ENGLAND-ÜBUNG Sorry
Der Fähnrich Rauprich vom Panzerbataillon 84 in Lüneburg hat zur Zeit eine zungenbrecherische Spezialaufgabe. Er versucht, den 84er Panzerschützen ein walisisches Wort-Ungetüm mit 62 Buchstaben einzutrichtern: Llanfairpwllgwyngyllgogerrychchwyndrobwylchllantisiliogogogoch.
Denn, so hat Rauprich bei einem Aufenthalt in Wale's erfahren, wer diesen tatsächlich existierenden Ortsnamen auszusprechen vermag, der werde von den Walisern ans Herz gedrückt wie angeblich von den Bayern jeder Preuße, der »Oachkatzlschwoaf« sagen kann.
Um solche Herzenswärme bangen angesichts extremistischer Proteste im
Unterhaus und auf britischen Straßen die Männer aus der Schlieffen-Kaserne in Lüneburg. Sie werden nämlich am 9. September mit Wehr und Waffen im südenglischen Wales landen.
Was Hitler unter dem Tarnnamen Aktion »Seelöwe« nur erträumte, verwirklicht nun unter Nato-Vorzeichen das Panzerbataillon 84: Es ist die erste deutsche Militäreinheit seit Geschichtsschreibung, die vollbewaffnet britischen Boden betritt.
Mit 400 Mann, 40 Panzern vom Typ M 48, einem Bergungspanzer, einem Tieflader, 46 Kraftfahrzeugen und einigen Motorrädern wird Bataillons-Kommandeur Karl-Wilhelm von Kleist für drei Wochen zu Schießübungen über den Kanal ziehen. Zielort ist der englische Truppenübungsplatz Castlemartin im Fürstentum Wales.
Die Panzer werden vom Bremer Hafen aus mit dem Motorschiff »Trautenfels« der Bremer Hansa-Reederei auch Hitler wollte für seine Invasion Handelsschiffe rekrutieren - nach Pembroke-Docks verschifft, dort, weil die Kais kriegerischen Belastungen nicht standhalten, mit Landungsbooten an die Küste gebracht und schließlich - das unterscheidet diese Aktion vom Unternehmen »Seelöwe« - auf englischen Tiefladern nach Castlemartin gefahren. Die 400 Panzermänner werden von Celle aus per Bundesluftwaffe auf die Insel verfrachtet.
Schon jetzt wird in Lüneburg materielles und ideelles Marschgepäck geschnürt. Kommandeur Kleist ließ die Kleiderkammern auf »Auslandsfähigkeit« prüfen. Als erste Einheit erhalten die 84er auf die neuen steingrauen Kampfanzüge das schwarzrotgoldene Fähnelein als Nationalitätszeichen, und die Sportkleidung wird - ebenfalls neu für die Bundeswehr - mit Bundesadler verziert.
Besonders jedoch wird die innere Wales-Politur mit deutscher Gründlichkeit verabfolgt. Hierzu lieferten scharenweise nach Lüneburg pilgernde englische Journalisten dem zuständigen Oberleutnant Neumann bereits wertvolle Fingerzeige: »Vergessen Sie nicht, daß sich die Waliser von den Engländern unterscheiden wie die Bayern von den Preußen.« Oder: »Schärfen Sie den Leuten das Wort 'sorry' ein, das hilft bei allen Schwierigkeiten.«
So stand denn auch »sorry« als erstes englisches Wort auf der Übungstafel der Panzerjäger und rutschte von dort in die Notizbücher der jungen Soldaten.
Ausgiebigere Sprachübungen konnten wegen der Kürze der Vorbereitungszeit nicht auf den Dienstplan gesetzt werden. Man begnügte sich mit einem Schnell-Siede-Kurs nach der Art »1000 Worte Englisch« und überläßt alles, was über 100 hinausgeht, der Privatinitiative. Die dem Fernmeldeoffizier StAN-mäßig (StAN = »Stärke- und Ausrüstungsnachweis") zustehenden drei Plattenspieler mit Sprachplatten kursieren ständig unter Offizieren und Mannschaften.
Als wertvollstes Hilfsmittel deutsch englischer Erwärmung erwiesen sich 500 Exemplare des locker aufgemachten »Knigge für England-Reisende« mit dem Titel »Der englische Vetter«-nebst einschlägigen Reiseprospekten unaufgefordert vom »British Information Service« nach Lüneburg zugestellt. Darin werden englische Eigenarten und Gebräuche mit der sanften Mahnung dargeboten, sie zu tolerieren, wenn man nicht unangenehm auffallen wolle. Den Soldaten wird eingeschärft,
- daß Hosentaschen ein Lieblingsaufenthalt englischer Hände seien;
- daß Hammelfleisch vornehmlich mit Pfefferminzsauce serviert werde;
- daß beim Essen die Gabelspitzen unbedingt nach unten zu halten seien;
- daß Engländer zur geheiligten Teatime sogar Seeschlachten unterbrechen;
- daß die Begrüßungsfrage »How do you do?« nicht beantwortet, sondern wiedergekäut werden müsse. Zu diesem Punkt gesellschaftlicher Auslandsbeziehungen lieferte der schon landeskundige Fähnrich Rauprich noch einen wichtigen Beitrag: Die deutsche »Händedrückerei« sei in England nicht üblich, und es empfehle sich deshalb, die Uhr am rechten Handgelenk zu tragen.
Denn: Strecke man einmal die Hand einem Engländer entgegen, und der geplante Händedruck werde mangels Verständnisses nicht akzeptiert, dann könne man sich rasch aus der Verlegenheit helfen, indem man auf das Zifferblatt blicke.
Die 400 Engelland-Fahrer hoffen, in Wales nicht allzu oft auf die Uhr schauen zu müssen. 16 von ihnen bewarben sich, uneingeschüchtert von möglichen englischen Protestaktionen, sogar um eine vierwöchige Dienstzeit-Verlängerung, um bei der »Invasion« dabei sein zu können.
»Wann kommt man schon wieder so billig nach England«, fragte sich Panzerschütze Weiße, in Zivil Postfacharbeiter aus Seelze, und richtete an das Postamt I in Hannover ein Gesuch um Beurlaubung wegen verlängerter Wehrdienstzeit. Einer Zeitschrift hat er entnommen, daß Castlemartin hinterwäldlerisch gelegen ist. Der Panzerschütze,hat sich daher damit abgefunden, daß »in diesen drei Wochen mit Mädchen nicht viel drin ist«.
»Das gibt«, kommentierte Oberstleutnant Siegel vom Straußschen Presseamt, »für die Männer eine schöpferische Pause. Dabei können sie sich innerlich sammeln.«
Panzersoldaten im England-Unterricht: Armbanduhr rechts tragen