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TODESFÄLLE Späte Zeugen

Jahrelang ignorierte die Polizei beim Tod eines Sechsjährigen Indizien für ein Verbrechen. Jetzt wurden drei Tatverdächtige verhaftet. Ihnen werden Kontakte zur Neonazi-Szene nachgesagt.
• aus DER SPIEGEL 48/2000
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Es war exakt 15.01 Uhr, als in der sächsischen Kleinstadt Sebnitz der Aufstand der Anständigen losbrach. Mit Emphase in der Stimme rief Oberbürgermeister Mike Ruckh (CDU) am vergangenen Donnerstag seinen Bürgern zu: »Wer wegschaut, ist mitschuldig, nicht

nur moralisch, sondern auch strafrechtlich.«

Weggeschaut wurde in Sebnitz fast dreieinhalb Jahre lang:

Am 13. Juni 1997, einem warmen Frühsommertag, ertrank ein sechsjähriger Junge im Freibad. Mindestens zehn Minuten lang trieb der leblose Körper im 1,35 Meter tiefen Becken - keiner der 200 Gäste des »schönsten Bades Sachsens« (Eigenwerbung) schien Josephs Sterben bemerkt zu haben.

Wie der Junge zu Tode kam, wollte mit Ausnahme der Eltern offenbar niemand so genau wissen. Zwar ermittelten Beamte der Kriminalpolizeiinspektion Pirna monatelang im »unnatürlichen Todesfall zum Nachteil des Kindes Joseph Abdulla«. Doch schon früh schlossen sie ein Fremdverschulden aus. Die Ermittler entschieden sich für das Nächstliegende: »Ertrinken beim Spiel im Wasser.«

Das war womöglich ein voreiliger Schluss.

Am Dienstag und Mittwoch voriger Woche wurden in Sebnitz und Braunschweig zwei Männer und eine Frau verhaftet, denen teilweise Kontakte zur rechtsextremen Szene nachgesagt wurden. Ute S., Maik H. und Sandro R. sollen an jenem Freitag, an dem der Sechsjährige ertrank, im Bad gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft Dresden wirft ihnen vor, Joseph Abdulla ermordet zu haben. Alle drei haben bei ersten Vernehmungen die Tat bestritten.

Der Sinneswandel der Ermittler kam ziemlich plötzlich - und wohl auch nicht ganz freiwillig.

Binnen weniger Tage war der Druck auf sie so groß geworden, dass Vernehmungen, die für diese Woche terminiert waren, vorgezogen wurden. Hatte vor drei Jahren die damals im Osten weit verbreitete Devise geheißen, nur kein Aufhebens bei einer möglichen Tat Rechtsradikaler zu machen, so galt jetzt das Gegenteil: Unter allen Umständen sollten am 23. November mutmaßliche Täter präsentiert werden können.

Den Ermittlern saßen die Medien im Nacken. Und es schien, als wollten die Fahnder mögliche Versäumnisse der Vergangenheit binnen Tagen wettmachen. Denn »Bild«, Deutschlands auflagenstärkstes Boulevardblatt, wollte sein Rechercheergebnis nicht mehr zurückhalten. Am vorigen Donnerstag titelte das Blatt: »Neonazis ertränken Kind - Keiner half, und eine ganze Stadt hat es totgeschwiegen.«

Der Bericht, verstärkt durch die gleichzeitige Bekanntgabe der Festnahmen, hatte die entsprechende Wirkung. Schon in den frühen Morgenstunden rückten Kamerateams in Sebnitz an. Auf allen Fernsehkanälen kommentierten die Moderatoren das Unfassbare, das »wohl schrecklichste Neonazi-Verbrechen«.

Dabei ist der Fall viel komplizierter, als dass er in einen Fernseh-Trailer passt. Er bietet eine wohl einmalige Melange aus Ermittlungsfehlern, gebremstem Engagement der Fahnder, einer Mauer des Schweigens und einem fast fanatischen Recherche-Eifer der Mutter, die in der Ermordung ihres Sohnes den Schlusspunkt eines breit angelegten Komplotts gegen ihre Familie sieht.

Die Aufklärung des Todes von Joseph Abdulla ist auch eine Glaubensfrage. Vor drei Jahren reichte die Vorstellungskraft vieler nicht aus, den Anklagen der Eltern zu folgen. Zu ungeheuerlich schienen die Vorwürfe. Heute, Hunderte Nazi-Anschläge später, ist das politische Klima anders - den braunen Schlägertrupps wird alles zugetraut.

Doch bislang ist wenig bewiesen: Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Mordthese auf die Aussage dreier Zeugen, die, wie Oberstaatsanwalt Claus Bogner vorsichtig formuliert, »angeben, das Tatgeschehen beobachtet zu haben«.

