PARTEIWECHSEL Später oder so
Am Mittwochabend letzter Woche meldete der Berliner CDU-Fraktionsführer Heinrich Lummer seinem Parteichef Rainer Barzel: »Du, mit dem Schulz geht es jetzt schon los.«
Am nächsten Morgen kündigte der Berliner Altgenosse Klaus. Peter Schulz, 56, seit 1965 Berliner Volksvertreter im Bonner Bundestag, sein »politisch seit langem gestörtes Verhältnis« zur SPD und bat um Aufnahme in die Christenunion.
Die schriftliche Begründung des rechten Sozialdemokraten, der sich in letzter Zeit als Gegner von Willy Brandts Ost- und Deutschlandpolitik profiliert hatte; Er könne nicht mehr »ohne Gewissensbruch« der SPD »dienen«, weil die Partei seine Initiative zur Direktwahl der deutschen Abgeordneten ins Europäische Parlament blockiert habe.
Rainer Barzel, sonst empfänglich für jeden frei- und sozialdemokratischen Überläufer, reagierte verärgert. Sieben Stunden lang ließ der Boß den eiligen Dissidenten warten. In seinem Abgeordneten-Appartement in der Heuss-Allee 9 wies Schulz seine vierte Ehefrau Sigrid an, das Telephon für den Anruf seines künftigen Parteichefs freizuhalten: »Das ist jetzt das Wichtigste.«
Um 16.45 Uhr endlich erschien der Christen-Führer und segnete das Aufnahme-Gesuch des neuen Gefolgsmanns ein. Der Christen-Regent hatte dem SPD-Abtrünnigen eine andere Rolle in seinem politischen Plan-Spiel zugedacht: Genosse Schulz, der als Berliner im Bonner Parlament nicht stimmberechtigt ist, war den Unions-Strategen als Parteifreund vorläufig noch entbehrlich.
Taktiker Barzel hatte den Übertritt des Berliners für den Tag vor der Ratifizierung der Ostverträge kalkuliert. Von einem solch spektakulären Parteiwechsel versprach sich der Oppositionsführer eine Signalwirkung auf wankelmütige Ostgegner. Heinrich Lummer begründete die Enttäuschung seines Partei-Chefs: »Wenn wir ihm hätten raten können,
dann hätten taktische Erwägungen eine Rolle gespielt. Man hätte gesagt, ein bißchen später oder so.«
Denn weit bessere Dienste hatte Schulz den Christdemokraten als sozialdemokratischer Rechtsausleger geleistet. Ob als Stammgast bei Gerhard Löwenthals rechtem ZDF-Magazin« als Kolumnist im Berliner SPD-Organ oder als Unterzeichner einer ganzseitigen Anzeige im CDU-Blatt »Berliner Rundschau«, »KP-Schulze« (Juso-Jargon) war allzeit bereit, gegen eine »vogelfreie Stadt« Berlin oder gegen die Moskauer Verträge zu polemisieren und linke Genossen zu diffamieren.
Das politische Kredo des Herrn Schulz: »Wer heute zu feige ist, die Auseinandersetzung mit diesen Todfeinden auf eine noch relativ friedliche Weise in den Abteilungen und Kreisen durchzustehen, trägt seinen Anteil an der Verantwortung daran, daß wir alle ihnen morgen auf den Barrikaden eines Bürgerkrieges und übermorgen als den Wächtern in neuen Konzentrationslagern der Zukunft begegnen.«
Gleichgültig oder gar erleichtert registrierten die Parlamentslinken den Austritt ihres erklärten Gegners, dem schon die Kreuzberger Sozialdemokraten nahegelegt hatten, die Partei zu verlassen, SPD-MdB Karl-Heinz Hansen: »Dazu fällt mir nichts ein.« Und sein Gesinnungsgenosse Hans Matthöfer: »Endlich sind wir ihn los.«
Die Fraktionsoberen freilich wurden durch den Überläufer verunsichert. Denn Schulz steht mit seinen Ansichten nicht allein. Doch der West-Berliner Kurt Mattick« der bei den absprungverdächtigen Hauptstadtgenossen Franz Seume und Willy Bartsch sondierte. suchte seine Fraktion zu beruhigen: »Ich hab' mit beiden gesprochen. Die bleiben.«