KANZLER-ÄRZTE Späte Einsicht
Es war nicht »Loki mit der Bratpfanne«, wie der Regierungschef frauenfeindlich scherzte. Das tränende Auge trug ihm der Wind ein, und konserviert hat es der Arzt, der Bonner Augen-Professor Hans Borgmann.
Zwölf Tage lang ließ der Augenarzt des Johanniter-Krankenhauses seinen prominenten Patienten mit einem »glasartigen Teilchen«, Durchmesser 0,5 Millimeter, in der Hornhaut herumlaufen. Ein Fremdkörper dieser Größe gilt unter Augenärzten als Balken.
Zur Freude der Pressephotographen konnte der Kanzler tagelang nur noch ein Auge riskieren. In der Kabinettrunde am 31. Oktober deckte der Verband das linke Auge zu. Am nächsten Tag präsentierte sich Schmidt dem italienischen Ministerpräsidenten Andreotti in Siena schon im Mosche-Dajan-Look mit schwarzer Augenklappe. Seinem Freund Giscard d"Estaing konnte er, einen Tag später, nur mit tiefdunkler Brille unter die Augen treten. Offizielle Mitteilung und persönliches Wort des Kanzlers in vertrauter Runde: »Bindehautentzündung«.
An diesem schmerzhaften Leiden hat der Kanzler bereits im letzten Jahr bei einer Stippvisite in Nigeria laboriert. Diesmal rötete sich das Auge nach einem Wochenendbesuch bei Kanzlervater Gustav in einem Hamburger Altersheim. Eine Bö wehte Schmidt vor dem Altersheimportal Dreck ins Gesicht. Was der Kanzler nicht wissen konnte und sein Augendoktor zwei Tage später offenbar übersah: Der Windstoß hatte einen Glassplitter mitgeführt, der sich in die Hornhaut des linken Auges einbohrte.
Dort blieb er vorerst, obwohl der Professor den Privatpatienten Schmidt nach den Regeln der Kunst -- Borgmann: »Eine augenärztliche Behandlung kann nur in einem augenärztlichen Raum stattfinden« -- in der Klinik verarztet hatte. Doch auch unter der »Spaltlampe«, deren bis zu 40fache Vergrößerung den Glassplitter als zwei Zentimeter großen Funkelstein hätte erhellen können, blieb er offenbar unentdeckt.
Borgmann breitete hernach den weiten Mantel der ärztlichen Schweigepflicht über sein Tun und Lassen. Nur soviel: »Man sollte das alles nicht so aufplustern.« Schließlich hat er den Fremdkörper irgendwie ja doch noch geortet und entfernt und den Kanzler geheilt: »Ich hab' ihn gar nicht mehr gesehen, so gut geht's ihm.«
Ende letzter Woche setzte Borgmann eine neue Version in Umlauf: Die Entfernung des Splitters sei »von Anfang an geplant« gewesen, er habe sie aber »nach Absprache und auf Wunsch von Herrn Schmidt hinausschieben« können. Borgmann: »Bei einem anderen Patienten braucht man nicht diese Rücksicht zu nehmen.«
Trotz allem wird der Kanzler wohl dem Augen-Professor Borgmann sein Vertrauen bewahren -- so wie einem anderen Mediziner, der noch viel länger bis zur richtigen Diagnose brauchte: Oberstarzt Wolfgang Völpel vom Bundeswehr-Zentralkrankenbaus.
Vom Januar 1972 bis zum April hatte der Militärarzt an dem damaligen Verteidigungsminister Schmidt herumgedoktert, ohne dahinterzukommen, daß Schmidt an einer Überfunktion der Schilddrüse litt. Mal vermutete Völpel eine Tropenkrankheit, dann Kreislaufstörungen, schließlich versicherte er dem Patienten, der immer mehr abnahm, daß er »organisch gesund« sei.
Das lange Martyrium Schmidt konnte kaum noch Treppen steigen, fühlte sich »beschissen« und dachte an Rücktritt -- endete aber auch damals mit Heilung: Schmidt bekam zweimal einen radioaktiven »Isotopen-Cocktail« serviert, was die Zahl der lebhaft arbeitenden Schilddrüsenzellen drastisch verminderte.
»Solange ich ihn kenne«, urteilt Loki über ihren nun auch wieder beidäugigen Ehemann, »hat er eine erstaunliche Konstitution -- wie ein belgischer Ackergaul.«
Das liegt in der Familie. Der Kanzlervater, pensionierter Studienrat, schwerhörig und auf einem Auge altersblind, aber sonst rüstig, wurde dieses Jahr neunzig.