Millennium-Bilanz: Deutschland und die Welt SPÄTE SÜNDER, SPÄTER SIEGER
ÜBERALL PÖBEL
Politik im Schleudertrauma. Stephan R. war nur mit leichtem Gebäck angereist. Brav reihte sich der 29-Jährige aus Spandau ein und wartete, bis er nahe zu Helmut Kohl aufgerückt war. Der saß am 30. November im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann und signierte »Mein Tagebuch 1998 - 2000« - Aufzeichnungen über die turbulente Zeit zwischen Wahlniederlage, Spendenaffäre und Bruch mit Wolfgang Schäuble. Um 15.40 Uhr schleuderte Stephan R. einen Windbeutel auf den passionierten Spendensammler. »Der Pöbel ist wirklich überall«, grummelte der Bekleckerte und saß die Sahnebombe - so die »Frankfurter Allgemeine« - »wie ein Philosoph« aus. Generös sah der Altkanzler von einer Anzeige ab. Glück für Stephan R., und nur gut, dass er kein Ei für die Attacke gewählt hatte wie einst Alt-Provokateur Dieter Kunzelmann, 61. Der hatte mit dem Ruf »Frohe Ostern, du Weihnachtsmann!« Dotter über Berlins Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen gebracht und musste zehn Monate in den Bau. Seit Mai ist der Mann mit dem Ei wieder frei.
FLEISSIG EXERCIREN
Frauen dürfen ans Gewehr. Köchin Eleonore Prohaska, 28, zog es zum Militär, wo Frauen aber nichts zu suchen hatten. Doch sie war von hoher, schlanker Gestalt und konnte sich als Kerl ausgeben. 1813 ging Eleonore in Mannskleidern mit dem Namen August Renz zum ersten Bataillon des Lützowschen Freicorps. »Wir exerciren, tirailliren und schießen recht fleißig, woran ich sehr viel Vergnügen finde«, schrieb sie ihrem Bruder, und: »Meiner Klugheit kannst du zutrauen, dass ich unerkannt bleibe.« Das Verstecken hat nun ein Ende: Ab 2001 dürfen auch Frauen bei der Bundeswehr zu den Kampftruppen.
BRANDSTIFTER
Spalten statt versöhnen. Simbabwes Robert Mugabe und Israels Ariel Scharon betätigten sich als politische Brandstifter. Der ehemalige »Versöhnerpräsident« Mugabe schürte den Rassismus, hetzte Kriegsveteranen und arbeitslose Jugendliche zu Mord- und Brandaktionen gegen die Farmen der weißen »Volksfeinde« und beschimpfte den britischen Premier Tony Blair, der sich für die Opfer des Amoklaufs einsetzte, als »schwulen Gangster«. Der israelische Oppositionsführer Ariel Scharon stiefelte Ende September mit einer ganzen Korona von Bodyguards über den von den Muslimen als Heiligtum verehrten Jerusalemer Tempelberg, um zu zeigen, wer Herr im Haus ist. Mit dieser Provokation löste er eine Kette von blutigen Auseinandersetzungen aus, die bis Ende des Jahres mehr als 340 Tote forderten. Jetzt will der Brandstifter Feuerwehrmann werden - und bewirbt sich für den rechten Likud-Block um den Job des Premiers, »um Israel den Frieden zu bringen«.
GASSI NUR BEI NACHT
Hunde-Terror. Was ist schlimmer als die EU-Bürokratie? Der deutsche Föderalismus. Anders ist der Wunsch von Bundesinnenminister Otto Schily kaum zu deuten, die Brüsseler Kommission um ein europaweites Gesetz zum Schutz vor Kampfhunden zu bitten. Die 16 deutschen Länder konnten sich nicht auf einheitliche Verordnungen einigen, nachdem Ende Juni ein Pitbull den sechsjährigen Jungen Volkan im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg totgebissen hatte. Was in Nordrhein-Westfalen nun als gefährliche Bestie gilt, trottet in Sachsen als harmloser Wauwi. Immerhin: Vielerorts flanieren Herrchen mit ihren Beißmaschinen nur noch nachts.
WILDE JUGEND
Lehrjahre eines Leithammels. CDU-Fraktionschef Friedrich Merz, Verfechter deutscher Leitkultur, trug früher schulterlange Haare, quälte Lehrer, soff wie ein Loch und raste von der Polizei gejagt mit dem Motorrad durchs heimische Brilon. Sagt er. Freunde von damals erinnern sich anders: »Nur einmal ist er ein Stück weit mit einem alten Moped über die Felder gefahren«, so Jugendfreund Yogi, das mit den Haaren stimme auch nicht, versichert er.