Andererseits belegen die Justizakten, dass bei den Ermittlungen im Jahr 1997 eine ganze Reihe grober Schnitzer passierten:

* Joseph war Nichtschwimmer. Ein Schwimmreifen, mit dem der Junge sonst immer im Wasser war, fehlte. Warum, wurde nie geklärt;

* mögliche Augenzeugen wie der Besitzer eines Kiosks wurden nicht befragt;

* die Aussage von zwei Kindern, die gesehen haben wollen, dass Joseph untergetaucht wurde, ignorierten die Fahnder in ihrem Abschlussbericht;

* die Leiche wurde in der Dresdner Gerichtsmedizin offenbar nur ungenügend untersucht. Über den Verbleib der inneren Organe fehlten Aufzeichnungen. Blutproben wurden nicht sachgerecht aufbewahrt.

Die offensichtlichen Schlampereien wertete Josephs Mutter, die Apothekerin Renate Kantelberg, als Indizien dafür, dass ein Verbrechen vertuscht werden sollte. Die Rede war von einem »Auftragsmord«. Seit ihrer Umsiedlung 1995 nach Sebnitz sahen sich die SPD-Ratsfrau und ihr Mann, der gebürtige Iraker Saad Abdulla, Anfeindungen ausgesetzt - das Apotheker-Ehepaar hatte sich mit der Konkurrenz einen erbitterten Kleinkrieg geliefert, in dem man sich wechselseitig mit Anzeigen überzog.

In einer Stadt, in der die NPD bei der jüngsten Kommunalwahl 6,5 Prozent erhielt, »Ausländer raus«-Gegröle an der Tagesordnung ist und martialisch kahl rasierte Jugendliche zum Stadtbild gehören, kann sich eine deutsch-irakische Familie schnell an den Rand gedrängt fühlen. Der Vater, der in Marburg studiert hat, wurde beleidigt ("Lern erst mal Deutsch"), Joseph von älteren Kindern als »Apotheken-Abdul« verhöhnt. Der älteren Schwester Diana riet der Großvater, sich die Haare blond zu färben.

Auch Gewalttaten gegen Minderheiten sind in Sebnitz aktenkundig. An Neujahr 1997 traten der rechten Szene nahe stehende Jugendliche zwei Obdachlose zusammen. Die Kleinstadt gilt bei Verfassungsschützern als Zentrum von Neonazi-Gruppen wie der »White Warrior Crew«; es gibt ein neonazistisches Fan-Magazin ("Hass Attacke") und einen rechten Musikverlag. Beim Stadtfest im Oktober kam es zu Ausschreitungen von Skinheads.

Auch im Schwimmbad sollen rechtsradikale Sprüche gefallen sein, ehe Joseph starb. Ein angeblicher Augenzeuge erzählte schon damals der Mutter von »einer Rotte von 50 oder 60 Skinheads im Schwimmbad«. Doch in diese Richtung ermittelten die Kripo-Beamten nie ernsthaft. Am 7. Mai 1998 wurden die Akten geschlossen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Mutter längst selbst die Ermittlungen übernommen. Sie suchte Zeugen, schaltete einen Landtagsabgeordneten ein, der bei Innenminister Klaus Hardraht (CDU) intervenieren sollte, und heuerte die für spektakuläre Strafsachen berühmte Kanzlei des Münchner Anwalts Rolf Bossi an.

Die Advokaten präsentierten drei mutmaßliche Täter, die damals minderjährig gewesen waren, und legten am 8. Juni 1998 Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens ein - vergebens. Die lapidare Antwort der Generalstaatsanwaltschaft: Die Ermittlungsmöglichkeiten seien ausgeschöpft, eine Beteiligung Dritter könne »sicher ausgeschlossen werden«. Überdies seien die angeblichen Tatverdächtigen »zum Tatzeitpunkt strafunmündig« gewesen.

Renate Kantelberg gab sich damit nicht zufrieden. Sie erwirkte die Exhumierung der Leiche und beauftragte auf eigene Kosten den Gießener Rechtsmediziner Günter Weiler mit einer zweiten Obduktion. Dessen Untersuchungen verstärkten die Verdachtsmomente erheblich.

Bei der ersten Leichenöffnung in Dresden, monierte der Gießener Experte, seien wichtige Dinge übersehen worden - beispielsweise ein Hämatom am Ohr, das auf einen Schlag schließen lasse. In seinem Gutachten vom 17. Januar dieses Jahres kam Weiler zu dem Schluss, »dass eine Wiederaufnahme des Todesermittlungsverfahrens zur weiteren amtlichen Ausermittlung des Falls angezeigt scheint«.

Der Mediziner hatte nämlich eine brisante Entdeckung gemacht: In Josephs Blut wies er Spuren des Wirkstoffs Methylphenidat nach. Die Substanz ist vor allem in dem Medikament Ritalin enthalten. Ein Hinweis darauf, dass der Junge womöglich zuerst betäubt und dann ertränkt wurde?

