BAYERN Sisyphos mit Bremssystem
Es ist nicht ganz klar, wie vernünftige Menschen auf die Idee kommen können, die SPD im Freistaat Bayern anführen zu wollen. Renate Schmidt beispielsweise hatte diese Idee nie; sie wurde 1991 vom Bundesvorsitzenden Hans-Jochen Vogel überredet - »irgendwer«, sagt Schmidt, 56, »musste es ja machen«.
Fast zehn Jahre später hält sie es für »eine Frauensache«, dass sie sich damals breitschlagen ließ, für ein »ehrliches Engagement im Dienste einer Sache«, auf das sich kein Mann einlassen würde: »Unter 65 Prozent Siegchancen treten Herren wie Edmund Stoiber zu keiner Wahl an.« Weil sie naiver war und natürlich ständig verlor, gibt sie im Herbst ihre Ämter auf - und die bayerische SPD hat wieder mal eine handfeste Krise am Hals.
Diese SPD-Filiale, 1892 von Georg von Vollmar gegründet und sofort die »eigenartigste im ganzen Reich« genannt, ist das Schmuddelkind der Berliner Regierungspartei. »Wir sind wie ein Lastwagen mit Fahrradhilfsmotor und sehr, sehr vielen Bremssystemen«, sagt Christian Ude, 52, der Münchner Oberbürgermeister.
Das hat natürlich auch mit dem Gegner zu tun. Die Bayern-SPD tritt als einziger Landesverband gegen eine eigenständige Partei an - die CSU bekommt auch bei Europa- oder Bundestagswahlen viele Millionen Mark an Wahlkampfkostenerstattung; sie hat Ämter und Behörden im Freistaat derart flächendeckend mit ihren Leuten besetzt, dass Ude von »exzellenter Performance« spricht. Ministerpräsident Stoiber stehe »inzwischen für das erzkonservative Agrarland und zugleich für moderne Industrie«, und dieser Vorsprung sei auf Jahre nicht aufzuholen.
Und das hat eben vor allem mit der bayerischen SPD selbst zu tun, die Ude wechselweise mit den Begriffen »gelähmt«, »verheddert«, »depressiv« oder »läppisch« beschreibt. Schon Strategiegespräche darüber, »wer wann was wozu sagt« (Ude), halten die meisten in der Landespartei für lästig; jeder sagt halt irgendetwas.
Denn die bayerische SPD ist eine Partei der Sektierer, links außen neben allen anderen Landesverbänden angesiedelt, weil sie seit Jahrzehnten nur Überzeugungstäter versammelt - »wer aus pragmatischen Gründen einer Partei beitreten will, kommt auf keinen Fall zu uns«, sagt Franz Maget, 46, stellvertretender Fraktionschef im Landtag.
Nur deshalb konnte es passieren, dass Schmidt, die populärer und begabter ist als die meisten Herren der SPD-Clübchen im Land, von der eigenen Partei gemobbt wurde; und deshalb wurde auch die Bestellung eines Pressesprechers monatelang aufs Deftigste im Regionalteil der »Süddeutschen Zeitung« diskutiert - ein Betriebsrat hatte Einwände angemeldet. »Wir müssen endlich so weit kommen, dass wir selbstbewusst sagen: Diesen Pressesprecher wollen wir, und das machen wir einfach«, so Maget.
Zwei Männer treten nun an, um die Partei zu modernisieren. Maget selbst, der in seinem Wahlkreis München-Milbertshofen zweimal gegen die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier gewann und in seinem Büro im Bayerischen Landtag schon mal einen Clinton/Gore-Aufkleber an die Tür gepappt hat, will Schmidt an der Fraktionsspitze nachfolgen. Und Generalsekretär Wolfgang Hoderlein, 47, der in der Parteizentrale am Sendlinger Tor zwischen Kandinsky-Bildern und Topfpflanzen über Zahlen brütet, wünscht die Parteichefin Schmidt zu beerben.
Die zwei waren am vergangenen Wochenende bei der Parteispitze in Berlin zu Gast und möchten mit logistischer und finanzieller Hilfe der Bundes-SPD vor der nächsten Wahl eine Wahlkampfzentrale ("Kampa") nach Franz Münteferings Vorbild aufbauen. Hoderlein redet sogar von Bayern-fernen Dingen wie »Teamarbeit« und »Vernetzung von Kommunal-, Landes- und Bundespolitik«, aber er weiß selbst, dass die Partei nicht sehr begeistert zuhört, wenn ihr ein Polit-Manager zuruft: »Geht's mir heim mit dem Links-Rechts-Schema.«
Der Genosse Maget, so scheint es, wird sich durchsetzen - dessen Gegner Klaus Hahnzog, der sich seiner Kontakte zur Feuerwehr sowie der Erklimmung sämtlicher Gipfel in den Ostalpen rühmt, erscheint selbst der Bayern-SPD zu bizarr. Hoderlein aber wackelt schon, weil auch Ludwig Stiegler, der die SPD-Landesgruppe im Bundestag anführt, Parteichef werden will und im Wesentlichen den Plan hat, alles beim Alten zu lassen.
Renate Schmidt überlegt indes, ob sie Vogel vor neun Jahren nicht doch hätte absagen sollen. Wäre sie damals in Bonn geblieben, dann wäre sie heute in Berlin Bundestagspräsidentin oder Ministerin. Vor zwei Jahren bot Gerhard Schröder ihr den Wechsel noch einmal an, und dass sie ablehnte, halten Freunde für ihren größten Fehler. Sie sei wohl »am falschen Ort, im falschen Land« gewesen, sagt Schmidt.
In den kommenden Jahren will die stellvertretende Bundesvorsitzende noch ein wenig in der großen, erwachsenen, funktionierenden SPD mitmischen und danach privatisieren. Nach einem Jahrzehnt in Bayern findet Schmidt, dass der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus definitiv Recht gehabt habe: Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen - sonst wird man verrückt. KLAUS BRINKBÄUMER