»So nah war die Bedrohung noch nie« - DER SPIEGEL
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AUGUST 2006 »So nah war die Bedrohung noch nie«

Mit selbstgebastelten Höllenmaschinen, die sie in Rollkoffern versteckten, wollten islamistische Terroristen zwei Züge in die Luft sprengen. Nur die Dummheit der Attentäter verhindert ein verheerendes Blutbad.
Von Erich Wiedemann
• aus SPIEGEL Chronik 54/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Um 14.30 Uhr macht es klick in dem herrenlosen Rollkoffer in der Regionalbahn 12519 von Mönchengladbach nach Koblenz und dann fast gleichzeitig noch einmal klick in einem Koffer im NRW-Express 10121 von Aachen über Köln nach Hamm. Nur zweimal klick. Sonst passiert nichts.

Alarm wird erst am nächsten Tag gegeben, als die Bahnpolizei in Koblenz das zweite unbegleitete Gepäckstück geöffnet hat. Sie enthalten je eine USBV, wie es im Polizeijargon heißt, eine »unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung«, bestehend aus großen eisernen Gasflaschen mit jeweils elf Kilogramm Flüssiggas, einem Elektrowecker, Marke »Little Star«, mit daran geknüpften Wolframfäden aus einer Glühbirne sowie mehreren benzingefüllten Flaschen mit Etiketten der Orangenlimonade »Flirt« von Aldi-Süd.

Greift der Terror jetzt nach Deutschland?

Wenn die zwei Brandsätze am 31. Juli planmäßig gezündet hätten, wären mehr Menschen gestorben, »als bisher vorstellbar war«, sagt Jörg Ziercke, der Chef des Bundeskriminalamts. Das Szenario ist in der Tat furchterregend: eine Feuerwalze, die durch den Waggon tobt und ein Flammeninferno entfacht.

Neben den Brandsätzen fanden sich im Dortmunder Koffer ein arabisch bedrucktes Paket Speisestärke, mit DNA-Spuren behaftete Kleidungsstücke, ein Zettel mit libanesischen Telefonnummern - verräterischer Müll. Rätselhaft, warum die Täter ihn nicht entsorgt haben. Sie müssen davon überzeugt gewesen sein, dass ihre selbstgebauten Höllenmaschinen todsicher explodieren und dass alle Spuren verbrennen würden.

Für die Ermittlungen gegen die Kofferbomber wird erst mal eine hundertköpfige Sonderkommission aufgestellt. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, empfiehlt im Übrigen, in den Zügen der Deutschen Bahn künftig bewaffnete Zugbegleiter mitreisen zu lassen. Er lässt aber offen, was Rail Marshals mit Pistolen gegen Attentäter unternehmen können, die stiekum eine Bombe ins Gepäcknetz legen und dann unerkannt verschwinden.

Der Fall wird schnell aufgeklärt. Aber nicht durch den Spürsinn der Sonderkommission. Der entscheidende Tipp kam, wie die Bundesanwaltschaft einräumt, vom militärischen Nachrichtendienst des Libanon. Am 19. August gegen vier Uhr früh wird der verhinderte Kofferbomber Youssef al-Hajdib aus Tripoli im Nordlibanon im Kieler Hauptbahnhof festgenommen. Fünf Tage später stellt sich sein mutmaßlicher Komplize Dschihad Hamad in Tripoli der Polizei.

Das Belastungsmaterial, das in den Koffern gefunden wurde, spielt bei der Fahndung fast gar keine Rolle. Ebenso die Videoclips aus den Überwachungskameras im Kölner Hauptbahnhof. Die Täter wurden zwar automatisch gefilmt, aber die Bilder tragen nicht zum Ermittlungserfolg bei.

Führende SPD-Politiker sind sich trotzdem mit den Konservativen einig, dass jetzt endlich die umstrittene Anti-Terror-Datei kommen muss. Gut vier Wochen nach den missglückten Attentaten wird sie denn auch auf der Innenministerkonferenz in Koblenz einstimmig beschlossen.

