»So einer fehlt uns heute«
Dieser Mann ersann einen elektrischen Insektentöter und das beleuchtete Stopfei. Und die CDU. Er erfand die Wiedergutmachung, die dynamische Rente und die Bundeswehr, entwickelte den Brotröster weiter, erfand das Grundgesetz mit und die deutsch-amerikanische Freundschaft und war bis Ende seines Lebens überzeugt, auch der Vater des modernen Raketenantriebs zu sein.
Unser Konrad Adenauer. Die Wandergruppe des TuS Dollendorf ist beeindruckt. Die Besucherbetreuerin weist auf die Stehlampe hin, am Kopfende von Adenauers Sterbebett, gleich unter dem Kruzifix. Da ist mit Schnur und Leukoplast eine Eieruhr befestigt: »Auch eine Erfindung von ihm. Um Strom zu sparen. Er las doch abends immer Krimis und schlief dabei ein. Also hat er sich eine Zeitschaltuhr gebastelt.«
Unglaublich, der Alte aus Rhöndorf. Sein Haus hoch über dem Rhein ist seit 1978 als Gedenk- und Bildungsstätte im Besitz des Bundes. Hier ist zu erfahren, dass Adenauer im Ersten Weltkrieg, als Beigeordneter in Köln, ein Verfahren zur Maisbrot-Herstellung entwickelte sowie eine patentierte Wurst aus Sojamehl, Knochen und Blut. Die »Adenauer-Wurst« wurde in Krankenhäusern getestet, mit Erfolg: »Die Wurst wurde gern genommen, gut vertragen, und, wie der Stuhlgang erkennen ließ, gut genutzt.«
Adenauer ist eben immer unterschätzt worden. Die Wandergruppe des TuS Dollendorf hat sich die 59 Stufen zum Wohnhaus hochgemüht. Man hört: »Wie einfach der gelebt hat ...« - »Die ganzen Stufen ... Eben ein eiserner Wille« - »Großes geleistet.« Die Damen in Windjacken staunen über den Myrtenholz-Pavillon, die Rosenstöcke und die so pflegeleichte Wandbehängung. Den Stall, wo er im Krieg sein Schaf »Nelke« hielt. Alles ist unverändert. Im Badezimmer liegt noch die gelbe Kanzlerzahnbürste, daneben sein »4711«-Fläschchen und das »Presido-Nasenöl«.
Marlene Sender, Jahrgang 1943, erinnert sich an die Bilder der Russland-Heimkehrer: »Das ging mir als Kind unters Herz«, sagt sie. »So einer fehlt uns heute«, ergänzt eine breitschultrige Wandersfrau neben ihr. »Ja, der wusste, wo es langging. Und wenn er sprach, verstand man ihn.«
Er gab den Deutschen feste Regeln: kein Gedanke ans Gestern, Ärmel hochkrempeln und draußen nur Kännchen. Das waren Zeiten. »Könn' Se den«, hat kurz vor der Wahl ein Rentner den Damen vom Besucherdienst gesagt, »könn' Se den nicht fürs Wochenende noch mal ausbuddeln?«
Da ist sie zu spüren, die Sehnsucht nach der Übersichtlichkeit der fünfziger Jahre, als alles einfach war und die »Soffjets« das Böse an sich. Aber stimmt die Adresse? Konrad Adenauer, so zeigt die Dauerausstellung der Rhöndorfer Gedenkstätte, war ein gestrenger Alter, der seinen Deutschen Unangenehmes zumutete. Die Integration von acht Millionen Heimatvertriebenen, die »Wiedergutmachung« mit Israel, der Umgang mit den Nazi-Wendehälsen, die Wiederaufrüstung - das war gegen die Umfragen regiert. Keine Spur einfach und übersichtlich. Verglichen mit diesen Brocken ist die »Agenda 2010« ein Leichtes.
So sieht der leitende Archivar der Gedenkstätte, Benedikt Praxenthaler, Konrad Adenauer als Zeitgenossen, nicht als naphthalinenen Mythos: »Wir wollen keine Weihestätte unterhalten. Hier wirken keine besonderen Kräfte. Wir wollen über die Ausstellung und die Archivarbeit zeitgeschichtlich aufklären.«
Seit die Hauptstadt, und mit ihr die parlamentarischen Besuchergruppen,
nach Berlin gezogen ist, schrumpfte die Zahl der Gäste auf die Hälfte - rund 37 000 jährlich sind es jetzt. Meist kommen Schulklassen und Wandergruppen, die auf einen Sprung vom Drachenfels noch vorbeischauen. Die Pilger sind in der Minderzahl.
