Sozialismus oder Tod
Kuba erlebt eine Tragödie im ursprünglichen Sinn: ein Drama, das keine Lösung findet, sondern unaufhaltsam auf ein verhängnisvolles Ende zusteuert. Das Widernatürliche daran ist, daß die Kubaner stumm bleiben. Versessen sind sie einzig darauf, ihre tägliche Nahrung zu sichern; sie sind gelähmt durch die Schreckgespenster der Vergangenheit und die Angst vor einer Zukunft, die entgegen allen Vorhersagen noch schlimmer ausfallen könnte als die höllische Gegenwart, in der sie ihr Leben fristen. Dieses paradoxe Verhalten angesichts der Realität läßt sich mit dem Filmtitel des ungarischen Regisseurs Miklos Jancso definieren: »Stille und Schrei«.
Tatsächlich bezeugen einhellig alle, die das Kuba von heute kennen, daß ein Schrei nach Veränderung die Insel durchhallt. Aber er drückt sich aus in Form einer nervenzerrüttenden Stille, einer entsetzlichen Ruhe. Dieser unhörbare Ruf nach Wandel offenbarte sich selbst im Zustrom an die Urnen bei den Wahlen, die im Februar abgehalten wurden und die es wahrhaftig nicht verdienen, so genannt zu werden.
In diesen Wahlen wurde Fidel Castro erneut zum Chef des Staates und der Regierung gesalbt. Es gab keine Alternativen, zwischen denen man hätte auswählen können. Die Gesamtzahl der vorgeschlagenen Kandidaten entsprach der Zahl der Abgeordneten, die es zu bestimmen galt. Kein Oppositioneller durfte am Wahlkampf teilnehmen; die Meinung von Dissidenten beachteten Presse, Funk und Fernsehen nicht im geringsten.
Dieses Verfahren, bei dem nur eine Stimme zu hören war (dieselbe, welche seit 34 Jahren das Monopol der Macht besitzt), nannte das Regime ein Plebiszit - was nur ein schlechter Witz wäre, wenn nicht das Schicksal eines Volkes auf dem Spiel stünde. Dennoch erhebt Castro den Anspruch, daß die formale Machtstruktur, die aus diesem Prozeß hervorging, in den nächsten fünf Jahren, bis 1998 also, Gültigkeit behalten soll.
Diese Zeitspanne würde die gesamte Dauer des Mandats von Bill Clinton umfassen, dazu das erste Jahr seiner zweiten Amtsperiode oder der seines Nachfolgers. Das ist einer der wichtigsten Schlüssel zum Verständnis der Strategie, die Castro mit diesen von ihm allein beherrschten Wahlen verfolgte.
Seit der Ära Jimmy Carters haben die USA drei Bedingungen für direkte Verhandlungen mit der kubanischen Regierung über die bilateralen Beziehungen und über die Aufhebung des Handelsembargos gestellt: Abzug der russischen Truppen von der Insel, Einstellung der kubanischen Unterstützung für Aufständische in Lateinamerika und Afrika, freie Wahlen unter Beteiligung der kubanischen Exilgemeinde in Miami.
Die ersten beiden Bedingungen sind erfüllt worden, wenn auch als Folge von Ereignissen, die relativ unabhängig von den direkten Beziehungen zwischen Kuba und den USA eintraten. Die dritte Bedingung aber ist jetzt aus verfassungsrechtlichen Gründen unerfüllbar geworden, denn Kuba hat nunmehr eine formal gewählte Regierung, deren Mandat erst in fünf Jahren ausläuft. Die Grenzen für die Verhandlungsmöglichkeiten mit der Clinton-Administration sind somit öffentlich gezogen.
Aber nicht nur Castro ist daran interessiert, ein angespanntes Klima zu verewigen, das seine Bunkermentalität rechtfertigt. Von Miami aus boykottiert die Kubanisch-Amerikanische Nationalstiftung das Bemühen der neuen demokratischen US-Regierung um Entspannung nicht minder.
Diese Lobby vertritt die Interessen des weißen kubanischamerikanischen Bürgertums - rein und hart. Es gelang ihr, sich während der Reagan-Bush-Ära mit der nordamerikanischen Machtelite zu verbinden, und seither hat sie die Wahlkampagnen der Aspiranten auf das höchste Amt in Washington mitfinanziert.
Obwohl sie sich offen auf die Seite der Republikaner stellte, ließ sie es sich nicht nehmen, 125 000 Dollar für den Kandidaten Clinton zu spendieren. Das geschah aus Vorsorge für die Zukunft und war auch ein Zeichen der Dankbarkeit dafür, daß Clinton im Wahlkampf den sogenannten Cuban Democracy Act unterstützte. Dieses Gesetz hatte der demokratische Kongreßabgeordnete Robert Torricelli mit Hilfe der Nationalstiftung ausgearbeitet: Es verschärft das Embargo und droht selbst nichtamerikanischen Unternehmen, die mit Kuba Handel treiben, empfindliche Strafen an.
