ITALIEN Spalter
Der Parteitag der italienischen Rechts-Sozialisten in Neapel mußte verlängert werden. Es kam trotzdem zu keiner Einigung. Italiens sozialistische Antikommunisten werden getrennt weitermarschieren. Ob sie sich zu gemeinsamem Schlagen bereitfinden können, werden die kommenden Gemeinde- und Bezirkswahlen zeigen.
Der Vater der italienischen Sozialistenspaltungen heißt Ignazio Silone, der Fontamara-Dichter. Von den acht Splitterungen dieses Jahrhunderts kommen mindestens die letzten vier zum guten Teil auf sein Konto. Dabei spaltet er nicht um des Spaltens willen. »Durch Trennungen zur Einheit« ist sein Motto.
Der schweigsame Silone, vor fast 50 Jahren in den Abruzzen geboren, meldete sich schon als 17jähriger mit einem Artikel im sozialistischen »Avanti« zum Wort. Auf dem Parteikongreß von Livorno 1921 führte er den Kommunisten einen großen Teil der sozialistischen Jugend des Landes zu. Noch im selben Jahr fuhr er zum erstenmal nach Moskau und kam begeistert zurück.
Das wiederholte sich noch mehrere Male bis zum Mai 1927. Zusammen mit Togliatti, den er in Berlin traf, nahm er damals an der Kominternsitzung teil, die die Liquidierung Trotzkis und Sinowjews einleiten sollte. Thälmann legte die Entschließung vor, mit der Trotzki verdammt wurde, auf Grund eines Briefes, den er an die Kommunistische Partei Rußlands gerichtet habe. Niemand machte Einwände. Nur Silone verlangte, daß man zunächst diesen geheimnisvollen Brief vorlegen solle. Vergeblich. Die Entschließung wurde zurückgezogen.
Auf der Rückreise lasen Silone und Togliatti in Berlin zu ihrer Ueberraschung in der Zeitung, daß die Komintern »einstimmig« Trotzki verdammt habe. Sie baten Thälmann um eine Erklärung. Der sagte nur: »Ihr müßt noch viel an kommunistischer Disziplin lernen!«
Das war Silones letzte Moskaureise. Bis dahin war er die führende Persönlichkeit in der illgealen Kommunistischen Partei Italiens gewesen, während Togliatti in Paris residierte. Nun emigrierte auch Silone. Doch weniger aus politischen als aus gesundheitlichen Gründen. Von der Politik war er einstweilen kuriert Nur seine Lunge brauchte andere Luft.
In den folgenden achtzehn Jahren wurde Silone in der Schweiz ein Schriftsteller von bestem Ruf. In alle Sprachen wurden seine Romane »Brot und Wein« und »Der Same unter dem Schnee« übersetzt. Aber in der italienischen Ursprache kamen sie erst lange nach dem Kriege heraus und blieben fast unbekannt.
Nach dem Kriege wieder in Italien, gab Silone das Romanschreiben ganz auf. Er widmete sich nur noch der Politik. Zunächst stand er in den Reihen Pietro Nennis, solange dieser noch vom Kominform unabhängig war. Aber je mehr Nenni nach links rutschte und schließlich zum eigenwilligen Bruder der Kommunisten wurde. um so mehr ging Silone nach rechts und begann mit der sozialistischen Zersplitterung.
Zuerst, vor drei Jahren, half er Saragat, sich von Nenni zu trennen. Er selbst tat diesen Schritt erst ein gutes Jahr später. Dann aber zog er sich auch gleich aus der öffentlichen Politik zurück und trat in die Kulissen.
Als im letzten Sommer sich der Senator Giuseppe Romita ebenfalls von Nenni abzusetzen begann, wurde Silone sofort sein Helfer. Der gebildete Schriftsteller gab dem temperamentvollen, kleinen Piemontesen Romita, der aus bescheidensten Verhältnissen stammt und ein dankbares Objekt aller Witzblätter Italiens ist (s Karikatur), Unterricht in Grammatik und Politik.
Anfang Dezember konnte Romita in Florenz seine neue »Sozialistische Einheitspartei« (P.S.U.) der Oeffentlichkeit vorstellen Sie war in Wahrheit ein neuer sozialistischer Splitter. Aber sie bewies einige Anziehungskraft. Dreizehn von Saragats 33 Abgeordneten wanderten zu ihr ab.
COMISCO, die sozialistische Internationale, und Englands Labour-Party spendeten Romita Beifall. Darüber empörte sich Saragat. »Die Engländer wollen unsere Partei töten«, sagte er einem Journalisten. »Sie wollen keine sozialistische Partei in Italien, die den Atlantikpakt voll bejaht. Sie waren und sind selbst gegen unsere Beteiligung am Atlantikpakt.«
Ein Anhänger Romitas veröffentlichte einen Leitartikel: »Wir wollen die Kolonien nicht«. »Das ist ganz nach Bevins Sinn«, kommentierte Saragat.