AUTOMOBILE / MERCEDES-BENZ 350 SL So üppig
Das Fahren eines Sportwagens, so fabulierte einst Automobil-Feuilletonist Alexander Spoerl, sei genauso, als »wenn ich mich zu Hause auf einen dünnen Ledersessel setzen und dazu einen Mann mieten würde, der mit einem Fußballschuh mir einige Stunden lang von unten gegen den Sessel tritt«. Und noch vor wenigen Jahren galt als ausgemacht, ein echter Sportwagen erfordere ein robustes Skelett und asiatischen Gleichmut gegenüber Bocksprüngen der Federung, Ölspritzern und eisigem Luftzug.
Bei Mercedes-Benz, bevorzugter Automarke der deutschen Herrenfahrer und Taxichauffeure, gilt freilich spätestens seit 1963 eine andere Sportwagen-Maxime. »Wir sind der Ansicht«, erläuterte damals Alt-Chefkonstrukteur Professor Fritz Nahmger« »daß die Freude am sportlichen Fahren heutzutage keineswegs mehr mit körperlicher Beanspruchung gekoppelt sein darf.«
So üppig-komfortbewußt die seither produzierten Mercedes-Sportwagen der SL-Baureihe indes auch ausstaffiert wurden -- am neuesten SL-Abkömmling, dem in der vergangenen Woche vorgestellten MB 350 SL, haben Nallingers Nachfolger Gemütlichkeit, Fahr- und Bedienungskomfort schwelgerisch auf die Spitze getrieben.
Der Wagen ist keine revolutionäre technische Neuheit, denn er hat keinen Wankelmotor, nicht einmal Luftfederung. Aber es ist, als hätten die Techniker der schwäbischen Nobelmarke als Zutat für das neueste Erzeugnis von der Milchstraße deutscher Autoproduktion nun gleichsam auch den Honig entdeckt: Der MB 350 SL beispielsweise ist vermutlich das erste Auto der Welt, gewiß der erste Sportwagen, an dem selbst die Türfüllungen beheizt werden. Die ungewöhnliche Fürsorge für die Flanken der Käufer entsprang laut Mercedes-Stylingchef Karl Wilfert der Erkenntnis, daß »die Menschen immer anfälliger werden«.
Schwach läßt sich erkennen, daß der MB 350 SL der von Turiner Maßschneidern entwickelten Keillinien-Mode folgt. Unter dem Blechkleid, an seinen fahrmechanischen Teilen, entpuppt er sich gleichwohl als kostengünstig konstruiertes Baukasten-Automobil. Die Mercedes-Ingenieure übernahmen nämlich Getriebe und 3,5-Liter-Motor in modifizierter Form aus der Produktion ihrer Feudal-Personenwagen.
Das 200 PS leistende Achtzylindertriebwerk in V-Form beschleunigt das immerhin über anderthalb Tonnen schwere Gefährt aus dem Stillstand in 8,8 Sekunden auf 100 km/h und ermöglicht 210 km/h Höchstgeschwindigkeit. Auch das Fahrwerk, gleichfalls modifiziert, übernahmen die Stuttgarter Techniker aus ihrer Pkw-Serie. Sie pflanzten dem 350 SL mit der Schräglenker-Hinterachse ihrer Personenwagenmodelle »Neuer Generation« ein im Vergleich zur traditionellen Eingelenk-Pendelachse bisheriger SL-Typen modernes Rückgrat ein. Der sowohl mit Kabrio-Faltverdeck als auch mit abnehmbarem Coupé Dach lieferbare Roadster kostet 29 970 Mark, soviel wie sechs VW 1200.
Die SL-Sportwagen verdankten ihre Entstehung dem Mercedes-Rennruhm der fünfziger Jahre, von dem die Mercedes-Werber heute noch -- mühsam genug -- zehren. SL-Urahn war ein wenig komfortables, dafür aber keineswegs zahmes Spezialfahrzeug, der 1954 vorgestellte MB 300 SL. Mit einem Sechszylindermotor (drei Liter, 215 PS) erreichte er 250 km/h, Der Wagen hatte als erstes Serienautomobil Flügeltüren und galt in Fachkreisen als sportive »Donnerbüchse«. Von ihm wurden zwischen 1954 und 1962 genau 3258 Exemplare gefertigt. Als nächster SL erschien 1955 der zwar komfortable, aber dafür zahme MB 190 SL. Sein nur 105 PS spendender Vierzylindermotor ermöglichte lediglich 171 km/h. Aber der von jedermann leicht beherrschbare Wagen kam, wie das Fachblatt »Auto, Motor und Sport« formulierte, »dem uns allen angeborenen Renommierbedürfnis in besonders ausgeprägter Weise entgegen«. Auflage in acht Jahren: 25 881 Stück.
Fast doppelt so viele Autos verkaufte die Daimler-Benz AG von ihrem 1963 eingeführten Komfort-Sportwagen MB 230 SL mit Sechszylindermotor (150 PS) und seinen Varianten 250 und 280 SL im gleichen Kleid. Der MB 230 SL war der erste Personenwagen der Welt mit einem nach Art einer Pagode leicht durchhängenden Dach (Vorteil laut Daimlet-Benz: bequemerer Einstieg, bessere Rundumsicht) und wurde schließlich zum Entsetzen der Sportwagen-Ideologen als erster Sportwagen Europas mit Getriebeautomatik geliefert. Mit ihm, schrieb damals vergrämt die Fachzeitschrift »Automobil«, sei den Stuttgarter Ingenieuren »kein Sportwagen«, sondern »leider ein Schbortswagen« gelungen, vorzugsweise geeignet für »Männer mit schweinslederner Aktenmappe und Salzburger Hut«.
