Späte Liebe
Die 33jährige Louise Schröder aus Berlin sagte »ja«, als sie von dem 60jährigen Hans Ehard aus München telephonisch eingeladen wurde. Die schmale, mittelgroße Interims-Oberbürgermeisterin mit der einfachen Stahlrandbrille wird Berlin bei der Konferenz der Ministerpräsidenten der deutschen Länder, die im Juni in München stattfinden soll, voraussichtlich vertreten.
Diesmal hatte der bayrische Ministerpräsident Ehard die Initiative ergriffen, um eine rationale Repräsentation auf die Beine zu stellen. Berlin bekam aber zunächst keine schriftliche Einladung. Die Sozialdemokraten brachten auf einer Funktionärkonferenz ihr Erstaunen darüber zum Ausdruck, und ihr Franz Neumann versprach, beim SPD-Parteitag in Landshut, zu dem er sowieso fahren wollte, »die Bayern auf die besondere Stellung Berlins hinzuweisen«.
Er hatte das aber nicht mehr nötig, denn Hans Ehard entdeckte verspätet seine Liebe zu Berlin, rief dort an und entschuldigte sich, daß die schriftliche Einladung in seinem Büro liegengeblieben sei. Der Magistrat beschloß darauf, Louise Schröder loszuschicken und für die 3 Millionen Berliner sprechen zu lassen.
Mai nennt sie »die tüchtigste Frau von Berlin«, ist sie doch zweite Vorsitzende der Berliner Sozialdemokraten, Organisatorin der Arbeiterwohlfahrt, Mitherausgeber des »Sozialistischen Jahrhunderts«, Vorstandsmitglied der Versicherungsanstalt Berlin und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Mitglied des Care- und Cralog-Ausschusses und außerdem Stadtverordnete und Bürgermeisterin.
Louise Schröder, deren Vater Bauarbeiter in Hamburg und überzeugter Sozialdemokrat war, hat andere Sorgen, als auf die Sorgfältigkeit ihrer Kleidung zu achten. Manchmal sieht man sie sogar in ausgetretenen Schuhen. Sie ist zweimal ausgebombt.
Die Einladung nach München erhielt nicht nur Zusagen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Prof. Dr. Hübener (LDP) weiß noch nicht recht, ob er hinfahren soll. Nach Hübeners Auffassung besitzen die deutschen Ministerpräsidenten keine »Aktivlegitimation« für die Vertretung des deutschen Volkes.
Der Parteivorstand der SPD in Hannover ist derselben Ansicht. Besonders die fünf Ostzonen-Ministerpräsidenten verträten nur einen ganz kleinen Teil der 17 Millionen-Bevölkerung. Im übrigen unkten die Sozialdemokraten, es sei schon einmal eine solche Konferenz an dem Widerstand einer Besatzungsmacht gescheitert, und diesmal werde es kaum anders kommen.
Konrad Adenauers CDU meint, das vorgeschlagene Treffen sei keine Angelegenheit einer Partei, sondern eine eigene Sache der Ministerpräsidenten. Die Parteien sollten nicht mit zu großer Eifersucht darüber wachen, wenn Verwaltungsbeamte über die gegenwärtige Notlage der Bevölkerung berieten.
Eine Frau wurde vergessen Louise Schröder fährt nach München