»Die Überhöhung Adenauers begann mit der ersten Reise in die USA und dann natürlich nach Moskau. Das nahm zum Teil kultische Formen an«, sagt Hans Peter Mensing, Historiker am Adenauer-Haus. »Der jähe Absturz kam dann mit Adenauers Zögern nach dem Mauerbau und später mit der SPIEGEL-Affäre.«
1967 war das vergessen. Die Überführung des Toten auf dem Rhein von Köln nach Rhöndorf hatte etwas von einer weltlichen Weihe. Die Menschen standen am Ufer Spalier wie dann erst wieder beim Besuch des Papstes.
»Die Leute kamen und haben Graberde geklaut«, erinnert sich der Rhöndorfer Bäckermeister Profittlich. Er bietet »Adenauer-Notzeitbrot« nach Originalpatent an, als Pilgerware. Das »Café Profittlich« ist der eigentliche hohe Ort der Adenauer-Zeit. Die Einrichtung unverändert, mit Alpenveilchen, Zigarrengeruch und Zinnteller überm Stammtisch der Hubertus-Schützen. Frollein, einmal Herrentorte, ein Kännchen Kaffee und 'nen Asbach. Mehr Kult gibt's nicht.
500 Kilometer entfernt von seinem Heimatort steht, völlig unverblasst, das Urbild von Adenauers Rhöndorfer Garten. In Cadenabbia, dem nach Azaleen duftenden Dorf am Steilufer überm Comer See, verbrachte der Kanzler seine Urlaube. Es ist jene Ideallandschaft des Nachkriegsdeutschen, der seither in Schrebergärten und Blumenfenstern so heroisch nachgestrebt wird.
Zeitweise war Cadenabbia das Ersatzkanzleramt am Comer See, und der Alte mit dem verbeulten Pepitahütchen auf dem Kopf beim Boccia-Spiel wurde zum Lieblingsmotiv der Karikaturisten. Die Bundesrepublik verdankt Cadenabbia (außer Boccia) den Entschluss einer weiteren Adenauer-Amtszeit und den Eintritt in Europa. Denn: »Hier traf Adenauer die italienischen Politiker. Und die Regierung von Italien war es, die den Deutschen nach dem Krieg maßgeblich die Tür zu Europa geöffnet hat«, sagt Paul Wink von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Auch ihm ist es nicht um Weihrauch zu tun. »Ehrfurcht? Nein«, sagt er. »Respekt, ja. Wir wollen nach vorn schauen.«
Ganz anders als ihr Vorgänger Helmut Kohl war Angela Merkel bereits dreimal hier oben. Und sie war danach derart beseelt vom Geist des Alten, dass sie sich das hier entstandene Kanzlerporträt Oskar Kokoschkas ins Arbeitszimmer hängen ließ. Jetzt zieht es mit um ins Kanzleramt.
Bis in die Achtziger war die Villa die Eliteakademie für die christdemokratischen Parteifürsten und Thronanwärter. In Cadenabbia entstand die Toskana-Fraktion der CDU. Die jungen Peter Müller, Friedrich Merz, Volker Rühe spielten hier Boccia und lernten, dass auch in der Politik nichts vorhersehbar ist und die Kugel macht, was sie will.
Heute steht das Haus nicht nur Unionisten offen. Auch Laien können die Pauschalreise »Auf Konrad Adenauers Spuren« buchen. Auch Sozis.
Wink zeigt auf eine Fotografie im alten Gästebuch. Da sieht man Willy Brandt mit Adenauer unter den Zypressen sitzen. »Das ist er, der Geist«, sagt er. Der Geist von Cadenabbia, vielleicht ein wenig bundesrepublikanisches Heimatgefühl.
Nach dem Mauerfall hat auch die Linke ihren Frieden mit Adenauer gemacht. Die so leidenschaftlich bekämpften Weichenstellungen der Fünfziger haben sich nach 1989 als tauglich erwiesen. Die ehemalige DDR trat dem Geltungsbereich des Grundgesetzes quasi bedingungslos bei, und das wiedervereinigte Deutschland blieb Mitglied der Nato. »Als Joschka Fischer zu seiner ersten Ministerreise in die USA aufbrach, nahm er den Regierungs-Airbus ,Konrad Adenauer'«, hatte der Adenauer-Forscher Mensing gesagt, in Rhöndorf. »Das spricht für sich.«
Dann war Mensing hinausgegangen und auf sein Fahrrad gestiegen. Die Konrad-Adenauer-Straße war mit Verbundsteinen gepflastert. Sorgsam geparkt standen die Biotonnen und die gelben Säcke vorm Bildungshaus St. Hedwig. Die Zufahrt für die Feuerwehr war freigelassen. Ein nüchternes Land, still und in sich gekehrt, als wären die Fünfziger nie wirklich zu Ende gegangen.
Wozu noch Gedenkstätten. Rhöndorf ist überall. ALEXANDER SMOLTCZYK