So süß - DER SPIEGEL
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DIPLOMATIE So süß

Moskaus Generalstabschef Achromejew reiste erstmals durch die USA. *
• aus DER SPIEGEL 29/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wilma Mankiller, weibliches Oberhaupt aller Cherokee-Indianer, setzte dem hohen Gast »mit Inbrunst und Respekt ein geheiligtes Objekt« aufs Haupt - einen farbenprächtigen Federschmuck.

Der Geehrte, Moskaus Generalstabschef Sergej Fedorowitsch Achromejew, Marschall und Held der Sowjet-Union, Mitglied des Obersten Sowjet wie des Zentralkomitees und seit dem Vortag bereits Ehrenbürgermeister von San Antonio in Texas, war nun auch Ehrenhäuptling der Cherokee.

»Das wird er sein Leben lang nicht vergessen«, versicherte ein Sowjet-General in seinem Gefolge.

Der Wild-West-Abend auf der Deer Creek Farm bei Oklahoma City war Höhepunkt eines bis dahin kaum vorstellbaren Unternehmens. Erstmals bereisten der Generalstabschef der roten Supermacht und sechs weitere hohe Sowjetoffiziere die Heimat des Imperialismus.

Sechs Reisetage kreuz und quer durch die USA sollten den Sowjets »eine bessere Einschätzung der Stärke, der Aufrichtigkeit und der kulturellen Vielfalt unserer Nation, aber auch der außerordentlichen Fähigkeiten unserer Streitkräfte« ermöglichen. So hatte der Gastgeber, US-Admiral William Crowe, Vorsitzender von Amerikas Vereinigten Stabschefs, den Reisezweck erläutert.

Moskaus Militärs sollten Einblick nehmen in Verteidigungsanlagen, deren Schutz gerade vor den Augen des Ostfeindes bislang als Vorbedingung amerikanischer Sicherheit galt. »Das wird sie aus den Socken hauen«, hatte sich Admiral Crowe schon vorab über das maßgeblich von ihm gestaltete Besuchsprogramm gefreut.

US-Marineinfanteristen seilten sich, Gesicht geschwärzt, zum Blitzeinsatz aus ihren Kampfhubschraubern ab. Gewagte Flugmanöver von Harrier-Senkrechtstartern, Qualm und Krachen simulierter Granateinschläge, das nervensägende Knattern unzähliger Platzpatronen - der Manöverzauber war ganz offensichtlich auch nach dem Geschmack der Sowjetsoldaten.

Achromejew, 65, der sich selbst gern einen »Soldaten mit Leib und Seele« nennt, signalisierte - den Daumen über der Faust hochgestreckt - seinen sichtlich stolzen Gastgebern die erhoffte Anerkennung.

120 Kilometer vor der Küste Virginias wartete die Navy mit ihrem neuesten und - selbstredend - weltgrößten Flugzeugträger auf. Die »Theodore Roosevelt« trägt den Namen jenes US-Präsidenten, dessen außenpolitisches Motto »Sprich ruhig, aber mit einem dicken Knüppel in der Hand« zum Wahlspruch auch der Regierung Reagan wurde.

Das Schiff »ist der dickste Knüppel der USA«, lobte die Herstellerwerft in einer Zeitungsanzeige. Flugzeugträger dieser Klasse sind fast so lang, wie das Empire State Buildung hoch ist, haben 6000 Mann Besatzung und mehr als 100 Hochleistungsflugzeuge an Bord.

»Der Faszination kann keiner widerstehen«, meinte ein US-Offizier, als sich Generalmajor Iwan Skutarow, verantwortlich für die sowjetische Marineinfanterie, von der Besuchergruppe löste, um ganz aus der Nähe zu beobachten, wie eine F-18, von der nur knapp 75 Meter langen Startbahn katapultiert, in fünf Sekunden von Null auf 800 Kilometer pro Stunde beschleunigte. Binnen Minuten können die vier Dampfkatapulte Dutzende F-18-Jagdbomber und F-14-Jäger in den Himmel schleudern.

Moskaus stellvertretender Marinechef, Admiral Konstantin Makarow, beobachtete fast schon begeistert eine Staffel A-6-Bomber, die mit acht Tonnen Bomben eine gewaltige Wasserwand aus dem Meer aufsteigen ließ. Marschall Achromejew auf die Frage, ob er sich Ähnliches nicht auch für seine Marine wünsche: »Wir haben unterschiedliche geographische Voraussetzungen.«

Achromejews Bemerkung zur Zukunft des ersten sowjetischen 65 000-Tonnen-Trägers, der zur Zeit im Schwarzen Meer fertiggestellt wird, schien vor allem an die eigene Admiralität gerichtet: »Wir haben ein anderes Bauprogramm.« Das _(Als Ehrenhäuptling der Cherokee am 9. ) _(Juli in Oklahoma City. )

klang wie eine Warnung vor dem Wiederaufleben der Großseemannssucht des langjährigen Flottenmentors, Admiral Gorschkow, der Moskaus Randmeerflotte zu einem globalen Einsatzmittel hochrüsten wollte - mit allem, was auch die Amerikaner haben.

