KOMMUNISTEN So oder so
Kaum hatte er auf dem Düsseldorfer Flugplatz festen Boden unter den Füßen, versicherte der grauhaarige Fluggast aus Moskau gerührt: »Ich spüre, daß ich hier unter Genossen bin.«
Der Genosse mit dem Spürsinn ist Senior in der Kreml-Führung: Arwid Janowitsch Pelsche, 72, Mitglied des 15köpfigen Politbüros der KPdSU und Leiter des Partei-Kontrollkomitees.
Es war das erstemal, daß ein Vertreter der höchsten Moskau-Riege mit ausdrücklicher Parteimission in die Bundesrepublik reiste. 1958 zwar war Moskau-Unterhändler Mikojan, auch er Mitglied der Parteispitze, nach Bonn gekommen -- doch zur Unterzeichnung des westdeutsch-sowjetischen Handelsabkommens.
Veteran Peische dagegen zierte Ende voriger Woche als ranghöchster Ehrengast den Düsseldorfer Parteitag der DKP. An der Spitze einer vierköpfigen Sowjet-Delegation sollte er den 33 410 eingeschriebenen westdeutschen Genossen Moskaus Entspannungspolitik gegenüber Bonn erläutern und Mut zusprechen für ihren sicher langen Marsch vom derzeit rund zweiprozentigen Wähler-Anteil zur Übernahme der Macht.
Der greise Kampfgefährte Lenins konnte dabei aus Erfahrungen schöpfen, über die selbst unter seinen Moskauer Spitzengenossen keiner mehr verfügt. Sie prädestinieren ihn nicht gerade zum Entspannungspolitiker, wohl aber zum Prokonsul der Ordnungsmacht Moskau gegenüber den Wünschen nichtrussischer Genossen.
Der lettische Bauernsohn Peische gehörte schon vor der russischen Oktoberrevolution in Riga zur Untergrund-KP, war im Sommer 1917, als sich Lenin in Finnland verstecken mußte, Delegierter des illegalen 6. Parteitages der Bolschewiki und saß zusammen mit Trotzki im Petrograder Sowjet.
·Die lebensgefährlichen Kurven der sowjetischen Parteilinie überstand der Revolutionär der ersten Stunde durch geschickte Anpassung und bedingungslose Parteitreue im Windschatten der politischen Sturmzentren.
Die Diadochen-Kämpfe nach Lenins Tod überdauerte Peische zehn Jahre lang als Politruk in der Roten Armee und der Roten Flotte. Für seinen pädagogischen Eifer erhielt er 1931 vom »Institut der Roten Professur« den seltenen Titel »Dozent« verliehen.
Als Stalin säuberte und dabei auch die Mehrheit der lettischen Altkommunisten liquidierte, saß Dozent Peische in moskaufernen Dörfern Kasachstans, um die Gründung von Staatsgütern (Sowchosen) zu organisieren. Den Höhepunkt der Säuberung 1937 überlebte er in Moskau als Lehrer.
1940 aber brauchte Stalin für seine von Hitler gebilligten Okkupations-Pläne im Baltikum einen verläßlichen Pfadfinder. Der Lette Pelsche hatte schon 1919 vergeblich versucht, die Sowjet-Macht mit militärischem Beistand russischer Genossen auch im Baltikum zu installieren. Im Frühjahr 1940 rückte er mit der Roten Armee erneut in seine Heimat ein.
Nationalen Widerstand brachen di Besatzer mit Gewalt. Tausende der Letten wurden erschossen, Zehntausende nach Sibirien deportiert. Pelsche rapportierte später vor dem 23. Parteitag, Lettland habe sich »in eine blühende ... politisch gleichberechtigte Unionsrepublik« verwandelt.
1966, nach dem Sturz Chruschtschows, holte Partei-Chef Breschnew den Veteranen unter Umgehung der üblichen Anwartschaft überraschend ins Politbüro: Der neue KPdSU-Führer brauchte einen National-Spezialisten aus der alten Garde Lenins.
Im folgenden Jahr brachte Pelsche die Genossen in Frankreich, die reformistischer Neigungen verdächtig waren, auf Vordermann. Bedingungslose internationale Geschlossenheit sei notwendig -- so der jetzige Düsseldorf-Gast 1967 im Parteitagsort der KPF Levallois-Perret -- wegen des »harten Strebens der Bonner, so oder so zu Atomwaffen zu gelangen«.
Das Gespenst der »westdeutschen Revanchisten« beschwor Pelsche auch im Mai 1968 auf seiner Tour durch die DDR. Es galt, die ostdeutschen Genossen gegen die Ansteckungs-Gefahr der Prager Reformen zu impfen: »Jegliche Versuche, die einheitliche Lehre von Marx und Lenin durch einen »nationalen Marxismus« zu »ersetzen«, widersprechen zutiefst seinem Wesen«, so Pelsche in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz).
Neun Monate später konnte Pelsche, der im Politbüro für die CSSR-Intervention gestimmt hatte, den Moskauer Willen auch in Prag und Preßburg verkünden -- wieder im Gefolge der Sowjet-Armee. Als Moskauer Revisor siebte er die KPC nach verläßlichen Sowjet-Freunden und gab ihnen Ratschläge zur großen Partei-Säuberung.
Auch in Finnland und Bulgarien mußte Pelsche im vergangenen Frühjahr konservativen Spitzen-Genossen gegen national-orientierte Partei-Flügel zu Hilfe kommen. Seinen Marschbefehl für Düsseldorf beschrieb vier Tage vor Pelsches Rhein-Fahrt das sowjetische Parteiorgan »Prawda«.
Die DKP, die sich als Kämpfer gegen die »rechte SPD-Führung« ("44 Thesen") versteht, bekomme im geänderten politischen Klima in Westdeutschland einen Platz unter jenen Kräften zugewiesen, die für ein besseres Verhältnis zur Sowjet-Union sind. Das heißt: Sie soll nicht durch Extratouren Moskaus Kreise stören.
»Die westdeutschen Kommunisten« -- so Pelsche in Düsseldorf auf russisch -- müßten »aus den harten Erfahrungen der Geschichte Lehren ziehen. Die deutschen Genossen versprachen es -- in Sprechchören auf russisch: »Druschba!« (Freundschaft).