Spanische Fliege - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 18 / 118

Stasi Spanische Fliege

Neue Aktenfunde belegen: Die Stasi hat die Unterhändler-Karriere des Anwalts Wolfgang Vogel zielstrebig aufgebaut und umsichtig begleitet.
• aus DER SPIEGEL 20/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Stundenlang durchwühlte ein Beamter des Berliner Staatsschutzes stapelweise Ordner. In der Behörde des Stasi-Aktenverwalters Joachim Gauck fahndete er nach ehemaligen West-Agenten des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).

Entnervt legte der Ermittler schließlich die Papierbündel beiseite: »Das geht alles um einen Georg.«

Da horchte sein Gegenüber auf, ein Polizist der Zentralen Ermittlungsgruppe für Regierungs- und Vereinigungskriminalität. Nach einem Mann mit dem Decknamen »Georg« suchte er schon seit Monaten.

Der Zufallsfund im April belastet einen Mann schwer, der als Unterhändler der DDR 31 775 Häftlingen und mindestens 250 000 weiteren DDR-Deutschen zu Freiheit und Ausreise verhalf: Wolfgang Vogel, 67, seit der Wende Rechtsanwalt im Ruhestand.

Unter Verdacht, nicht nur mit, sondern für die Stasi gearbeitet zu haben, steht Vogel schon seit Anfang vorigen Jahres - aufgrund eher vager und bruchstückhafter Dokumente, deren Authentizität der Jurist mehrfach vehement bestritt.

Die jetzt aufgefundenen Akten - drei Ordner mit 1700 Blatt - belegen eindeutig, daß die Stasi Vogels deutsch-deutsche Vermittler-Karriere zielstrebig aufgebaut und umsichtig begleitet hat. Nach weiteren Unterlagen, die in der MfS-Finanzabteilung gefunden wurden, hat Vogel noch in den achtziger Jahren insgesamt rund 400 000 West- und 800 000 Ost-Mark Stasi-Prämien für »geleistete Arbeit« bekommen.

Die Staatsanwaltschaft, die wegen vermuteter Erpressung gegen Vogel ermittelt, hält dessen frühere Anwaltskanzlei für eine Außenstelle des MfS. Wolfgang Vogel, so der Vorwurf der Ankläger, habe DDR-Bürgern, die das Land verlassen wollten und deshalb bei dem Anwalt Hilfe suchten, im MfS-Auftrag Häuser und Grundstücke abgepreßt. Mit denen wurden dann Stasi-Mitarbeiter versorgt.

Bisher ließ sich nur rekonstruieren, wie das MfS Vogel 1953 angeworben und gezielt seine Zulassung als Anwalt in West-Berlin betrieben hatte (SPIEGEL 35/1992). Die Vogel belastenden Unterlagen endeten abrupt im März 1957 mit dem Vermerk, der Kontakt zu dem »Geheimen Mitarbeiter« (GM) werde abgebrochen, weil der sich als »unaufrichtig« erwiesen habe. Staatsanwälte und auch die Gauck-Behörde zweifelten diese Version als geschickte Stasi-Legende an.

Mit »Georg«, davon war die Gauck-Behörde seit langem überzeugt, habe dem MfS damals »ein hochqualifizierter Inoffizieller Mitarbeiter zur Verfügung« gestanden, der »durch seine Anwaltspraxis und die in Aussicht stehende West-Berliner Zulassung in eine Schlüsselposition gelangte, die ihm auf beiden Seiten weitreichende Verbindungen ermöglichte«. So urteilte die Gauck-Behörde in einer Expertise für die Staatsanwaltschaft.

Die Zweifel an der angeblichen Abschaltung des GM sind berechtigt. Das belegt ein jetzt aufgefundener Brief des damaligen Stasi-Vizeministers Bruno Beater vom 26. Februar 1957.

Für die Ziele des MfS sei es wichtig, notierte Beater, »Maßnahmen« zu »treffen, die den GM nicht weiter dekonspirieren und ihn nach außen hin absichern können«. Beater sah »operativ große Perspektiven« für den DDR-Geheimdienst: Es könne zwar »noch ein Punkt kommen, wo sich der GM festläuft«; »Georg« könne aber auch »von uns die Möglichkeit« erhalten, »drüben Dinge zu dekonspirieren, die ihm das Vertrauen der Gegner bringen«.

Das Papier aus der Spitze der Stasi beschreibt präzise die Planstelle, die das MfS dem Ost-West-Unterhändler für die nächsten 30 Jahre zugedacht hatte. Umsichtig gelenkt wurde der Anwalt von Heinz Volpert, mit dem er, bis zu dessen Tod 1986, befreundet war.