MENETEKEL CONCORDE
Beinahe ein Vierteljahrhundert flog sie im Liniendienst unfallfrei. Dann stürzte bei Paris eine Concorde der Air France in einem Feuerball auf ein Hotel - 113 Tote. Die Concorde ist ein technisches Jahrhundertmirakel. Aber Concorde fliegen ist wie Formel 1 fahren. Für das Desaster genügt ein winziger Fehler. Oder ein Stück Blech auf der Rollbahn. Nach der Katastrophe zogen Air France und British Airways das Flugzeug aus dem Verkehr. »Ende einer Ära«, menetekelten die Medien. Richtig und falsch. Die alte Concorde ist ein Auslaufmodell. Aber der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS erwägt den Bau eines neuen, vergrößerten Concorde-Nachfolgers, der 250 Passagiere in drei Stunden über den Atlantik tragen kann. Der Fortschritt ist ein Frettchen. Man kann ihn nicht aufhalten.
GUTE KNEIPE
So wahnsinnig schnell wird selten ein Gesetz durchs Parlament gepeitscht: Tiermehl darf jetzt nicht mehr verfüttert werden - weil auch auf deutschen Weiden Kühe durch die Gegend torkeln und Verbraucher sich schaudernd fragen, ob neben BSE-Ochsen nicht auch geschredderte Hamster, Kanarienvögel oder Kampfhunde im Wurstaufschnitt sind. Bauernfreund Karl-Heinz Funke bleibt trotzdem Minister: »Wenn der Korn kalt ist, das Essen gut, die Bedienung freundlich und es nicht reinregnet, soll man nicht die Kneipe wechseln.«
ARGE RENTE
Zwangsarbeiter-Entschädigung privat. Im November bekam die ukrainische Rentnerin Hannah Darjewna, 77, Besuch aus Deutschland: Bürgermeister Benno Lichtenegger aus Dietramszell wollte der ehemaligen NS-Zwangsarbeiterin persönlich finanziell helfen. Darjewna hatte während des Krieges auf Bauernhöfen südlich von München arbeiten müssen. Heute lebt sie von rund 22 Mark Monatsrente. Von der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, die Zwangsarbeiter entschädigen will, bekam sie bislang nichts: Die Initiative sammelt noch Geld.
ZIELLOS EMPÖRT
Aufstand der Anständigen. Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge von Düsseldorf eilte Gerhard Schröder Anfang Oktober zum Tatort und rief dort einen »Aufstand der Anständigen« gegen Neonazis aus. Nur: Dieses Attentat kam nicht von rechts. Flagge gegen die neue Rechte wollte der Kanzler auch zeigen, als er die Mutter des ertrunkenen Kindes aus Sebnitz empfing. Doch der fürchterliche Verdacht, Glatzen hätten das Kind vor den Augen vieler Badegäste ertränkt, war nicht zu erhärten. Dabei ist das Konto der Nazis prall: Sie haben an vielen anderen Orten Ausländer zu Tode gehetzt, Obdachlose ermordet und jüdische Friedhöfe geschändet. Schröders Regierung setzt jetzt auf ein Verbot der NPD, in der viele die Wortführer der neuen Nazis sehen.
MIT ABKASSIERT
Als Robin Hood der philippinischen Politik galt einst der ehemalige Filmschauspieler und Staatschef Joseph Ejercito Estrada - nun steckt er selbst im Korruptionssumpf. Er soll illegal Tabaksteuer- und Glückspielerträge eingestrichen haben und sein Familienclan soll Anteile an 68 dubiosen Firmen besitzen. Was noch nicht aktenkundig ist: Nach Erkenntnissen des Bundesnachrichtendiensts hat der Staatschef auch von den 20 Millionen US-Dollar, die im Sommer für die Geiseln auf Jolo flossen, tüchtig was abgekriegt. Chefkidnapper Commander Robot hatte ursprünglich 100 000 Dollar Lösegeld für jeden Gefangenen, darunter die Wallerts aus Göttingen, gefordert. Die Pro-Kopf-Preise wurden schließlich auf eine Million Dollar hochgetrieben. Angeblich nach Absprache mit dem Staatschef.
