So ein Wirbel - DER SPIEGEL
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GIFTMÜLL So ein Wirbel

Welche Art Müll beförderte die »Petersberg« Richtung Türkei? Warum reagierten die Rumänen hysterisch? *
• aus DER SPIEGEL 32/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Kapitän Günter Großjahn am 18. Mai im Wiener Hafen die Leinen loswerfen ließ und den Bug seines Küstenmotorschiffes donauabwärts drehte, begann er eine lange Irrfahrt. Unbehelligt passierte der Frachter vier Donaustaaten und machte Ende Mai im Bestimmungshafen Izmit am Marmarameer fest.

Die in Eckernförde beheimatete »MS Petersberg«, von der dänischen Reederei Nielsen Chartering A/S gechartert und von ihr an den Bayerischen Lloyd in Regensburg weitervermietet, wollte in Izmit 1176 Tonnen Ladung löschen - laut Frachtpapieren »ölverschmutzten Bauschutt und Aushubmaterial«.

Im Auftrag des türkischen Handelsunternehmens Büyüktemiz sollte die giftige Fracht auf eine Sondermülldeponie in der Zentraltürkei gebracht werden - fast schon ein normaler Fall im wachsenden Giftmülltourismus aus den entwickelten Industriestaaten in die Dritte Welt.

Doch dieser Transport geriet mittlerweile zu einem Fall von internationaler Tragweite. Denn in Izmit verweigerten die Behörden das Löschen: Die Ladung strahle radioaktiv, 140 Becquerel pro Kilogramm. Schipper Großjahn nahm Kurs auf Rumänien.

Aber auch der Versuch, den Müll im Freihafen Sulina loszuwerden, scheiterte

- diesmal am Einspruch der Bukarester Behörden, die dem Schiff nun nicht einmal die Rückfahrt über die Donau gestatten wollten. Seither geistert das Kümo wie der Fliegende Holländer durchs Schwarze Meer, sorgsam beäugt auch von Russen und Bulgaren.

Die Sowjet-Marine stoppte die »Petersberg« sogar, als sie über den Donau-Mündungsarm Kilija Richtung Wien steuern wollte, die Bulgaren teilten vorsorglich mit, falls Großjahn versuchen sollte, die Ladung ins Meer zu kippen, würden sie das Schiff mit gezielten Schüssen hinterherschicken.

Ursache für die heftige Reaktion war die Warnung Rumäniens, die »Petersberg« habe womöglich gar keinen Bauschutt aus Wien, sondern hochverseuchten Atommüll geladen, der aus der Bundesrepublik stammen könnte. Bonns Umweltminister Klaus Töpfer dementierte umgehend und sprach von »chemischen Stoffen« im Schutt.

So rätselten in Bonn und Wien die Experten, was die Rumänen zur Panikmache bewog - schließlich gingen sie selbst bis vor kurzem mit verseuchtem Müll nicht gerade pingelig um. Im Juni dieses Jahres wurden wegen eines Giftmüll-Skandals im Freihafen Sulina der rumänische Außenhandelsminister Ilie Vaduva, ein Staatssekretär und andere hohe Beamte entlassen.

Leitende Funktionäre des Freihafens und des Bukarester Außenhandelsunternehmens Chimica hatten, so heißt es, gegen hohe Bestechungssummen vom italienischen Giftmüllmakler Sirteco mehr als 4000 Tonnen PCB-verseuchte Industrieabfälle gelagert.

Was das kommunistische Rumänien und der Nato-Staat Türkei an der Fracht auszusetzen hatten, vermochte auch in Österreich kein Vertreter der beteiligten Firmen und Behörden zu erklären. Die Fracht der »MS Petersberg«, Schutt und Erdmaterial, stammt - so die Begleitpapiere - von einem Grundstück, auf dem das österreichisch-schweizerische Pharma-Unternehmen Immuno 1986 mit den Bauarbeiten für ein neues Verwaltungsgebäude begonnen hatte.

