Spannernd - DER SPIEGEL
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FILM Spannernd

»Der Tod kommt zweimal«. Spielfilm von Brian de Palma. USA 1984. 115 Minuten; Farbe. *
• aus DER SPIEGEL 5/1985
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf dem Plakat drückt ein Mann, ein dunkler lauernder Schatten mit offensichtlich dunkler Brille, zwei Jalousien-Rippen auseinander, um eine weitgehend entblößte Frau bei einem ekstatischen Strip zu beobachten.

Kein Zweifel: Brian de Palmas neuer Film appelliert an unser aller Spanner-Instinkte. Er setzt, auf den Spuren Hitchcocks (wer hätte nicht jüngst das »Fenster zum Hof« wiedergesehen?), dem Kino-Voyeur einen Voyeur vor die Augen und überträgt dessen Ohnmacht und Frust auf den Zuschauer. Im Fernrohr des Spanners wird die Stripperin unscharf, ungeduldig warten wir, bis er nachstellt. Das Telephon schrillt, und wir fühlen uns, wie er, hastig unterbrochen.

Aber nicht nur der Voyeur verdoppelt sich. Wir sind im Kino, und das Kino handelt vom Kino; die Landschaft ist auf einmal ein Stück vorbeigetragene Kulisse, und das Liebespaar, das heftig kopuliert, tut das in Wahrheit in einem Pornofilm auf Anweisung des Regisseurs. Das Kino im Kino foppt uns immer wieder; wir werden aus der Illusion geboxt und ständig dadurch frustriert, daß auch der Film nur ein Film ist. Brian de Palmas »Body Double« ist ein sich wiederholender Interruptus.

Das Liebespaar, das sich endlich findet - seine Umarmung wird in einer 360-Grad-Fahrt a la Hitchcock hymnisch umkreist - ist überhitzt wie ein Tropfen auf einer Herdplatte. Am hellichten Tag, in aller Öffentlichkeit, reißen die beiden sich in Malibu fast die Kleider vom Leib. Doch dann sagt die Frau: »Sorry, es geht nicht«, und läßt den Mann schwer atmend zurück ...

Kein Wunder, daß all diese Interruptionen in einen der gräßlichsten aller Kino-Morde münden, bei dem ein monströs häßlicher Mörder mit einem Elektrobohrer die Schöne wie mit einem Metallphallus erledigt, während der Retter fast von einem Hund zerfleischt wird. Man versteht, daß diese Szene die amerikanischen Feministinnen auf den Plan rief; besonders wütend macht dieser Mord den Zuschauer, weil er wie ein grausiges Echo des eignen, von de Palma wirksam angestauten Frusts wirkt.

Sosehr diese Szene so ziemlich das Schrecklichste ist, was auf der Leinwand je zu sehen war - sie ist wohl noch schrecklicher, weil die entscheidenden Bilder ausgespart sind, sich nur im Kopf des Zuschauers ereignen -, so sehr ist sie im Aufbau, in ihrer Montage das Perfekteste, was es seit dem »Psycho«-Mord zu sehen gab: ein diabolisches Kunststück an Suspense.

In der Tat: de Palma ist der glühendste Hitchcock-Verehrer, er verehrt ihn sozusagen mit Schneidbrenner und Dampfhammer. Und in »Der Tod kommt zweimal« hat er sich endlich den Wunsch erfüllt, Hitchcocks absolutes Meisterwerk noch einmal zu drehen: Das Ergebnis ist eine raffinierte Neuauflage von »Vertigo« - Vertigo für Schweine: Soweit sich der Film erzählen läßt, ohne dem Kinogänger Spaß und Entsetzen zu verderben, handelt er von dem Schauspieler Jake (Craig Wasson), der in billigen Filmen einen Vampir spielt.

Er verliert seinen Job, weil er Klaustrophobie hat - wie sein Vorbild in »Vertigo« Höhenangst. Er verliert seine Freundin, weil er, ohne Job, zu zeitig nach Hause kommt und sie rittlings auf einem anderen Mann ertappt. Ein Freund und Kollege bietet ihm Unterschlupf in der Wohnung eines reichen Dritten, der, während er in Europa ist, seine Blumen gegossen haben will ...

Die Wohnung bietet nicht nur ein drehbares Bett und den schönsten Blick auf L. A., sondern auch ein Fernrohr, das auf das Apartment einer Frau eingestellt ist, die offensichtlich jede Nacht zur gleichen Zeit als Exhibitionistin für alle benachbarten Spanner in der Dunkelheit einen Strip abzieht.

Gespielt wird sie scheinbar (schon das ist eines der Rätsel des Films) von der ehemaligen Miss USA Deborah Shelton. Jake verliebt sich in die, wie sich herausstellt, reiche Ehefrau, steigt ihr durch Beverly Hills und die Boutiquen des Rodeo Drive nach und merkt, daß da auch noch ein Mörder hinter ihr her ist ... Die Verfolgungsjagd, ein nahezu perfekt gelungenes Gegenstück zur Detektiv-Arbeit James Stewarts in »Vertigo«, endet mit dem beobachteten, nicht verhinderten Mord.

Zur Aufklärung muß Jake in die billige Pornofilm-Industrie als Akteur einsteigen, wo er die punkige Melanie Griffith trifft - sie ist, auch das Hommage an Hitchcock, die Tochter »Tippi« Hedrens. Natürlich ist sie in den Mord verwickelt, zu dessen Aufklärung der Film durch ein Tal der Perversion watet - bis man schließlich, den Kopf wie mit dem Elektrobohrer mißhandelt, Brian de Palma glaubt, daß Liebe die perverseste aller sexuellen Perversionen sein muß.

»It's only a movie«, soll Hitchcock einen seiner Stars beruhigt haben, als er ihr Schlimmes zumutete. De Palma schlägt am Schluß ein Dutzend verrückter Saltos, um auch noch die letzte Ausrede von der Fiktion der Fiktion zu haben. Er geht auch hier zu weit. Aber mit welcher Könnerschaft!

Hellmuth Karasek

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