Sorge-Kenner - DER SPIEGEL
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Sorge-Kenner

• aus DER SPIEGEL 31/1951
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Sorge-Kenner (v. l. n. r.): Weise, Sieburg, Urach

14. Mai 1938. Miyake bekommt ein Telegramm im Hause ihrer Mutter »Sorge verletzt, komm sofort«. Sie eilt zu Sorges Haus, wo sie von der alten Haushälterin erfährt, daß Sorge spät nachts am Vortage einen schweren Motorradunfall gehabt hat. Großer Blutverlust, erste Hilfe bei Arzt in der Nähe, dann in das St.-Luke-Hospital übergeführt (in dem auch sonst die Europäer lagen.) Unfall an Miyakes Geburtstag.

Sie besucht Sorge. Er liegt halb im Bett aufgerichtet, Augen, Nase und Mund dick verbunden, den linken Arm im dreieckigen Tuch. Er ist bei Bewußtsein. Sie besucht ihn täglich. Allmählich fallen die Verbände. Das ganze Gesicht blau, grün, schwarz. Ueber der Oberlippe und zwischen den Augenbrauen jeweils eine etwa 4 cm lange, genähte Wunde. Auch Augenlider dunkelblau, Sehkraft geschwächt. Sieht furchtbar entstellt aus.

Mutter betet täglich für ihn am Shinto-Schrein zu japanischen Göttern. Miyake bemerkt dazu, Sorge ist kein Christ, er ist »Dr. der Sozial-Philosophie«. Die Zähne eitern und müssen einer nach dem andern gezogen werden. Er kann nur flüssige Nahrung zu sich nehmen und kommt darum nur langsam wieder zu Kräften.

Das alte Dienstmädchen Amah sagt: »Daß der Herr wieder gesund geworden ist, verdankt er nur seiner Energie. Als er den Unfall hatte, war es spät in der Nacht. Er mußte eine ganze Zeit warten, bis jemand vorbeikam, um ihm zu helfen. Er war auf einer Einladung, hatte getrunken und war angetrunken gegen eine Mauer gefahren. Er verlangte im Krankenhaus zuerst nach Herrn Klausen, der auch sofort kam.«

Dieser Motorrad-Unfall wird von Sorges Freunden oft unbewußt als eine Zäsur in seinem Leben angesehen »Das war noch vor dem Motorrad-Unfall«, sagen sie, wenn sie die Zeit vor 1938 meinen, und »das war in der letzten Zeit, nach dem Unfall.« Tatsächlich hatte der Unfall Folgen, die über die rein äußerliche Entstellung seines Gesichts weit hinausgingen.

Fürst Urach entkam dem Unglück mit knapper Not Er war mit dem schon randvollen Sorge im »Rheingold« Die Bar schließt. Es ist zwei Uhr nachts Draußen steht das Motorrad, das Sorge von dem Mechaniker Klausen - Urach kennt ihn als Sorges primitiven Saufkumpan - gekauft hat. Sorge fordert Urach auf. den Sozius einzunehmen. Die »Blind-Fahrt« winkt. Urach macht Ausflüchte. »Gute Nacht, Feigling«, brüllt Sorge und entschwindet knatternd in gefährlichen Schlangenlinien.

Er fährt nicht etwa nach Hause, sondern zum »Hotel Imperial«, dem internationalen Treffpunkt Großostasiens. Dort wohnt der Wiener Mödelhammer, Vertreter der Firma Henschel, ein Mann, der schon Millionen verdient und Millionen über den Leisten gehauen hatte. In seinem Hotelzimmer hatte er für seine Freunde eine jederzeit geöffnete Privatbar, deren sie sich bedienen durften, egal. ob der Hausherr da war oder nicht. Zu diesen Freunden gehörte auch Sorge, obwohl Mödelhammer zu Fürst Urach gesagt hatte: »Hüten Sie sich vor Sorge. Er ist ein Gezeichneter.«

Das »Imperial« dieses vermutlich bizarrste Hotel der Welt, das der amerikanische Baumeister einem altmexikanischen Azteken-Tempel nachgebildet hatte, war erdbebensicher, wie

jedem Gast als erstes mitgeteilt wurde, da sein Betonklotz auf morastigem Untergrund schwamm*).

Nicht sicher war es vor Sorges nächtlichem Gepolter. Er kannte die Nachtportiers und schlingerte zu Mödelhammers Appartement. Er läßt den Schlafenden im Bett liegen, nimmt die Whisky-Flasche trinkt sie leer, schleudert sie gegen die Wand, brüllt »Prost. Gesundheit, dankeschön« und läßt den geräuschvoll Erwachten allein. Der wundert sich weiter nicht und schläft weiter

Fürst Urach liegt gerade im ersten Rausch-Schlaf, da weckt ihn das Telefon. Aus dem Schnattern der japanischen Männerstimme hört er, daß Sorge schwerverunglückt an der Polizeibox vor der US-Botschaft liegt und nach Urach verlangt.