Wie leicht vorauszusehen war, bescherte dieses Gesetz der Regierung von Fidel Castro nicht nur Schwierigkeiten; es lieferte auch einen Vorwand, mit dem sich der wirtschaftliche Ruin entschuldigen und die Verschärfung der inneren Repression legitimieren ließen. Vor diesen extremen Konsequenzen hatten die sozialdemokratische Bewegung sowie andere Organisationen und Persönlichkeiten der Opposition auf der Insel - die natürlich verboten und wegen ihrer Kritik schwer verfolgt sind - in einer im September 1992 veröffentlichten dramatischen »Botschaft an den Kongreß und die Regierung der Vereinigten Staaten« gewarnt.
Trotzdem wurde das Gesetz im vergangenen Oktober verabschiedet. Das Torricelli-Gesetz legt auch fest, daß die Vereinigten Staaten keine Übergangsregierung unterstützen dürfen, die nicht aus direkten Wahlen hervorgegangen ist.
Das Spiel der Exilkubaner von der Nationalstiftung ist mithin klar: Nach Castro soll es nur eine Alternative geben - sie selbst oder die Sintflut, und wenn dabei Blut in Strömen fließt.
Um diesen Geist der Konfrontation zu stärken, der dem Diktator paradoxerweise hilft, hatte Castro in Artikel 3 der im vergangenen Juli verabschiedeten neuen Verfassung verfügt: »Jeder Bürger hat das Recht, mit allen Mitteln, selbst im bewaffneten Kampf, jeden zu bekriegen, der versucht, die politische, soziale und wirtschaftliche Ordnung, wie sie diese Verfassung festlegt, zu zerstören.« Kurzum: Sozialismus oder Tod.
Castro, der kein Interesse an Verhandlungen mit Washington hat, führt die unbeschreibliche Not auf die Auswirkungen des Embargos und auf den plötzlichen Zusammenbruch des sogenannten sozialistischen Lagers zurück. Gewiß hat die amerikanische Blockade der kubanischen Wirtschaft unermeßlichen Schaden zugefügt. Aber es gibt auch keinen Zweifel daran, daß diese Schäden eigentlich bei weitem hätten ausgeglichen werden müssen durch die enorme sowjetische Hilfe von bis zu fünf Milliarden Dollar jährlich während mehr als drei Jahrzehnten.
Kein anderes Land der Dritten Welt konnte jemals mit solchen Summen rechnen. Diese Tatsache ist noch frappierender, wenn man bedenkt, daß Kuba 1959 an vierter Stelle unter den fortschrittlichsten Ländern Lateinamerikas stand, hinter Argentinien, Uruguay und Chile. Wie also ist zu erklären, daß trotz dieser Unterstützung Kuba heute dabei ist, sich in ein zweites Haiti zu verwandeln, den traditionell ärmsten Staat der westlichen Hemisphäre?
Es gibt nur eine gültige Antwort: Jene phantastischen Mittel wurden verpulvert. Jahrzehntelang hat Fidel Castro sich den Luxus geleistet, die Wirtschaft und die gesamte kubanische Gesellschaft eigenmächtig und willkürlich zu dirigieren. Unter den vielen nicht wiedergutzumachenden Schäden, die er anrichtete, war die systematische Zerstörung des staatlichen Verwaltungsapparats der schlimmste Irrsinn. Alle Kontrollinstanzen wurden liquidiert, weil sie Castro Grenzen setzten. Sogar der schüchterne Versuch, eine Ordnung im sowjetischen Stil aufzubauen, wurde im Verlauf der sogenannten Rectificacion 1985 zunichte gemacht.
Castros furchtbare Parole »Sozialismus oder Tod« enthüllt sich in ihrer ganzen ruchlosen Demagogie, wenn klar ist, daß es in Kuba gar keinen Sozialismus gibt, sondern eine Staatswirtschaft von hoffnungsloser Ineffizienz sowie zwei Arten von Marktwirtschaft: eine für die ausländischen Investitionen und eine andere für den Schwarzmarkt, auf dem die Kubaner ums Überleben kämpfen.
Währenddessen ruft die Presse die Bevölkerung dazu auf, Blätter, Blumen und Samen zu essen. Die wirtschaftliche und soziale Ordnung, zu deren Verteidigung die Verfassung auffordert, ist in ihrem Fundament zerbröckelt; was Castro mit Blut und Feuer zu bewahren versucht, ist nichts anderes als die politische Ordnung - das heißt, seine persönliche Macht.
Um ihretwillen wird er zu überleben trachten, indem er das chinesische Rezept probiert: politische Abschottung plus ökonomische Öffnung. Doch diese Formel ist in Kuba zum Scheitern verurteilt, weil die wirtschaftliche Öffnung nach außen, im Widerspruch zum proklamierten castristischen Nationalismus, den Einheimischen gerade nicht zugute kommt. Kein Markt kann funktionieren, wenn er zur Hälfte frei und zur anderen versklavt ist.