Volpert war Offizier für Sonderaufgaben im Büro des Stasi-Ministers Erich Mielke. In dieser Funktion betreute er auch den zweiten deutsch-deutschen Emissär Alexander Schalck-Golodkowski.

Vogel hat sich stets damit gebrüstet, er sei erst 1981 der SED beigetreten, _(* 1985 bei einem Agentenaustausch an dem ) _(Berliner Alliierten-Grenzübergang ) _(Glienicker Brücke. ) nachdem ihn Erich Honecker beim Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt am Werbellinsee dazu aufgefordert habe.

Auch die Parteiabstinenz entsprach nach Aktenlage dem konspirativen Stasi-Konzept. Im Dezember 1957 deutete »Georg«, wie aus einer Volpert-Notiz hervorgeht, seinem Kontaktmann Volpert an, daß er die Absicht habe, »einmal der SED beizutreten und wir ihn dann unbedingt unterstützen müßten«.

Volpert antwortete, der GM solle sich »vorläufig nicht mit dem Gedanken tragen, unserer Partei beizutreten«. Der Stasi erschien offenbar ein nicht allzu eng mit der SED liierter Kontaktmann zum Westen vertrauenswürdiger.

Gegen den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, er habe die Notlage Ausreisewilliger ausgenutzt, um ihnen deren Immobilien zu Schleuderpreisen abzupressen, verwies Vogel stets auf die Rechtslage der DDR: Eine 1977 erlassene Verordnung des Innenministeriums habe eben vorgeschrieben, »daß vor Erteilung der Genehmigung zur Ausreise der betreffende Bürger eine ordnungsgemäße Regelung seiner Grundstücksangelegenheit nachweist«.

Nach jetziger Aktenlage hat Vogel jedoch bereits seit 1958 das MfS über freiwerdende Häuser und Grundstücke von DDR-Abtrünnigen informiert. So beratschlagten »Georg« und sein Stasi-Vormann beispielsweise, wie ein Anwesen in Senzig bei Königs Wusterhausen vom MfS übernommen werden könnte.

Hunderte von »Georg«-Berichten, viele davon handschriftlich, zeugen vom Eifer des Geheimen Mitarbeiters Vogel. Er berichtete über Mandanten, bespitzelte Ost- wie West-Kollegen und ging dem MfS bei Desinformationskampagnen zur Hand.

So notierte Volpert gelegentlich eines konspirativen Treffs am 2. Juli 1958 im »Objekt 3« der Stasi, wie Vogel den West-Berliner Anwalt Ernst Benda, nachmals Präsident des Bundesverfassungsgerichts, charakterisierte: »Ihm fehlen jegliche Formerfordernisse als Rechtsanwalt. In verschiedenen Verhandlungen soll er wie ein Strauchdieb aufgetreten sein.« In Treffberichten heißt es, der Geheime Mitarbeiter »Georg« habe, »wie üblich gesprächig«, »ohne erkennbare Hemmungen und Widersprüche« berichtet sowie Originalschreiben von Bonner Ministerien weitergereicht. »Georg« fotografierte offenbar auch vertrauliche West-Akten, wie Abzüge und Negative in dem Konvolut nahelegen.

In frühen Jahren gab es auch kleinere Aufträge für »Georg«; so mußte er etwa das Potenzmittel »Spanische Fliege« besorgen. Aber von 1958 an sollte »Georg« laut Akte »nur noch Sachen« machen, »die für ihn Geld bringen«. Notwendig sei, notierte ein Führungsoffizier, daß Vogel »sich erst mal im Westen einen Namen macht, um auch dort an Dinge heranzukommen, welche für uns von Interesse sind«.

Die jetzt aufgefundenen Akten enden am 17. Juni 1966 mit einem Bericht über ein Gespräch Vogels mit Robert Havemann, der wegen seiner Kritik am Regime zwei Jahre zuvor aus der SED ausgeschlossen worden war. Doch die Finanzunterlagen aus dem MfS, die bis 1988 vollständig vorliegen, belegen, daß Vogel auch danach der Stasi zu Diensten war.

Die Staatsanwaltschaft hat ihre Anklageschrift gegen Vogel fast fertig. »Wegen des andauernden Verfahrens« mochte sich Vogel in der vergangenen Woche gegenüber dem SPIEGEL zu den neuen Aktenfunden »öffentlich nicht äußern«.

* 1985 bei einem Agentenaustausch an dem BerlinerAlliierten-Grenzübergang Glienicker Brücke.

Zur Ausgabe
Artikel 18 / 118

Mehr lesen über