Ritalin ist ein weit verbreitetes Psychopharmakon für hyperaktive und verhaltensgestörte Kinder. Pharmakologen bemängeln seit langem, dass die Droge zu oft, zu schnell und ohne die vorgeschriebene Aufsicht eines Therapeuten verabreicht wird. Doch Joseph wird als eher schüchtern und zurückhaltend beschrieben, was eine Medikation eher unwahrscheinlich macht.

Zweifel an ihrer Mord-Komplott-These ließ die Mutter nie gelten. Bisweilen ging das selbst ihrem Anwalt zu weit. Sie solle sich nicht »in einen sinnlosen Kampf, sozusagen gegen den Rest der Welt, verstricken«, heißt es in einem Schreiben der Kanzlei Bossi vom Februar 1999. Diese Mahnung galt aber vor allem dem Bestreben der Mutter, auch zivilrechtliche Ansprüche wegen des Todes des Kindes geltend zu machen.

Solche Hinweise führten zu noch eifrigerer Eigenrecherche. Bis zum Sommer sammelte Renate Kantelberg mehr als ein Dutzend Aussagen - auf Tonband und später auf Video. Den späten Zeugen, darunter viele Kinder, wurden die transskribierten Aussagen zur Unterschrift vorgelegt und als eidesstattliche Versicherungen deklariert.

Stimmen diese Berichte, ist Joseph Abdulla tatsächlich auf unvorstellbar grausige Art und Weise zu Tode gequält worden:

Der damals 17-jährige Maik H. schleppte demnach gemeinsam mit einem weiteren Jungen Joseph vom Liegeplatz zur Imbissbude. Dort hat Maik H. dem Jungen aufs rechte Ohr geschlagen. Sandro R. hielt das Opfer fest. Ute S. schüttete eine unbekannte Flüssigkeit in eine Limonade und zwang das Kind, die Mixtur zu trinken. Maik H. und Sandro R. packten den Jungen in ein Handtuch, trugen ihn zum Beckenrand und warfen ihn ins Wasser. Ute S. feuerte die beiden an und rief »Scheiß Ausländer«. Daraufhin trampelten die beiden Älteren auf dem im Wasser liegenden Joseph herum - bis er sich nicht mehr rührte.

Diese - immer noch unbewiesenen - Aussagen schickte Kantelberg mit den Akten des eingestellten Ermittlungsverfahrens nach Hannover an das Kriminologische Forschungsinstitut des designierten niedersächsischen Justizministers Christian Pfeiffer. Dort prüfte der gelernte Strafrichter Tilmann Schott die Erklärungen auf ihre Glaubwürdigkeit. Sein Fazit: Sie gäben »in jedem Fall« Anlass , »die Ermittlungen wieder aufzunehmen«. Die Aussagen legten den »Anfangsverdacht einer vorsätzlich rechtswidrigen Straftat nahe«.

Schott schickte im Sommer seine Expertise nicht nur an die Auftraggeberin, sondern auch an das sächsische Innenministerium. In Dresden sorgte das brisante Papier für erheblichen Wirbel. Innenminister Hardraht, sensibilisiert durch die Rechtsradikalen-Debatte der vergangenen Wochen, sah jetzt eine neue Verdachtslage und informierte den Generalstaatsanwalt.

Anfang September nahm die Staatsanwaltschaft Dresden unter dem Aktenzeichen 414 Js 53329/00 neue Ermittlungen wegen des Verdachts der Ermordung von Joseph Abdulla auf. Auch richtete sich das Verfahren nicht mehr gegen Unbekannt, sondern gegen die zwei Männer und die eine Frau, die Kantelbergs Zeugen als Täter benannt haben und die nun seit vergangener Woche in Untersuchungshaft sitzen.

Aber waren sie auch die Täter?

Sicher scheint nur, dass Joseph nicht einfach so ertrunken ist, wie es die Polizei behauptete und es die Sebnitzer nur zu gern weiter glauben möchten. Dagegen sprechen inzwischen zu viele Indizien.

In Ermittlerkreisen wird eine Theorie am meisten genannt: Danach hat es im Schwimmbad Gewalt gegen Joseph gegeben, womöglich wurde die auch von Ute S., der Tochter eines Sebnitzer Apothekers, initiiert. Dann sei die Aktion wohl aus dem Ruder gelaufen - die Tatbeiträge Einzelner aber seien noch unklar. Einer der Festgenommenen gab am Freitag bei seiner Vernehmung an, für die Tatzeit ein Alibi zu haben. Bis in die Nacht zum Samstag dauerte die Überprüfung an.

In Sebnitz ziehen derweil die Kommunalpolitiker altbewährte Konsequenzen. Für den ersten Advent ist auf dem Marktplatz eine Lichterkette für Zivilcourage und gegen gewaltbereiten Extremismus vorgesehen. SVEN RÖBEL, ANDREAS WASSERMANN

* Am Donnerstag vergangener Woche vor dem Haus der Familie vonJoseph Abdulla.

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