Größere Ambitionen auf dem US-Markt sowie die sich immer mehr verschärf enden Sicherheitsvorschriften und Bestimmungen zur Abgasentgiftung bewogen die Mercedes-Manager nun zum Übergang auf einen Super-»Schbortswagen«. Chefkonstrukteur Dr. Hans Scherenberg: »Es kommt zuviel auf uns zu an Sicherheitsforderungen -- und wer auf dem US-Markt nicht besteht, ist auch für alle übrigen Märkte disqualifiziert.«
Da die behördlichen Bauvorschriften zwangsläufig zu höheren Wagengewichten führen, haben die Stuttgarter schon vor sechs Jahren mit der Entwicklung ihres neuen V-Achtzylindermotors begonnen. Er ist mit 230 Kilogramm nur um 22 Kilogramm schwerer, aber unvergleichlich leistungsfähiger als ihr bisheriger Sechszylinder-Standardmotor. Die Firma hat sich auf eine Monatsproduktion von rund 5000 Achtzylindermotoren eingerichtet. Zwar soll der alte Sechszylindermotor von 2,8 Liter auf Wunsch auch für den neuen SL geliefert werden. Der Trend zum MB 450 SL, zu Limousinen und einem neuen Coupé mit 4,5-Liter-Triebwerk ist aber unverkennbar. Scherenberg: »Der V-Motor ist für die ganze, obere Kategorie vorgesehen.«
Vom alten, nunmehr im Vergleich recht proppig wirkenden MB 280 SL übernahm der Neuling nur das Pagodendach und die Karosseriekonzeption als Zweisitzer. Wer Notsitze wünscht, braucht sich nicht mehr mit dem bisher angebotenen Einzel-Quersitz zu begnügen. Der neue SL läßt sich nach dem Porsche-Prinzip mit zwei Notsitzen ausrüsten, bei Daimler-Benz verschämt »Kindersitze« genannt.
Wilferts Stylisten zeigen an dem gegenüber dem alten Typ flacheren, breiteren und mit 4,37 Meter um 8,5 Zentimeter längeren neuen Wagen vor allem, »was wir unter funktionellem Design verstehen«. Sie gürteten beispielsweise den ganzen Wagen mit Gummileisten, sie installierten Habgen-Breitstrahler mit integrierten Eck-Bunkern und bargen die mit einem Nebel-Rückstrahler vereinigten Heckleuchten unter einem schmutzabweisenden Glasprofil. Die »Windschutzsäulen« genannten, besonders massiv gebauten Frontscheibenpfosten sowie Dachränder und Heckpfosten bestückten sie mit verchromten Kanälen. Durch diese Bauart, die sich Daimler-Benz patentieren ließ, sollen Seiten- und Heckfenster weitgehend schmutzfrei bleiben. Versuche, den Scheibenwischer (Wilfert: »Der größte Krampf am Auto") durch ein Luftgebläse zu ersetzen, schlugen hingegen fehl -- um eine Frontscheibe bei 150-Kilometer-Tempo freizublasen, wären 70 PS, die Motorleistung eines Fiat 124 5, erforderlich gewesen.
Auch Im Innenraum, hinter den nun aus Stahlblech (vorher Leichtmetall) gefertigten und mit einem neuartigen, aufprallsicheren Zuggriff versehenen Türen, haben die Mercedes-Designer alle Details so angeordnet, daß dem Fahrer bei größtmöglicher Entspannung die Bedienung von Knöpfen und Schaltern optimal erleichtert wird. Von seinem beliebig verstellbaren Sitz aus kann der Fahrer, geborgen in einem von Prallpolstern strotzenden Cockpit, sogar den Außenspiegel korrigieren. Zugleich braucht er sich um den günstigen Sitz seiner Gurte nicht mehr zu kümmern, weil Mercedes die Gurthalterungen am Sitzrahmen verankert hat. Überdies stattete Wilfert die Lenkung, wie beim amerikanischen Sport-Straßenkreuzer Ford Thunderbird, mit einer serienmäßigen Servohilfe aus. Für Notfälle deponierten die Stuttgarter im Handschuhfach eine Art »Ewige Lampe« -- einen von der Wagenbatterie gespeisten Handstrahler.
Auf schwenkbare Hauptscheinwerfer, wie sie Daimler-Benz schon vor Jahren erprobt hat und Citroen bereits einbaut, müssen die SL-Fahrer hingegen verzichten. Ein Mercedes-Stylist: »Für unsere Käufer noch nicht genügend wirksam -- breites Abblendlicht bringt dem Kunden am meisten.«
Wer will, kann seinem 350 SL gegen Aufpreis auch noch weitere nützliche Hilfen einbauen lassen: zum Beispiel Scheibenwischer für die Scheinwerfer, ein Anti-Bloc-System (ABS) das auch bei Vollbremsungen in der Kurve ein Blockieren der Bremsen und damit Schleudern verhindert, eine Getriebeautomatik oder einfach nur sportliche Leichtmetallräder.
Der MB 350 SL, so rühmte das Werk seinen Komfortissimo, sei »kein kompromißloser Sportwagen«, eher »mehr als ein Sportwagen« -- oder auch weniger. Gleichwohl scheint sich der Bau von Straßen-Sportwagen zu wandeln. Mit weicher Servo-Lenkung, ruckfreiem Gangwechsel und in sanft strömender Warmluft gleiten die Sportwagenfahrer, eingekeilt in Kolonnen von Jedermann-Autos, gemütlich aus der Epoche &r »heißen Ofen« hinüber in die Ära der »heißen Türen«.