hinter ihren seltsamen Fußbällen her. Angefeuert von denen, die auf den Tribünen sitzen, ihren Brüstungen, und zuschauen.

Bei Wulvergem sind es die Schotten, die plötzlich mit einem echten Ball aus den Gräben klettern. Einem Lederball. Sie markieren ihr Tor mit dem, was sie auf dem Kopf tragen. Mit ihren Mützen. Die Sachsen vom Regiment 133 gegenüber nehmen ihre Pickelhauben. Man habe sich streng an die Regeln gehalten, berichtet einer von den deutschen Mitspielern, denn sie hatten keinen Schiedsrichter dabei. Es dauert etwa eine Stunde, dann sind alle Spieler erschöpft. Es macht sich bemerkbar, dass sie in den vergangenen Tagen nur wenig Schlaf bekommen hatten, was normal war zu Kriegszeiten, wie der englische Soldat John Lucy schon nach ein paar Wochen Stellungskrieg geschrieben hatte: »Unser Geist und unser Verstand schrien nach Schlaf ... Jede Zelle flehte nach Ruhe, und dieser eine Gedanke war der dauerhafteste im Kopf.«

Der Boden ist gefroren und von Rissen durchsetzt und erlaubt kein genaues Zuspiel. »Viele Pässe landeten weit im Aus.« Immerhin, sie spielten. Denn die meisten der für heute abgemachten Fußballspiele können nicht wie gestern geplant stattfinden. Gerade auf Fußball hatten sie sich besonders gefreut. Die einen schaffen es nicht, rechtzeitig einen Ball heranzuschaffen. Bei anderen verhindern die Offiziere ein Match, verbieten den Spaß im Niemandsland oder brechen ein Spiel ab. Krieg sei nun mal kein Spiel. Krieg sei eine ernste Sache. Doch trotz aller Hindernisse und trotz aller Probleme wird am Boxing Day gebolzt.

Am Ploegsteert-Wald ruhte der Krieg bis Ende Februar. Pause heißt Dienst nach Vorschrift in den Gräben, keine Treffen im Niemandsland, denn das würde auffallen, andererseits möglichst alle Treffer vermeiden, solange es nicht auffällt. Gustav Riebensahm vom 2. Westfälischen denkt nicht wie die Mehrheit, als er in sein Tagebuch einträgt: »Die Engländer sind außerordentlich dankbar für den Waffenstillstand, weil sie endlich mal wieder Fußball spielen konnten. Aber das Ganze wird langsam lächerlich und muss beendet werden. Ich werde mit dem 55. ausmachen, dass heute Abend Schluss ist.«

Michael Jürgs: »Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten«. C. Bertelsmann Verlag, München; 352 Seiten; 22,90 Euro.

© Bertelsmann Verlag München 2003.

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