Soviel Mut - DER SPIEGEL
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SCHWÄBISCHES TAGEBLATT Soviel Mut

• aus DER SPIEGEL 47/1962
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Acht Professoren der Universität Tübingen haben die Redakteure des lokalen »Schwäbischen Tagblatts« über die Aufgaben und Pflichten der Presse belehrt.

Nach dem letzten Kommentar dieser Zeitung zur SPIEGEL-Affäre, so erklärten die Dozenten Hans-Joachim Lang, Hermann Bausinger, Rolf Dahrendorf, Walter Schulz, Walter Jens, Iring Fetscher, Thomas Barthel und der international renommierte Dekan der evangelischen theologischen Fakultät, Hermann Diem, dem »Tagblatt« brieflich am 8. November, »geben wir die Hoffnung auf, Ihre Kommentatoren möchten rechtsstaatliche Grundsätze kennen und verteidigen«.

Und: »Das einzig wirklich ehrliche Wort in Ihren Spalten war die Schlagzeile der ersten Meldungen vom 29. Oktober: Schwerer Schlag gegen den SPIEGEL.«

Bekannte der »Tagblatt« - Herausgeber und Chefredakteur Dr. Ernst Müller nach der Lektüre des Professoren-Gutachtens über die Berichterstattung seiner eigenen Zeitung: »Es ist meine Meinung, daß die von den Herren Professoren gemachten Feststellungen einen bisher nicht genügend gewürdigten Sachverhalt ans Licht bringen.«

Er freue sich, daß die Hochschullehrer »mit soviel Mut und Logik die andere Seite, die demokratische Seite, der SPIEGEL-Affäre beleuchten«. In dem Schreiben der Professoren sehe er »ein Stück notwendiger Diskussion und Korrektur«.

Die Leitartikel des »Tagblatts«, die von den Tübinger Acht zum Anlaß ihres Memorandums über rechtsstaatliche Grundsätze genommen worden waren, entstammten den Federn

- des Redakteurs Siegfried Aigner, militanter Jungkatholik, erfolgloser CDU-Bundestagskandidat und Bruder des christsozialen Bonner Parlamentariers Dr. Heinrich Aigner, und

- des rechtskonservativen stellvertretenden »Tagblatt«-Chefs Dr. Karl Lerch.

Bereits am 29. Oktober hatten die Professoren neben der ersten Meldung über die Justiz-Aktion gegen den SPIEGEL unter Aigners Signum »ai« einen Kommentar gefunden, in dem sich der CDU-Funktionär auf den Standpunkt des Bundesgeschäftsführers seiner Partei, Dufhues, stellte und seinen Lesern plausibel zu machen versuchte, daß die Aktion gegen den SPIEGEL die Pressefreiheit nicht berühre. CDU-Aigner nutzte die Gelegenheit zu einem Tiefschlag gegen die SPD. Er zog christdemokratische Parallelen zum Ostspion Frenzel.

»Die Versorgung eines fremden Nachrichtendienstes mit Geheimmaterial gegen Bezahlung«, so belehrten die Professoren den Siegfried Aigner, sei nicht gleichzusetzen »mit der Veröffentlichung von Material, dessen Charakter als Staatsgeheimnis mehrere Wochen lang fast niemandem aufgefallen war«.

»Tagblatt«-Vize Lerch mußte eine noch härtere Lektion einstecken. Lerch hatte - unter dem Signum »lh« - Ärgernis an der Empörung über die SPIEGEL-Aktion genommen und autoritätsfrömmelnd vermutet: Während der Bundestagsdebatte »war eine Regie am Werke, die bewußt gelogen, aufgeputscht, übertrieben und die Dinge falsch etikettiert hat, um aller Welt weiszumachen, daß es in der Bundesrepublik an Rechtssicherheit und Freiheit um keinen Deut besser bestellt sei als im Dritten Reich Adolf Hitlers«.

Dem greisen Kanzler konzedierte Lerch hingegen, ihm möge es »schwer sein, Gelassenheit zu bewahren«. »Dieser Journalist«, so analysierten die Professoren in ihrem Gutachten, »denkt autoritär, nicht demokratisch.« Überdies warfen sie dem »Tagblatt« vor, die Stimmung in der Öffentlichkeit zur SPIEGEL-Aktion schlicht übersehen zu haben: »Wissen (die Redakteure) nicht, daß Menschen halb krank vor Empörung, arbeitsunfähig vor nervöser Erregung,besorgt um unsere Zukunft bis zum schwärzesten Pessimismus sind?«

»Tagblatt«-Chef Müller ließ den Protest der Tübinger Acht sofort in die Lokalspalten seines Blattes einrücken. Freilich erfuhren nicht alle Leser, die von den Pamphleten Aigners und Lerchs Kenntnis genommen hatten, auch die Meinung der Tübinger Professoren:

Das »Schwäbische Tagblatt« (Auflage 17 000) ist nur eine von insgesamt 20 Ausgaben der »Südwestpresse« (Auflage: 101 000), die zwar gemeinsame politische Seiten haben, aber jeweils verschiedene Lokalseiten produzieren. Die Artikel Lerchs und Aigners waren im politischen Teil erschienen.

Immerhin: Im politischen Teil, also in der Gesamtauflage, servierte Redakteur Aigner seinen Lesern einen Aufsatz, in dem sich der CDU-Jungtürke zwar einerseits vom »Gezeter« um die SPIEGEL-Aktion entsetzt zeigte, andererseits jedoch die Erkenntnis vermittelte: »Wie sehr die Gemüter verwirrt sind, zeigte sogar der Bundeskanzler.«

»Tagblatt«-Kritiker Diem Krank vor Empörung

»Tagblatt«-Chef Müller

Dank für Belehrung

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