LEO-EFFEKT FÜR BLAIR
Zeugung im Stress. Leo Blair, das erste Kind seit 152 Jahren, das ein britischer Premierminister im Amt zeugte, hat seinen Vater aus einem Popularitätstief erlöst. Bald nach Leos Geburt sprang die vorher abgesackte Sympathiequote des Labour-Premiers wieder auf über 40 Prozent. Der Herr von Downing Street 10 will nun Neuwahlen ansetzen. Leo hatte am Boulevard zu heftigen Spekulationen über den Ort seiner Zeugung geführt. Daddy Blair musste klarstellen, dass es nicht in der Toskana oder in einem Schloss in Frankreich passiert sei, wie die Regenbogenpresse mutmaßte, sondern nach einem Empfang in Balmoral, dem Sommerschloss der Queen. Leo sei »ein britisches Baby«. Bundeskanzler Schröder zu Blairs Ehefrau Cherie: »Diese Leistung, die in stressiger Umgebung erbracht wurde, hat Maßstäbe gesetzt, an denen man uns alle messen wird.«
LÜGEN IN RUSSLAND
Der Moskauer Fernsehturm hat gebrannt. Warum? Antwort: Er ist mit einem ausländischen Fernsehturm zusammengestoßen. So widerstandslos, wie die große Mehrheit der Russen auf die Lügen ihrer Militärs zur »Kursk«-Katastrophe reagierte, hätte sie wohl auch diese Erklärung noch geschluckt. Ja, doch, die Zeitungen nahmen pflichtgemäß Anstoß an der zynischen Menschenverachtung von Staatschef Putin und seiner Militäradministration. Doch das Volk reagierte vorwiegend apathisch. Der Fall »Kursk« zeigt, dass die Einführung der Marktwirtschaft nicht auch den Einstieg in demokratische Denkart bedeutet. In Russland, so sagte die Bürgerrechtlerin Jelena Bonner anlässlich der Verleihung des Hannah-Arendt-Preises in Bremen, regiere noch immer die totale Lüge. Die Nation, die über 70 Jahre lang obrigkeitliche Tyrannei ertrug, kann man folgenlos belügen. Sie muss erst noch lernen, mit Freiheit umzugehen. Der Kulak spricht: Mit Quark im Fass ist schlecht buttern.
NACH SINGAPUR
Dem Henker entronnen. In Iran wollten Mullahs den Hamburger Kaufmann Helmut Hofer, 58, steinigen, weil er Sex mit einer Muslimin gehabt haben soll. Nach zwei Jahren war der Horror im Januar vorbei: »Ich bin sehr glücklich«, sagte Hofer bei der Ausreise. Jetzt ist er fast pleite und sauer auf die Deutschen: Ihm hänge der Makel des Todesurteils an, so Hofer, »die Menschen haben Angst vor mir«. Deshalb will er nach Singapur auswandern. Dort herrschen Ordnung, Sauberkeit und Prügelstrafe - und auch der Henker hat tüchtig zu tun.
CLEVER GENUG
Na endlich: Der Adler ist doch noch gelandet. Jetzt muss er beweisen, dass er keine lahme Ente ist. Wer George W. Bush unterschätze, der tue dies auf eigene Gefahr, warnte die Londoner »Sunday Times«. Der 43. Präsident der Vereinigten Staaten sei keineswegs ein dummer Mensch. Er werde nur falsch verstanden. Dass er nicht weiß, wo Kroatien liegt und wer der Präsident von Dschingistan ist (oder wie das heißt), ist ja auch nicht so schlimm. Für so was hat er seine Leute. So wie er seine Leute hatte, die ihn in Yale und Harvard durchs Examen bugsierten und die ihm später halfen, das »Texas Ranger Team« zu kaufen. Auf jeden Fall ist George Bush klüger als der Mann auf der Straße: Der ging häufig gar nicht zur Wahl, wohl, weil er Politik nicht so interessant findet wie die Talkshows im Trash-TV. Bush sei, sagt ein Professor von der Universität Austin, der ihn gut kennt, etwa so »wie jene Kongressmitglieder, die weder furchtbar klug noch ausgesprochen dumm sind«. Das muss reichen, um die größte Wirtschafts- und Militärmacht der Erde zu regieren.
POLITIK SAUGT
Hängepartie verloren: Reinhard Klimmt hat nun mehr Zeit für seine Hobbys. »Ich komme gerade vom Fußballspiel, und jetzt sauge ich meine Bücher ab«, verriet er Ende November, zwei Wochen nach seinem Rücktritt als Bundesverkehrsminister. Der Fan des 1. FC Saarbrücken soll sich ein bisschen zu sehr um seinen Verein verdient gemacht haben. Das Amtsgericht Trier sprach von Untreue und brummte ihm 27 000 Mark Strafe auf. Als Minister erwog Klimmt auf Drängen von Parteifreunden, Einspruch einzulegen. Später, als Privatier, zahlte er lieber doch.
WORTE 2000
»Ich habe vorhin mit George W. Bush telefoniert und ihm versprochen, ihn diesmal nicht zurückzurufen.«
Al Gore am 13. Dezember. Seine erste Gratulation am 8. November hatte er wenig später zurückgezogen.
WORTE 2000
»Herr Kohl hat so viel Mitleid mit sich selber, dass er meines Mitleids nicht bedarf.«
Ex-CDU-Chef Wolfgang Schäuble über sein Verhältnis zum Ex-CDU-Ehrenvorsitzenden Helmut Kohl
»Steht Entenhausen für die deutsche Leitkultur, oder zählt das schon zur amerikanischen Überfremdung?«
Bundesaußenminister Joseph Fischer zur Diskussion um deutsche Leitkultur
»Merkel kann sich einen zweiten Missgriff nicht leisten.«
CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer bei der Ablösung seines Vorgängers Ruprecht Polenz