Die Bagger stießen dabei auf Lack- und Ölreste, die vom Vorbesitzer, der mittlerweile pleite gegangenen Farben- und Lackfabrik Vinzenz Wagner & Söhne, vergraben worden waren.

Mit der Entsorgung der gefährlichen Altlasten wurde seinerzeit das einschlägige Wiener Unternehmen Muldenzentrale Transport GesmbH beauftragt. Die für Umweltschutz zuständige Wiener Magistratsabteilung 22 beaufsichtigte, peinlich korrekt, den Vorgang.

Die Immuno hatte allen Grund, die Vorschriften genauestens zu beachten. Das Pharma-Unternehmen war vor zwei Jahren heftig attackiert worden, weil es aus Afrika 20 Schimpansen importiert hatte, an denen ein Aids-Impfstoff erprobt werden sollte. Seitdem ist die Firma bemüht, ihren Ruf in der Öffentlichkeit wieder aufzupolieren.

Der größte Teil des Mülls vom Immuno-Baugelände, rund 8000 Tonnen, kam auf eine österreichische Deponie, wo er heute noch liegt, ohne daß sich jemand darum schert. Der kleinere Teil jedoch, 1176 Tonnen, wurde an das niederösterreichische Unternehmen Göschl weitergereicht. Und damit begannen die Ungereimtheiten.

Warum Göschl eingeschaltet wurde, ist rätselhaft. Die Firma ist hauptsächlich im Maschinenbau aktiv und plant auch Müllaufbereitungsanlagen, doch für die Entsorgung von Sondermüll besitzt sie keine Lizenz. Mit im Verschacherspiel mischt auch die Schweizer Handelsfirma Faktum, die wiederum den Bayerischen Lloyd beauftragte, die Fracht auf der Donau in die Türkei zu schaffen.

An den nötigen Kontrollen, das beteuern alle Beteiligten hoch und heilig, habe es nicht gemangelt. Die Firma Immuno, so ihr Pressesprecher Horst Eckl-Dorna, hat darauf geachtet, daß die Entsorgung »ordnungsgemäß und unter Einhaltung aller gesetzlichen Vorschriften durchgeführt werden konnte«. Zu diesem Müllskandal komme die Immuno »wie die Jungfrau zum Kind«.

Eine Mitarbeiterin der Firma Muldenzentrale kann die Aufregung ebenfalls nicht begreifen. »Ich weiß nicht, warum die Leut' so einen Wirbel wegen gewöhnlicher Blumenerde machen!«

Und auch der zuständige Beamte des österreichischen Außenministeriums, Erich Binder, Leiter der Abteilung für Verkehr und Telekommunikation, ist von der Entwicklung überrascht. Seine Abteilung habe am 7. April das kontaminierte Erdreich untersuchen lassen. »Ich hab' den Befund vor mir liegen. Er weist eine Verschmutzung mit Benzol und Xylol, konkret 57 mg pro Liter, aus.« Auf radioaktive Verstrahlung habe er die Fracht allerdings nicht untersuchen lassen. »Dazu bestand auch gar kein Anlaß.«

Die von den Türken gemessene Strahlung von 140 Becquerel, sagt die Sprecherin der Wiener Magistratsabteilung für Umweltschutz, Ingrid Duschek, sei völlig normal: »Eine Ladung Wiener Pflastersteine weist gegenwärtig eine Strahlung von rund 1000 Becquerel auf.« Die Obergrenze für Babynahrung liegt in der EG bei 370 Becquerel.

Kapitän Großjahn, der mit Frau Elke, Tochter Nicole, 8, und Sohn Markus, 5, sowie drei Matrosen nördlich des Bosporus dümpelte, war nun Gefangener auf dem eigenen Schiff. Zwar durften sie vergangenen Freitag einen türkischen Hafen anlaufen, der Besatzung und der Familie aber verboten die Behörden, an Land zu gehen.

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