ENGLAND / MONTGOMERY So sorry
Mit verlegenem Lächeln kletterte Großbritanniens rede- und reiselustiger Feldmarschall Lord Montgomery in der vorvergangenen Woche aus dem Flugzeug, das - aus Moskau kommend - auf dem Londoner Airport gelandet war. Kaum war er der versammelten Journalisten ansichtig geworden, formten seine Lippen eine für den selbstbewußten Haudegen höchst ungewöhnliche Entschuldigung. »Ich glaube«, murmelte Monty, »das war sehr schlecht von mir. Ich hoffe, die Amerikaner werden mir verzeihen. Ich nehme alles zurück, es tut mir so leid.«
Die Entschuldigungsworte des pensionierten Feldmarschalls galten einem aufsehenerregenden Fernseh-Interview, das der Sieger von El Alamein wenige Tage zuvor zwei Reportern der amerikanischen Rundfunkgesellschaft Columbia Broadcasting System, Murrow und Collingwood, gegeben hatte. Seine Formulierungen hatten Briten und Amerikaner gleichermaßen bestürzt, weil Montgomery ausgerechnet in einem Augenblick, da es um die britisch amerikanischen Beziehungen ohnehin nicht zum besten steht, den Vereinigten Staaten vorgeworfen hatte, sie seien führerlos und würden von untätigen Invaliden regiert.
So mußte denn alsbald der Verdacht aufkommen, die britische Regierung habe den ehemaligen Nato-Krieger unter Druck gesetzt, um ihn zu einer Rücknahme seiner undiplomatischen Erklärungen zu bewegen. Tatsächlich hatte Premierminister Macmillan schon vor der Moskau-Reise Montgomerys alle Mühe aufgewandt, die britische Außenpolitik vor den unliebsamen Begleiterscheinungen Montgomeryscher Privatdiplomatie zu schützen.
Harold Macmillan mahnte den 71jährigen Feldherrn zur Vorsicht, als Montgomery Mitte März im Unterhaus erschien und dem Premier berichtete, er wolle Ende April zu einer Unterredung mit Sowjet -Boß Chruschtschew nach Moskau reisen. Montgomery hielt sich zunächst an den Rat des Premiers. Mit kaum zu überbietender Schlichtheit verkündete er vor Journalisten: »Ich fahre hin, weil ich mich für den West-Ost-Konflikt sehr interessiere.«
Gleichwohl befürchtete der Premier, Montgomery werde in Moskau diplomatisches Porzellan zertreten. Macmillan konnte keine Freude an der Reise eines Mannes haben, der im West-Ost-Konflikt just die Auffassungen vertritt, die Macmillans Gegner in Washington, Bonn und Paris dem britischen Premierminister in plumper Überzeichnung zuschreiben. Montgomery hatte nämlich kürzlich in der »Sunday Times« gefordert, der Westen müsse die Bundesrepublik räumen und die Existenz der Sowjetzonen-Republik anerkennen. So sehr derartige Auffassungen sich auch mit ähnlichen, zur Zeit noch halbverborgenen Tendenzen der britischen Außenpolitik berühren mochten - gerade ein allzu lautes Auftreten Montgomerys in Moskau mußte die Erfolgsaussichten dieser wohldosierten Politik Macmillans gefährden.
Macmillan bat daraufhin Montgomery in die Downing Street 10 und riet ihm, seine Reise nach Moskau weniger als ein politisches Unternehmen denn als Kameradschaftstreffen mit alten sowjetischen Waffenbrüdern zu interpretieren. »Lord Montgomery ist ganz speziell darauf aufmerksam gemacht worden, daß Politik schwieriger ist als Krieg«, kommentierte die Londoner »Times«. Aus der Umgebung des Premiers verlautete beruhigend, die Russen wollten offenbar die Montgomery -Reise keineswegs zu einem propagandistischen Spektakulum ausweiten.
In der Tat machten die Sowjets anfangs keine Miene, der Reise des britischen Feldmarschalls allzu großen Wert beizumessen. Lediglich 15 Zeilen in dem Moskauer Parteiorgan »Prawda« begrüßten den illustren Gast aus England. In diesem Augenblick flimmerte über amerikanische Fernsehschirme ein Ereignis, das die sowjetische Zurückhaltung umgehend in einen frenetischen Begrüßungstaumel verwandelte: Die Columbia Broadcasting System sendete ein Interview mit Montgomery, in dem er die amerikanischen Heerführer des Zweiten Weltkriegs kritisierte und tolpatschig erklärte, England müsse die Führung im westlichen Lager übernehmen.
Die englische Öffentlichkeit fiel geschlossen über den geschwätzigen Krieger her. Der konservative »Daily Telegraph« warf Montgomery »eine chauvinistische Verdrehung der Tatsachen« vor. So heftig ging die britische Presse mit ihrem Landsmann ins Gericht, daß sich Präsident Eisenhower
- von Journalisten um einen Kommentar gebeten - auf die Antwort beschränken konnte, er empfehle die Lektüre der englischen Zeitungen.
Das Foreign Office warnte zudem die Sowjets davor, Montgomery ernst zu nehmen. Ein Sprecher des Außenministeriums erklärte, der Feldmarschall sei ein Privatmann ohne jede politische Bedeutung, weshalb das Ministerium auch an einem Bericht Montgomerys über seine Moskauer Eindrücke nicht interessiert sei. Zugleich scheint Montgomery einen Wink erhalten zu haben, sich sofort bei Betreten britischen Bodens von seiner Erklärung im amerikanischen Fernsehen zu distanzieren.
Inzwischen wurde freilich offenbar, daß der britische Haudegen in seinen Gesprächen mit Chruschtschew nicht weniger freimütig war als in seinem Fernseh-Interview mit den amerikanischen Journalisten. Das deutete der streitbare Lord schon auf der Pressekonferenz an, die Montgomery kurz vor seinem Abflug aus Moskau in der britischen Botschaft gab.
»Ich habe übrigens entdeckt«, erzählte Monty, »daß Herr Chruschtschew auch ein sehr guter General ist.« Tönte ein sowjetischer Journalist: »Er hat ja schließlich auch die Schlacht von Stalingrad gewonnen!« Da lachte Montgomery schallend: »Nun, einige Sowjetmarschälle werden wohl anderer Meinung sein. Chruschtschew hat doch nie Truppen geführt.«
Moskau-Fahrer Montgomery
Politik schwieriger als Krieg?