Die Zurückhaltung des zierlichen Moskauer Generalstabschefs konnte den bulligen Admiral Crowe nicht davon abhalten, die Sowjets am eigenen Leib spüren zu lassen, was US-Technik leistet. Das Dampfkatapult schoß die Besucher mit einer Beschleunigung, die sechsmal so stark ist wie die Erdanziehung, ihrem nächsten Reiseziel näher. »Das hat die ganz schön gestaucht«, freute sich noch Tage später ein amerikanischer Begleiter.

Im texanischen Fort Hood, dem »größten Panzerstandort des freien Westens«, zeigten die »Phantom Warriors« des III. Mobile Armored Corps, was die »Army of Excellence«, so die Selbstbewertung des US-Heeres, einem Feind zu bieten hat. »Wenn die Zweitbesten es nicht mehr schaffen«, lautet der großspurige Wahlspruch des Corps, müssen die Phantom-Kämpfer ran.

So führten denn die Besten ihren M-1-Abrams-Panzer und den »Apache«-Kampfhubschrauber vor - beides natürlich »Weltspitze«. In dem 153 420 acres (621 Quadratkilometer) großen Übungsgelände gibt es sogar eine Häuserkampfanlage, genannt »deutsches Dorf«.

Da mußten natürlich auch die übrigen Militärstationen der Rundreise mit Höchstleistungen glänzen. Fast komisch nahm sich der zwanghafte Trieb zu Superlativen in der Ellsworth Air Force Base von Rapid City aus. Der Stützpunkt beherbergt mit 35 B-1B-Bombern das größte Kontingent des überhaupt nur 100mal gebauten angeblichen Superbombers, weshalb Ellsworth - logisch - »die größte B-1B-Bomber-Basis der Welt« ist.

Hier durften die Sowjetmenschen sogar die atomaren Muskeln der amerikanischen Supermacht betasten: Einstieg ins computerbestückte B-1B-Cockpit, das vordem kein Staatsangehöriger des Warschauer Paktes auch nur gesehen hatte; donnernde Überflüge der Riesenvögel mit weitgespreizten Schwingen; Blick ins Trainingszentrum des 44. Strategischen Raketengeschwaders, deren 150 Minuteman-2-Raketen in den Weiten Süd-Dakotas verbunkert stehen.

Doch all das schien die Sowjets nicht sonderlich zu beeindrucken - warum auch? Im Golf hatten die Amerikaner soeben mit ihrem High-Tech-System Aegis den iranischen Airbus mit 290 Menschen vom Himmel geschossen. Und ausgerechnet am Tag des Besuchs bei den »Black Hill Bandits« der Ellsworth Base wurde ein neuer vernichtender Bericht über den B-1B-Bomber bekannt: Nicht einmal die Air Force hofft noch darauf, daß der Bomber die ihm zugeschriebenen Leistungen je bringen kann.

Den Genossen daheim von den militärischen Erlebnissen zu berichten, sei überhaupt kein Problem, verkündete der Sowjetmarschall den verlegen lächelnden Amerikanern: »Das haben wir zu Hause auch.« Seine vielfältigen, bewegenden Begegnungen mit den amerikanischen Menschen wiederzugeben, sei weitaus schwieriger. Damit allerdings war der zweite Besuchszweck zum Jubel der Reiseplaner im Pentagon voll erfüllt.

Immer wieder hatte Achromejew gestaunt, »wie frei Ihre Leute mit ihren Vorgesetzten reden«. Daß ein Soldat dem höchsten Militär der anderen Supermacht treuherzig versicherte, »ich weiß zwar nicht, warum Sie hier sind, aber ich glaube, das ist eine gute Sache«, hatte der Marschall noch in keinem anderen Land erlebt.

Nach Rodeo und Barbecue, Cowboy- und Indianer-Show in der Crowe-Heimat Oklahoma zeigte sich Achromejew überwältigt. »Was wir gerade erlebt haben, hat alle unsere Erwartungen übertroffen. Laßt uns gemeinsam für diese Welt verantwortlich werden«, wünschte sich mit leiser, fast sanfter Stimme der Marschall.

In diesem Klima verabredeten Amerikaner und Sowjets, bei allen fortbestehenden Differenzen, neue intensive Kontakte, Schiffsbesuche und gemeinsame Militärkommissionen. Schon nächstes Jahr wird Admiral Crowe zum Gegenbesuch ins Sowjetreich reisen.

Auch einfache US-Bürger waren beeindruckt. »Ich könnte auf der Stelle tot umfallen«, seufzte Ann Hoover, als ihr sowjetischer Partner nach einem Squaredance den Damen galant die Hände küßte: »Er ist so süß.«

Und Don Arwine, Geschäftsmann aus Oklahoma, meinte zu dem historischen Ereignis: »Nach allem, was ich heute abend gesehen habe, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, daß diese Leute einmal aufeinander schießen könnten.«

Als Ehrenhäuptling der Cherokee am 9. Juli in Oklahoma City.

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