VIETNAM / NIXON So oder so
Das 6. Bataillon des 77. amerikanischen Artillerieregiments trennte sich letzte Woche freiwillig von seinen 105-Millimeter-Haubitzen. Die Amerikaner, in der Nähe von Saigon stationiert, händigten ihre Geschütze sudvietnamesischen Bedienungsmannschaften aus.
In Nha Trang an der zentralvietnamesischen Küste begannen Soldaten der »First Field Force« und Fallschirmjäger der »Special Forces« zur gleichen Zeit mit dem Ausräumen ihrer Spinde: Als erste große US-Basis soll der Stützpunkt an die südvietnamesische Armee übergeben werden.
Es ist eine Armee, die fast doppelt so viele Soldaten zählt wie die Bundeswehr -- obwohl die Bevölkerung Südvietnams nur ein Viertel der westdeutschen Bevölkerung ausmacht. Es ist aber auch eine Armee, der 1968 im Durchschnitt über 13 000 Mann pro Monat davonliefen, eine Armee, die zudem nur über einige voll einsatzbereite Einheiten verfügt.
Die Amerikaner wissen das. Dennoch wollen sie den südvietnamesischen Streitkräften noch während einer großen Offensive der Vietcong mehr Kriegslasten aufhalsen.
Die beginnende Absetz-Bewegung inmitten einer akuten Feind-Beobachtung ist ein desperater Versuch des neuen US-Präsidenten Nixon, Johnsons schmutzigen Krieg um keinen Preis zu seinem eigenen schmutzigen Feldzug werden zu lassen.
Genau das -- daß aus Johnsons Krieg nun Nixons Krieg werden würde -- warfen politische Gegner, wie der Arkansas-Senator Fulbright, dem neuen Präsidenten bereits vor. Denn Nixon war auf der Suche nach einer Friedenslösung bisher keinen Schritt weitergegangen als Johnson: Die Bombardierung Nordvietnams hatte der frühere Präsident noch eingestellt, und auch die Friedensgespräche mit Hanoi in Paris hatte Johnson noch begonnen.
Nach zwei Monaten Nixon-Amtszeit haben Amerikas Delegierte in Paris noch immer keine neuen Direktiven erhalten, die es ihnen erlauben würden, die bisher fruchtlosen Gespräche zu beleben. Und Amerikas Militärs in Südvietnam verfolgen noch immer die alte Taktik: jene Such- und Vernichtungsaktionen, mit denen General Westmoreland die Vietcong ausräuchern wollte -- aber letztlich nur weite Landstriche Südvietnams in verbrannte Erde verwandelte.
Die USA hatten zwar die Bombardierung Nordvietnams gestoppt, aber sie bombardierten dafür um so heftiger in Südvietnam und beim Vietnam-Nachbarn Laos, durch dessen Dschungelberge der rote Nachschub rollt.
Nun aber zwingt der Feind Amerikas neuen Führer zum Handeln: Seit fünf Wochen berennen Vietcong-Bataillone US-Stützpunkte und Städte in Südvietnam -- und noch ist kein Ende der neuen Offensive abzusehen.
Die Kommunisten haben ihre Taktik seit der Neujahrsoffensive von 1967 grundlegend geändert. Damals griffen sie mit großen Einheiten an und hielten eroberte Stellungen, bis die übermächtige Feuerkraft der Amerikaner sie zerrieb. Die Guerillas verloren -- nach amerikanischen Zählungen -- fast 40 000 Mann.
Diesmal schlagen sie in kleinen Trupps zu, töten so viele Amerikaner wie möglich und ziehen sich zurück, bevor überlegene Kräfte eintreffen.
Erfolg der neuen Strategie: In den ersten vier Wochen der Offensive fielen 1500 Amerikaner. Die Kommunisten verloren nach US-Angaben rund 15 000 Mann -- gegenüber 30 000 in der gleichen Zeit des letzten Jahres.
Die steigenden Verluste in einem Krieg, der heute für Amerika sinnloser scheint denn je, erregen die Heimatfront.« Der wöchentliche Aderlaß ist einfach zu groß«, befand »New York Times«-Chef James Reston. »Nixon hat nun die Wahl zwischen Kriegsrisiko, wie Johnson, oder einem Friedensrisiko -- aber er kann der Entscheidung nicht länger ausweichen, ohne all die Vorteile eines neuen Präsidenten zu verlieren.«
In der Bevölkerung gewinnen jene, die den Krieg -- so oder so -- rasch beendet sehen wollen, immer mehr Anhänger. 26 Prozent sprachen sich in der jüngsten Gallup-Umfrage für sofortigen Abzug Amerikas aus Vietnam aus, 19 Prozent erklärten: »Beendet den Krieg so schnell wie möglich«, nur 32 Prozent stimmten für einen totalen Krieg, der endlich zum Sieg führen soll. 19 Prozent wollten es immerhin noch hinnehmen, daß der Krieg wie bisher geführt werden soll.
Nixon selbst möchte sein Land von der Last des Krieges befreien -- möglichst ohne ihn vorher noch zu verschärfen. Auf einer Vietnam-Konferenz im kalifornischen San Clemente widerstand er allen Ratschlägen von US-Militärs aus Saigon, der kommunistischen Offensive mit einer amerikanischen Eskalation zu begegnen.
Er ließ zwar drei amerikanische Gegenoffensiven zu, die noch schlimmere Attacken der Vietcong schon im Ausgangsstadium ersticken sollen, zugleich aber entschloß er sich zu demonstrativen Absetz-Bewegungen -- wie in Nha Trang.
Gleichzeitig verkündete er seinen Landsleuten, daß es einen Fortschritt zum Frieden zwar kaum in Paris, wohl aber in streng geheimen Gesprächen mit Hanoi geben könnte.
Wann und wo es zu solchen geheimen Kontakten kommen sollte -- oder schon gekommen sei -, könne und wolle er noch nicht mitteilen.
Nixon: »Wenn vertrauliche Gespräche wirklich vertraulich sein sollen, müssen sie auch vertraulich bleiben.