»Sozialismus der Gefängnisse«
Auf dem Danziger »Solidarnosc«-Kongreß feierten die Delegierten nur einen Redner ebenso begeistert wie den Kardinal-Primas Glemp, das Oberhaupt der Katholischen Kirche Polens. Es war dessen ideologischer Gegner, der Altsozialist und Atheist Lipinski, 93.
Echt polnisch: Dieselben, meist jungen Gewerkschafter, die während der Danziger Beratungen mehrmals gegen die Beeinflussung ihrer Führungsgremien durch Intellektuelle tobten, die jeden Kongreßtag mit einem Marien-Lied begannen und abschlossen, ließen sich von einem Greis fortreißen, der öffentlich bekennt, die »Gnade des Glaubens« sei ihm versagt worden, und der sich als »Gegner von Machtausübung durch religiöse Gruppen« vorstellt.
Aber auch den in der Volksrepublik machtausübenden Kommunisten war der Professor, Grand Old Man der polnischen Wirtschaftslehre, nicht genehm; er wurde vor drei Jahren aus der Partei verstoßen.
Unbegründet war der Ausschluß freilich nicht. Denn zu jener Zeit meinte der »demokratische Marxist« (so der Philosoph Kolakowski über den Ökonomen Lipinski) noch, er könne, parallel zu seiner Parteimitgliedschaft, auch dem »Komitee zur Verteidigung der Arbeiter« (KOR) angehören.
In Lipinskis kleiner, mit antiken Möbeln und Kunstgegenständen vollgestopften Wohnung in der Warschauer Rakowieckastraße 22 hatten sich vor fünf Jahren, am 23. September 1976, 15 Bürgerrechtler versammelt, um den heute schon historischen KOR-Appell zu unterschreiben: »Um sich gegen Unrecht wirksam verteidigen zu können, hat die Gesellschaft nur eines zur Verfügung: gegenseitige Hilfe, aktive Solidarität.«
Ein Jahr später, im September 1977, nachdem sich die Bürgerrechtler in das »Komitee für gesellschaftliche Selbstverteidigung« umbenannt »atten, wurden ihre programmatischen Erklärungen deutlicher: Die » » Quelle der Willkür der Staatsmacht und der Schutzlosigkeit » » der Bevölkerung ist das Fehlen an Institutionen, die sich, » » vom Staat unabhängig, für die Interessen des Individuums und » » der gesellschaftlichen Gruppen einsetzen. »
Eine solche Institution wurde die im August-Streik von 1980 entstandene unabhängige Gewerkschaft »Solidarnosc«. Unter ihren Fahnen versammelten sich am 8. März, zum Jahrestag der brutal unterdrückten Märzunruhen von 1968, auf dem Gelände der Warschauer Universität 8000 Studenten.
Der Gastredner, Professor Edward Lipinski, erheiterte seine jugendlichen Zuhörer gleich mit dem ersten Satz: Zum letzten Mal, sagte der greise Gelehrte, habe er vor einem solchen Auditorium wohl noch im Jahre 1905 gesprochen. Der Bogen zwischen jener Revolution gegen den russischen Zaren und der heutigen Revolution gegen das sowjetkommunistische System war gespannt.
Damals, 1905, war Lipinski 17 Jahre alt. 1906 trat er dem linken Flügel der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) bei.
In der Wirtschaftswissenschaft, die er noch vor dem Ersten Weltkrieg in Leipzig und Zürich studierte, wurde Lipinski weltbekannt. Dagegen konnte er im kommunistischen Nachkriegs-Polen mit seinem Wissen nicht allzuviel anfangen.
Zwar wurde er 1956, während des kurzen »Polnischen Tauwetters«, zusammen mit anderen Experten, darunter den Professoren Lange und Kalecki, zum Mitglied eines Ökonomischen Rats ernannt, der eine tiefgreifende Wirtschaftsreform entwerfen sollte.
Doch der Entwurf geriet so tiefgreifend, daß er nie verwirklicht wurde: Lipinski wollte nämlich die fortschreitende Zentralisierung und Bürokratisierung der Wirtschaftsverwaltung stoppen, die »absurde Prioritäten-Theorie« (Schwerindustrie vor Konsumgüterproduktion) beseitigen sowie die Vernichtung des privaten Handwerks und Kleinhandels rückgängig machen.
In der Danziger Kongreßhalle schlug der Altsozialist vorige Woche dann auf das gesamte System ein: »Ihr Sozialismus ist ein Sozialismus der Gefängnisse, der Zensur und der Polizei!«
In derselben Rede teilte der KOR-Senior den Kongreßdelegierten mit, das Komitee habe beschlossen, sich aufzulösen; den vom KOR geführten Kampf für die Unabhängigkeit Polens werde die »Solidarität«-Gewerkschaft fortsetzen.
Der Auflösungsbeschluß war auf der letzten KOR-Sitzung gefaßt worden, am 23. September, dem fünften Jahrestag der Gründung, in der Wohnung des Professors Lipinski.
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Die Quelle der Willkür der Staatsmacht und der Schutzlosigkeit der
Bevölkerung ist das Fehlen an Institutionen, die sich, vom Staat
unabhängig, für die Interessen des Individuums und der
gesellschaftlichen Gruppen einsetzen.
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