OSTBLOCK / CHINA So explosiv
Singend und fahnenschwenkend paradierten am 1. Mai drei Millionen Chinesen auf dem »Platz des Himmlischen Friedens« zu Peking.
Gleichzeitig gingen proletarische Grüße aus dem asiatischen Großreich, in dem Stalin nach wie vor verehrt wird, in das Heimatland des toten Diktators, das Stalin verdammt und seine Standbilder gestürzt hat.
Madame Sun Jat-sen, Witwe des legendären Gründers der chinesischen Republik, Schwägerin des Formosa-Emigranten Tschiang Kai-schek und heute Vizepräsidentin des roten China, beschwor in einem Telegramm nach Moskau die Einigkeit zwischen den beiden roten Weltmächten. Witwe Sun: »Diese Einigkeit ... ist die wichtigste Garantie für den Sieg bei der Errichtung des Sozialismus und des Kommunismus.«
Aus Moskau kam ein wohlwollendes Echo: Das Zentralkomitee der sowjetischen KP grüßte in seinen Mai-Parolen sowohl das widerspenstige China als auch das abtrünnige, von Chruschtschow geachtete Albanien.
Solche Töne schienen die jüngsten Expertisen westlicher Kreml-Experten zu bestätigen, wonach sich China, von Hungersnot gepeinigt, im ideologischen Streit dem Neuerer Chruschtschow gebeugt habe, weil es die Wirtschaftshilfe der Sowjets nicht länger entbehren könne.
Im vergangenen Jahr hatte Chruschtschow das renitente China mit mancherlei wirtschaftlichen Repressalien heimgesucht, um die chinesischen Genossen auf Kreml-Kurs zu bringen. Über 10 000 sowjetische Techniker wurden kurzfristig zurückbeordert, jeder Kredit für Peking wurde gesperrt und der sowjetisch-chinesische Handel um mehr als die Hälfte gedrosselt.
Doch Mao war nicht bereit, vor dem Kreml-Boß zu kapitulieren. Seine Emissäre reisten in den kapitalistischen Westen, um dort Hilfe für das hungernde China zu mobilisieren. Bereit, in harter Valuta zu zahlen, kamen sie rasch mit den wichtigsten Getreideproduzenten ins Geschäft:
- In Kanada kaufte Peking, heute zweitbester Weizenkunde des Landes nach Großbritannien, etwa 6 Millionen Tonnen Weizen und Gerste, die bis Ende 1963 geliefert werden sollen; davon wurden 1,7 Millionen Tonnen bereits 1961 verschifft, zu einem Viertel bar bezahlt, der Rest von Kanada kreditiert.
- In Australien, das sich mit einer Anzahlung von 10 Prozent begnügte, erwarben die Chinesen 1961 rund 2,3 Millionen Tonnen Weizen und 360 000 Tonnen Gerste; sie wurden damit (40 Prozent der Gesamtausfuhr) zum größten Weizenkunden Australiens, das im Hinblick auf künftige chinesische Käufe seine Weizenanbaufläche vergrößerte.
Weitere Nahrungsmittel bezogen die Chinesen aus Frankreich (Gerste), Großbritannien und Neuseeland (Milchpulver), Argentinien (Mais) und der Bundesrepublik (Mehl). Die Sowjets lieferten lediglich 500 000 Tonnen Kuba -Zucker, für den sie selbst keine Verwendung hatten.
Trotz dieser Nahrungsmittelimporte in Höhe von insgesamt 6,5 Millionen Tonnen (für die Peking 1961 etwa zwei Drittel seiner knappen Devisenreserve opfern mußte) und einer eigenen Getreideernte von durchschnittlich 170 Millionen Tonnen kann Mao seinen fast 700 Millionen Untertanen nur eine tägliche Ration von 1600 Kalorien gewähren.
Spätestens 1963 werden Chinas Devisen so knapp sein, daß Mao Tsetung die kommunistische Sowjet-Union oder die kapitalistischen USA, Besitzer des größten Weizenberges der
Welt, um Hilfe bitten muß, wenn es ihm nicht gelingt, den »Sieg an der Landwirtschaftsfront' zu erringen.
