Spät im Programm
(Nr. 17/1978, DDR/Fernsehen)
Eine noch fehlende Variante im Katalog der Anklagen gegen das Fernsehen hat der SPIEGEL geliefert. Danach trägt die ARD mit ihrer neuen Programmstruktur dazu bei, die Teilung Deutschlands und die Entfremdung der Menschen in beiden Teilen Deutschlands zügig voranzutreiben. Sie schreiben:
Seit der Umstellung der Programmstruktur der BRD-Sender sind viele Beiträge für den DDR-Normalverbraucher nicht mehr erreichbar: Bei uns muß früh aufgestanden werden, und folglich geht man auch früh schlafen. Die Statistik sagt, daß um 22.00 Uhr nur noch 7 Prozent der Zuschauer munter sind. Das führt dazu, daß die sonst so beliebten Filmsendungen nach der Verlegung des Sendetermins auf Montag 23.00 Uhr nur noch von 2 Prozent der DDR-Fernsehteilnehmer eingeschaltet werden.
Nun sind die beliebten Filmsendungen nicht verlegt worden, sondern der Spätfilm am Montagabend 23.00 Uhr ist neu im Programm bzw. zusätzlich. Nach wie vor gibt es am Freitagabend um 20.15 Uhr ein Spielfilmangebot, und außerdem sind die Spielfilmangebote am Sonnabendabend, da allerdings zu späterer Zeit, und am Sonntag erhalten geblieben. Sie schreiben weiter:
Auch die »Tagesthemen« der ARD liegen für uns in der DDR zu spät, ganz abgesehen davon, daß die ZDF-Nachrichtensendungen nicht nur wegen der günstigeren Ausstrahlzeit beliebter sind als die der ARD. Der Grund dafür ist nach unseren Ermittlungen wohl nicht zuletzt darin zu suchen, daß die ZDF-Redaktion ihre Themen besser aufbereitet und gegenüber dem sozialistischen Lager kritischer und damit nach Meinung der DDR-Zuschauer der Wahrheit näher ist als die »Tagesschau«.
Zweifellos ist »Tagesthemen« auch für die Zuschauer in der Bundesrepublik sehr spät im Programm. Die Gründe dafür sind mehrfach erläutert worden. Die ARD ist im Augenblick daran gehindert, das Abendprogramm vor 20.00 Uhr zu beginnen, denn die neun Landesrundfunkanstalten, die sich zur ARD zusammengeschlossen haben, sind verpflichtet zur regionalen Information. Die These, daß die ZDF-Redaktion gegenüber dem sozialistischen Lager kritischer und damit nach Meinung der DDR-Zuschauer der Wahrheit näherkomme. hätte man ebenfalls gern näher erläutert oder durch Beispiele erhärtet. Tatsache ist, daß die politischen und die informierenden Sendungen der ARD seit der neuen Programmstruktur stärker genutzt werden als 1977. Politische Sendungen, das sind, außer der »Tagesschau« und den »Tagesthemen« jeweils um 20.00 Uhr und 22.30 Uhr,
am Montagabend um 21.15 Uhr die Auslandsreportage, am Dienstagabend um 21.00 Uhr die politischen Magazine »Report«, »Panorama«, »Monitor«, am Mittwoch um 21.45 Uhr Sendungen aus der Wissenschaft und aus der Kultur, am Donnerstag um 20.15 Uhr politische Information, am Freitag um 21.45 Uhr Sendungen aus Politik und Wirtschaft, am Sonntag von 12.00 Uhr mittags bis zum Abend 21.50 Uhr in der Regel sechs Sendetermine, in denen Informationssendungen aus Politik und Kultur, u. a. Reiseberichte und Reportagen, ausgestrahlt werden.
Das Deutsche Fernsehen, ARD und ZDF, hat sich seit jeher dem Auftrag und der Aufgabe verpflichtet gefühlt. insbesondere auch die Bevölkerung der DDR zu informieren. Das Vormittagsprogramm, das an den Wochentagen entlang der DDR-Grenze ausgestrahlt wird, ist ein Beweis dafür, wobei den Programmverantwortlichen natürlich bewußt ist, daß damit stets nur ein kleiner Teil der Bevölkerung erreicht werden kann.
Wenn der Autor des SPIEGEL-Beitrages, der angeblich für eine »Gruppe Aufklärung« spricht, feststellt, daß für die Bewohner der DDR die umfangreiche Information, insbesondere aber die Wirtschaftssendungen und die Auslandsreportagen, wichtig sei, wird seine Kritik an der neuen Programmstruktur fragwürdig. Die Wirtschaftssendungen der ARD waren 1977 jeweils am zweiten Donnerstag des Monats um 20.15 Uhr plaziert. Sie standen da u. a. gegen Wim Thoelke, der in der DDR, glaubt man den Ostdemoskopen, 68 Prozent Sehbeteiligung hat. Der neue Platz am Freitagabend um 21.45 Uhr ist da sicherlich auch für die interessierten Zuschauer in der DDR weitaus günstiger. Noch unverständlicher wird die Kritik, wenn die Auslandsreportagen angesprochen werden. Der Sendeplatz für den »Weltspiegel« ist unverändert Sonntag, 19.20 Uhr, und die Auslandsreportage hat am Montag einen festen Platz um 21.15 Uhr. 1977 war sie montags um 21.45 Uhr oder um 22.00 Uhr zu finden, also später im Programm.
Köln WERNER HÜBNER Programmdirektor WDR-Fernsehen