Kann die Anti-Terror-Datei Bombenanschläge auf Züge der Deutschen Bahn verhindern? Unter optimalen Bedingungen vielleicht. Nur, um einen Verdächtigen in eine Datei aufzunehmen, muss man erst mal einen Verdacht gegen ihn haben, den man katalogisieren kann. Die Namen von Youssef al-Hajdib und Dschihad Hamad waren weder bei der Polizei noch beim Verfassungsschutz bekannt.

So viel steht fest: Die Verschwörer waren von beinahe rührender Inkompetenz. Sie wussten offenbar nicht, dass Flüssiggas nicht schon explodiert, wenn man Feuer oder einen Funken darauf einwirken lässt. Um es zur Detonation zu bringen, muss man Sprengstoff im Innern der Gasflasche zünden.

Nein, die Kofferbomben von Köln waren nicht so mörderisch, wie im ersten Moment angenommen wird. Dabei kann man in Drogerien und Baumärkten für ein paar Euro Zutaten für eine Bombe kaufen, die ein Vierfamilienhaus zum Einsturz bringen kann.

Deshalb ist der Fall so alarmierend, obwohl die Katastrophe ausblieb. Mit ein wenig mehr Sachverstand, den sie sich im Internet hätten anlesen können, wären die Attentäter in der Lage gewesen, in den zwei Regionalzügen die Hölle zu entfachen, von der sie träumten. Die Polizei wäre leichtfertig, wenn sie sich darauf verließe, dass alle islamischen Bombenbauer so dumm sind wie Youssef al-Hajdib und Dschihad Hamad.

Nach dem letzten Stand der Ermittlungen sind die zwei Libanesen nicht Teil eines Netzwerks, »das schwere Gewalttaten in der Bundesrepublik« plant, wie Generalbundesanwältin Monika Harms erklärt. Sie sind auch nicht das »letzte Glied in einer Kette des Terrors, die größer, viel größer« ist, als bisher angenommen wurde, wie Hajdibs Anwalt Fawas Sakaria sagt.

Trotzdem: »So nah war die Bedrohung noch nie«, erklärt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Er hat vermutlich recht. Wenn auch anders, als er glaubt.

Unter Terrorexperten galt Deutschland bislang als »Ruheraum«.

In Moscheen und türkischen Geselligkeitsvereinen wird viel agitiert. Der Bundesnachrichtendienst weiß auch von Hodschas, die Spenden für die Heimatfront im Nahen Osten sammeln. Aber die Szene war bisher kaum gewalttätig. Niederländer, Franzosen und Briten haben mehr Probleme als die Deutschen mit ihren ausländischen Extremisten.

Wenn Individual-Dschihadisten nun anfangen, Verderben auf eigene Faust zu stiften, wird Deutschland unsicherer. Methoden und Motive von al-Qaida sind bekannt. Man weiß, wie sie tickt. Von unprofessionellen Einzeltätern, die sich selbst motivieren, weiß man es nicht so genau. Man kann sie auch nicht unterwandern.

Grund zum Morden findet sich immer, wenn man von Hass beseelt ist. Das Killerduo von Köln wollte mit dem geplanten Massaker zwei Zeichen setzen: eines gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen und eines gegen den Tod des Terroristenführers Abu Mussab al-Sarkawi im Irak.

Die Staatsanwaltschaft wird auf versuchten Mord plädieren. Ein syrischer Ökonomiestudent, der zunächst im Verdacht steht, der dritte Mann im Mörderbund gewesen zu sein, muss nach kurzer Haft wieder entlassen werden, weil ihm nichts nachzuweisen ist. Deshalb kann keine Anklage wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung gemäß Paragraf 129a Strafgesetzbuch erhoben werden. Denn so eine Vereinigung hat nach dem Gesetz mindestens drei Mitglieder. Die Kofferbombenbande hat aber nur zwei. ERICH WIEDEMANN

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