»Die gegenwärtige Situation (in China) ist so explosiv«, triumphierte Averell Harriman, Unterstaatssekretär für Fernost im US-Außenministerium, jüngst nach einer Asienreise, »daß sich das chinesische Volk vielleicht erhebt und, die (roten) Halunken hinauswirft.«
Diese utopische Hoffnung gründete sich auch darauf, daß Maos Emissäre, die in Kanada und Australien so erfolgreich operiert hatten, Kontakte zu amerikanischen Exportfirmen aufnahmen. Ende März lagen dem US-Landwirtschaftsministerium zwei Anträge zur Genehmigung vor, wonach innerhalb der nächsten drei Jahre 10,5 Millionen Tonnen Weizen und Gerste aus den USA nach China und Nordkorea exportiert werden sollten.
Der vorsichtige US-Präsident sandte daraufhin seinen Sonderberater George McGovern nach Hongkong, dem wichtigsten Umschlagplatz des China-Handels, und ließ erkunden, ob und wie Amerikas Weizen zu einem Instrument der amerikanischen China-Politik werden könne.
Das US-Landwirtschaftsministerium war an dem Geschäft interessiert, um die großen amerikanischen - Weizenvorräte abzubauen. Die Diplomaten des State Department argumentierten jedoch, daß derartige Lieferungen keinen politischen oder propagandistischen Gegenwert einbringen und nur eine Subvention für den Ostblock bedeuten würden, die dessen Rüstungen stärken müsse. Ihr Gegenvorschlag: ein Weizengeschenk an Peking mit der Auflage, daß jeder Sack US-Getreide die Aufschrift »Food from USA« tragen müsse.
Nachdem Präsident Kennedy den Reisebericht seines Sonderberaters und die Auffassungen des Außenministeriums angehört hatte, verbot er den Exporteuren das Geschäft mit dem Hunger.
Mao Tse-tung seinerseits dachte nicht daran, amerikanische Propaganda-Lieferungen anzunehmen und sich damit vor aller Welt bloßzustellen. Es kam hinzu, daß sich nun plötzlich die Sowjets, über die heimlichen Kontakte zwischen Peking und Washington wohlunterrichtet, bereit fanden, ein neues Handelsabkommen mit China abzuschließen.
Aus diesen Vorgängen schlossen die Kreml-Experten des Westens, Mao wolle nach dein Mißerfolg seiner Emissäre in den USA wieder Tuchfühlung mit Chruschtschow aufnehmen. Drei Ereignisse bewogen sie zu diesem Urteil:
- Am 3. April druckte die parteiamtliche Moskauer »Prawda« - zum ersten Male seit Dezember 1960 - einen Leitartikel der parteiamtlichen Pekinger »Volkszeitung« im Wortlaut nach, der das Eingeständnis enthielt: »Nur durch Anpassung der Ideologie an die aktuellen Bedingungen (können wir) ... günstige Voraussetzungen für eine bessere Erfüllung unserer Aufgaben schaffen.« - Westliche Schlußfolgerung: Mao gibt den konsequenten Stalinismus preis.
- Am 16. April änderte der chinesische Volkskongreß nach zwanzigtägiger Geheimsitzung - entgegen kommunistischer Doktrin - radikal die Rangfolge der ökonomischen Prioritäten: Die Landwirtschaft und auch die Konsumgüterindustrie verdrängte die Schwerindustrie vom ersten Platz.
- Westlicher Kommentar: Maos Experimente, insbesondere die Volkskommunen, haben China ruiniert.
- Am 18. April reiste der sowjetische Außenhandelsminister Nikolai S. Patolitschew mit einer Wirtschaftsdelegation zu neuen Handelsgesprächen nach Peking. - Westliche Vermutung: Mao tauscht sowjetische Rubel-Hilfe gegen ideologische Zugeständnisse.
Patolitschew wurde von China-Premier Tschou En-lai herzlich empfangen, aber das Ergebnis der Verhandlungen war mager. In dem Ende April unterzeichneten Protokoll war wohl von einem Austausch sowjetischer Maschinen gegen chinesische Textilien die Rede, jedoch nicht von den früher üblichen großzügigen Rubelkrediten und schon gar nicht von sowjetischen Getreidelieferungen. Ein Tausch - russische Rubel-Hilfe gegen ideologische Konzessionen Chinas - kam nicht zustande.
Trotz Chinas wirtschaftlicher Not ist Mao heute offenbar noch nicht bereit, für Getreide gravierende Zugeständnisse an die USA oder an die Sowjet-Union zu machen: Über dem »Platz des Himmlischen Friedens' zu Peking dräute am 1. Mai ein riesiges Stalin-Porträt, an dem Maos Untertanen vorbeidefilierten. - Nirgendwo war - wie in früheren Jahren - ein Bild des lebenden Sowjetherrschers Nikita Chruschtschow zu sehen.
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