ITALIEN Sommer ermordet
Ivo Landucci, Herr über 420 Sonnenschirme und 70 Zelte in einem toskanischen Strandbad, sitzt vor seinem Teller mit duftendem Fleisch und möchte weinen.
»Wie eine Wüste ist das hier, wie ein Grab, eine Stille, die Angst macht«, klagt der Strandunternehmer.
Über ihm wölbt sich ein fleckenlos blauer Himmel, zu seinen Füßen perlt feiner weißer Sand, sorgsam befreit von allem Unrat. Das Wasser sieht einladend und durchsichtig aus.
Doch die Menschen fehlen. Das Meer ist verseucht, sogar das Baden wurde zunächst verboten, über 15 Kilometer hinweg zwischen Marina di Carrara und Cinquale an der toskanischen Mittelmeerküste.
Im Zentrum dieser Zone, in der 65 000 Einwohner zählenden Stadt Massa, war am vorvergangenen Sonntag in der Chemiefabrik Farmoplant ein hochgiftiges Gebräu explodiert - das Pflanzenschutzmittel Rogor, gemischt mit Cyclohexanon, einem Lösungsmittel - 50 000 Liter davon.
Die lebensgefährliche Substanz aus dem geborstenen Kessel gelangte ins Löschwasser und von dort über ein Leck im Sammelbecken der Fabrik ins Meer. Im Flüßchen Lavello, das die Brühe dorthin beförderte, starben umgehend die Fische.
Damit ist nun eins der wenigen Stückchen italienischer Küste verhunzt, das noch ein erträgliches Badeleben zu bieten hatte. Der Unfall habe »den Sommer ermordet«, schrieb der »Corriere della Sera«.
Eine ohrenbetäubende Explosion, gleich darauf eine zweite, hatte am Sonntagmorgen gegen 6.15 Uhr die Menschen von Massa aus den Betten gescheucht. Scheiben klirrten, der Boden wankte.
Durch den Druck wurde der Kessel mit dem Pflanzenschutzmittel in die Luft geschleudert und landete im Kommandoraum der Anlage. Wie durch ein Wunder verfehlte er dabei andere Behälter, in denen noch schlimmeres Gift, Zyankali, lagerte.
»Wir sind einem Bhopal um ein Haar entkommen«, sagt ein Arzt am städtischen Krankenhaus von Massa. Über dem Unglücksort erhob sich eine dichte schwarze Wolke »wie ein Atompilz«, so ein Augenzeuge. Sie verdunkelte den Morgenhimmel und verbreitete einen ätzenden Gestank, nach »verrotteten Zwiebeln«, nach »faulen Eiern«.
In der Stadt brach Chaos aus. Zahlreiche Bewohner stürzten auf die Straßen, warfen sich in ihre Autos und flohen in Panik. 30 000 Flüchtlinge aus Massa und Umgebung verstopften mit ihren Fahrzeugen die Küstenstraßen.
In den Notaufnahmen der umliegenden Krankenhäuser sammelten sich Hunderte von Hilfesuchenden, die über Atemnot, Herzbeschwerden, tränende Augen und Reizung der Luftröhre klagten. 20 Menschen mußten stationär behandelt werden.
Die Behörden reagierten völlig kopflos. 30 Stunden lang unterließ es die Stadtverwaltung, die Bürger von Massa über den Unfall aufzuklären. Volkszorn kam auf. Drei Tage lang demonstrierten und streikten die Bewohner von Massa für die Schließung der Giftfabrik, die der Bürgermeister von Massa am Dienstag dann endlich verfügte.
Nach dem Willen der Einwohner hätte das schon im vorigen Oktober geschehen müssen. 23 Zwischenfälle hatte es immerhin in den vergangenen sieben Jahren bei Farmoplant gegeben. In einem aufsehenerregenden Referendum hatte die Bevölkerung von Massa und Umgebung daher mit 70prozentiger Mehrheit dafür gestimmt, die gefährliche Chemiefabrik, diese »Bombe in unserer Mitte«, so ein Bewohner, stillzulegen.
Die Gemeinde entzog die Betriebsgenehmigung - doch das Werk widersetzte sich mit einer Flut von einstweiligen Verfügungen. Es gewann auch die Justiz für sich. Wenige Tage vor dem Unfall verkündete das Verwaltungsgericht der Region Toskana, die Farmoplant-Anlage sei sicher und besänftigte die Bürger: »Ihr könnt ruhig schlafen.«
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gesperrtes Gebiet Chemiewerk FARMOPLANT Karten ausschnitt La Spezia Marina di Carrara Marina di Massa Cinquale Liguriscbes Meer Marina di Pisa Massa Forte dei Marmi Viareggio Lucca Pisa Pistoia ITALIEN Florenz
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