Obwohl sich die wirtschaftliche Situation also weiter verschlechtern muß, wird Castro keine Wahlen ausrufen bis 1998 - eine magische Jahreszahl für die Kubaner: Dann jährt sich zum hundertsten Mal das Ende des Unabhängigkeitskriegs, des grausamsten aller Konflikte, welche die Insel während des 19. Jahrhunderts gegen die spanische Kolonialmacht ausfocht. Spanien hatte seinen Willen erklärt, Kuba um jeden Preis zu behalten, und war entschlossen, im Krieg den letzten Mann und die letzte Peseta zu opfern. Fast wäre es so weit gekommen, aber 1898 war der Kronschatz aufgebraucht, und die spanische Bevölkerung hatte genug von der blutigen Auseinandersetzung.
Als der Unabhängigkeitskrieg, der das kubanische Nationalgefühl gefestigt hatte, fast gewonnen war, mischten sich die Vereinigten Staaten ein und machten Kuba erneut zur Kolonie.
Die ungeheure Anerkennung, die Castro jahrzehntelang genoß, läßt sich nur begreifen, wenn man bedenkt, daß für die überwältigende Mehrheit der Kubaner - auch für mich - die Revolution von 1959 den Höhepunkt der nationalen Selbstbestimmung markierte. Ich prophezeie deshalb, daß Castro binnen kurzem eine Kampagne mit dem Leitmotiv beginnen wird: Wenn seine Regierung die Macht verliere, werde Kuba die gleiche Demütigung erfahren wie vor hundert Jahren.
Die tragische Färbung dieser Idee hat der Caudillo schon vorweggenommen: »Eher wird die Insel im Meer versinken, als daß wir einwilligen würden, jemandes Sklave zu werden.« Wenn er keine Lösung für seine Probleme findet und auch keinen Weg, seine Macht zu erhalten, ist Castro sehr wohl fähig, diese apokalyptische Vision wahr werden zu lassen.
Die Kubaner fürchten Castro, aber viele fürchten noch mehr die Rückkehr der alten Bourgeoisie, die sich um die Kubanisch-Amerikanische Nationalstiftung schart. Sie wissen, daß diese nicht auf nationale Versöhnung aus ist, sondern nach historischer Rache giert - was viele Kubaner zu Recht als einen brutalen Rückfall in die Vergangenheit ansähen.
Zu all diesen düsteren Aussichten kommt noch der lähmende Einfluß, den die chaotische postsozialistische Phase der ehemaligen Sowjetunion und des einstigen Jugoslawien auf die Kubaner ausübt. Die Menschen wissen, daß die Freiheitssuche in Strömen von Blut enden kann. Kuba ist nicht so homogen, wie immer angenommen wird. Es leidet unter der tiefen Spaltung zwischen den Inselbewohnern und der Exilgemeinde - aber genauso einschneidend ist der Riß zwischen dem Osten und dem Westen des Landes. Ein dritter, noch abgründigerer Graben trennt Weiße und Schwarze. Wenn erst einmal die Spirale von Gewalt und Rache in Gang gesetzt ist, könnte ein entsetzlicher Bürgerkrieg ausbrechen, mit allen Kennzeichen eines verheerenden ethnischen Konflikts.
Die einzige Möglichkeit, die verhängnisvolle Dynamik friedlich und radikal zu verändern, bestünde in der einseitigen Aufhebung des Embargos durch die USA - trotz offenen Widerstands der Nationalstiftung und verdeckter Sabotage Castros. Die Amerikaner müßten sich aus ihrer Marinebasis in Guantanamo zurückziehen und feierlich erklären, daß sie Kuba nicht angreifen werden.
Dann wären die Schreckgespenster von 1898 ausgetrieben; der Dialog wäre nicht nur möglich, sondern unvermeidlich, und die belagerte Festung, in die sich Castro bis auf den Tod verschanzen will, würde zerrieseln wie eine Sandburg.
Unseligerweise kann ich nicht glauben, daß dieses Szenario eines Tages wahr wird. Das Leben auf Kuba wird sich weiter verschlechtern, und das Schweigen und die Schreie der Bevölkerung werden nur gehört werden, wenn die Tragödie schon entfesselt ist und keine Möglichkeit mehr besteht, sie zu beschwören. _(DIaz, 51, ist der bedeutendste ) _(kubanische Gegenwartsautor. Seine Romane ) _(("Die Initialen der Erde«, »Die ) _(verlorenen Worte") handeln vom Schicksal ) _(der Castro-Revolution, die er lange ) _(verteidigte. Zur Zeit lebt DIaz in ) _(Berlin. )
»Mit Blut und Feuer will Castro seine persönliche Macht bewahren«
DIaz, 51, ist der bedeutendste kubanische Gegenwartsautor. SeineRomane ("Die Initialen der Erde«, »Die verlorenen Worte") handelnvom Schicksal der Castro-Revolution, die er lange verteidigte. ZurZeit lebt DIaz in Berlin.