Am Botschaftshügel ein zerschlagenes Motorrad und ein Sanitätsauto. In einer Blutlache an einem Rinnstein liegen Zähne Sorge kann nur gurgeln. Ein beschwörender Blick aus den rotbeschmierten Augen, er klopft sich mit der Hand auf die Brusttasche. Urach greift nach einem Bündel zusammengelegter Papiere und steckt es ein. Sorge schließt die Augen. Er hat schon Morphium bekommen. Urach sorgt dafür, daß Sorge in kein japanisches Krankenhaus kommt, sondern in das amerikanische St.-Luke-Hospital. Er verbrennt die Papiere. »Was gingen mich Sorges Notizen an?«

Kaum im Krankenhaus genäht und erwacht (Sorge: »Was ist denn das für''n Freudenhaus hier?"). verlangt der Verunglückte nach Klausen, dem er seine mit Geldscheinen gefüllte Brieftasche übergeben ließ, wie Weise zwei Stunden später erfährt. (Er hatte am Mittag des Unglückstages gerade ausländisches Geld überwiesen bekommen, gesteht Sorge dem Untersuchungsrichter.) Rudolf Weise: »Wir machten uns einige Gedanken über diese sonderbare Freundschaft, kamen aber nicht auf das Richtige.«

Den Max Klausen führt Fräulein Miyake erstmalig anläßlich des Motorrad-Unfalls ein. »Klausen kam häufiger ins Rheingold'', er war klein, etwas dicklich und umgänglich. Von seiner Frau Anna hieß es bei unseren Mädchen, sie sei groß, dick und mache einen strengen Eindruck. Klausen sprach in fließendem Japanisch mit mir, wenn er zu Sorge kam. Klausen pflegte zu sagen: ''Kinder ihr seid arme Leute, ihr trinkt immer Tee. Ich bin reich, ich trinke nur Sake (Reiswein)'' Sorge lachte nie mit Klausen Er sagte zu mir, Klausen sei Ingenieur und habe ein eigenes Geschäft. Ueber das Motorrad sagte Sorge: »Da hat mir Klausen so ''ne olle Mühle angedreht.''«

Sorges Narben verheilten gut, sie verschwanden in den Stirmfalten und ließen ihn noch unheimlicher aussehen. Aber natürlich blieb von dem doppelten Kiefernbruch und dem zerfetzten Gaumen etwas zurück. Er bekam ein schönes Gebiß, konnte aber lange nur eine Grimasse ziehen, wenn er lachen wollte Daß er sein Gesicht so komödiantenhaft verzog, ging zum Teil auf diesen Unfall zurück Schlimmer war, daß er überhaupt nicht mehr allein sein konnte. Wenn er nicht mit irgendwem pokulieren konnte mußte er wenigstens mit jemandem telefonieren.

Als er aus dem Hospital heraus war nahm Frau Helma Ott ihn eine Zeit zu sich in die Botschaft, um ihn dort zu pflegen. Von Tees und ähnlichen Gelegenheiten ging sie früher weg, »um nach meinem Patienten zu sehen«, was Anlaß zu Verwunderung und Kommentaren gab. Auch Friedrich Sieburg glaubt beobachtet zu haben, daß die »mütterlichen Empfindungen« für Sorge, aus denen Frau Ott nie ein Hehl machte, seit dem Unfall noch gesteigert waren Sieburg: »Frau Ott hatte sich diesen Unfall sehr zu Herzen genommen und schwebte seitdem in ewiger Unruhe. Sie hatte es zu verhindern gewußt, daß Sorge überhaupt noch Motorrad fuhr.«

Tatsächlich kaufte er sich bald ein winziges blaues japanisches Auto, Marke »Datsun« Aber er fuhr auch in dem Autochen wie ein Wilder Und er machte sich ein besonderes Gewerbe daraus, die Botschafterin zu ängstigen. Er erzählte ihr gern, er sei wieder in betrunkenem Zustand wie toll Auto gefahren, oder er habe im Bett geraucht und sei darüber eingeschlafen, wie der Fürst Urach auf Sorges Seegrassofa. Kurz, er arbeitete ganz bewußt auf ihre Nerven.

Fortsetzung folgt

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*) Als man dem Architekten nach dem schrecklichen Erdbeben von 1923 telegraphisch mitteilte, »sein« Hotel stehe noch, drahtete er zurück: »Telegramm überflüssig«.

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