Späte Freiheit - DER SPIEGEL
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Späte Freiheit

Das Ende des Kriegs macht die Kurden erstmals zu Gewinnern.
Von Carolin Emcke
• aus DER SPIEGEL 16/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Räume hinter dem berüchtigten gelben Gemäuer bleiben tabu. Aber die Fensterscheibe des kleinen Wachpostens vor dem Eingang ist schon eingeschlagen. Ein schwarzes Herz und ein schiefes »USA« hat jemand darunter gemalt.

Die bunten Kacheln des Mosaiks mit dem Porträt von Saddam Hussein splittern mit jedem weiteren Steinwurf der Kinder vor dem Portal. Hunderte säumen die Straßen und klatschen und singen im Chor mit den einziehenden Wagenkolonnen der jubelnden Peschmerga-Milizen. Die Innenräume der ehemaligen Machtzentrale der Baath-Partei in Kirkuk sind leer gefegt. Doch hineingehen mag Ibrahim Chalil nicht.

Das Regime aus Bagdad ist gestürzt, der Diktator auch, die arabischen Unterdrücker aus der ehemals kurdischen Stadt Kirkuk sind vertrieben - doch die Angst ist dem Kurden geblieben. Wochenlang hatte er sich auf diesen Tag vorbereitet, als bewaffneter Schläfer im Untergrund. Geheime Depeschen hatte Chalil auf die andere Seite der grünen Grenze zu den Peschmergas geschmuggelt. »Immer wieder flogen unsere Leute auf und wurden von den Irakern exekutiert.«

Die Nacht über hat er gekämpft gegen die letzten Soldaten des Regimes in Kirkuk. Chalil streicht über sein nagelneues Gewehr aus dem erstürmten Waffenlager. »Das ist es, woraus Saddams Irak bestand: Tod und Waffen. Sonst nichts.«

Vor seinen Augen plündern zwei Männer bereits das Gebäude der Saddam-Partei: Wellblechdächer, ein Kühlschrank und eine Computertastatur werden zu drei Stühlen auf die Ladefläche des grauen Pick-ups gepackt. Niemand schreitet ein. Die irakischen Polizisten, die Chalil fürchtet, gibt es nicht mehr. Nur tanzende, verschleierte Frauen und Kinder, die die grün-weiß-rote kurdische Flagge schwenken. Der Kleinlaster mit dem Diebesgut braust davon. »Bald will ich auch feiern«, sagt Chalil, »wenn die Angst endlich nachlässt, dann haben wir wirklich triumphiert.«

Einen Tag nachdem der Diktator in Bagdad gestürzt war, erobern die Kurden gemeinsam mit den amerikanischen Truppen Ort um Ort im Norden. Doch schon bald müssen sich die Peschmergas wieder aus Kirkuk und Mossul zurückziehen. Die Amerikaner wollen die Türken nicht verärgern.

Die Schranke am kilometerlangen Fabrikgelände des Babagurgur-Ölfelds ist unbewacht. Bei Einbruch der Dunkelheit leuchtet nur die meterhohe Flamme aus der brennenden Ölquelle über die verlassene Parkanlage. Palmen und Eukalyptushaine säumen die verlassenen Häuser der arabischen Vorarbeiter und Ingenieure. Außer Kassas Abdil ist niemand mehr da. »Wohin sollte ich denn fliehen«, sagt Abdil und zuckt mit den Schultern, »und vor allem: womit?«

Am Morgen waren die Kämpfer der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) mit ihren gelben Bändern um die Stirn und ihren Kalaschnikows gekommen und hatten ihm seinen Geländewagen gestohlen. Ein paar Stunden später dann tauchten die Peschmergas der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) mit ihren grünen Fähnchen am Wagen auf. Sie klauten dem arabischen Ingenieur auch noch die Batterie seines zweiten Autos. »Es ist kurios, erst kämpfen alle um das Öl von Kirkuk, und dann kommt keiner, um es zu sichern.«

In dem räuberischen Chaos der ersten Stunden schleichen die Verlierer des Kriegs unbescholten davon: Auf der Straße zwischen Kirkuk und Altun Kupri schleppt sich der Strom der Geschlagenen wie eine traurige Karawane nach Hause.

Barfuß kommen manche daher, die ehemaligen Soldaten Saddam Husseins. Ihre Uniformen haben sie abgelegt, ihre verräterischen Schnürstiefel neben den Panzern und Munitionskisten zurückgelassen. Nur die zerschlissenen grünen Parkas haben sie behalten.

»Die Kurden erhalten nun spät ihre Freiheit«, sagt Abbas Heidar und legt sich ein Handtuch um, das ihm kurdische Peschmergas in der Kälte des Morgens geschenkt haben, weil er so fror. »Wir haben uns schuldig gemacht gegenüber den Kurden, und sie geben uns noch Essen«, sagt er leicht beschämt und zieht weiter.

Andere Araber sind zu stolz zu fliehen. Seit Jahrhunderten leben die Angehörigen des Simbs-Stamms schon gemeinsam mit den Kurden. Abd al-Rahman Marhi ist ihr Clanführer, und von der Hektik des Kriegsendes lässt der Mann im schwarzen Gewand mit goldener Borte sich nicht aus der Ruhe bringen. Er möge ein anderes Mal wiederkommen, sagt er dem irritierten Vertreter der KDP, Sadak Pschtwan, der ihm die Aufwartung macht. »Meine Frau ist nicht da, und ich kann euch nicht gebührend empfangen«, erklärt Marhi freundlich.

Aber dann lässt er sich doch die Grüße des Kurdenführers aus Salahuddin, Massud Barsani, ausrichten. Keinen Unterschied gebe es zwischen Arabern und Kurden im neuen Irak, versichert der kurdische Gesandte. Den Arabern solle nichts geschehen. »Wenn irgendjemand kommt, der euch bedroht und euch die Waffen wegnehmen will«, sagt der Kurde Pschtwan, »erschieß ihn in meinem Namen.« CAROLIN EMCKE

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