SPIEGEL Essay Sparen -- Heilfieber für die Krise?
Seit Politik, mit welchem Präfix auch immer, an Hochschulen gelehrt wird, bezeichnen sich die Berufspolitiker gern als Manager. Unklar bleibt, ob sie damit ihre Theorieferne oder -nähe etikettieren wollen, im Zweifel je nach Bedarf: Jeder Triumph des Managements ist ein Sieg der Praxis über die Theorie, jeder Mißgriff des Managements die Folge eines Defizits an Theorie. Die Theorie verliert immer.
In der großen Depression der 30er Jahre, als es dem Krisenmanagement der westlichen Demokratien und Autokratien mit der Zeit gelang, Massenarbeitslosigkeit und Sozialprodukt-Verfall in den Griff zu bekommen, mußte sich die ökonomische Theorie erneuern. John Maynard Keynes definierte die Überlebenschancen der kapitalistischen Marktwirtschaft neu und gänzlich anders als seine der akademischen Orthodoxie verhafteten Standes- und Berufsgenossen.
Heute, 50 Jahre später, seit es keinem Krisenmanager mehr gelingen will, der Doppelgeißel von anhaltender Inflation und sich festfressender Depression (vulgo: Stagflation) Herr zu werden, suchen sie ihr Alibi in und bei der Theorie.
Was damals als unwiderleglicher Tatsachenbeweis einer gescheiterten Theorie theoriewidriges Krisenmanagement schließlich erzwang: das hoffnungslose Ungleichgewicht sich selber überlassener Arbeits- und Kapitalmärkte, die mit Massenarbeitslosigkeit und Wechselkursverfall nicht nur das Vertrauen in die Selbst-Steuerung der Wirtschaft, sondern in die Überlebensfähigkeit bürgerlicher Gesellschaftssysteme überhaupt in Frage stellten, gilt heute als das schiere Gegenteil -- als wissenschaftlich beglaubigter Ausweg aus der Krise!
Als Heilfieber, durch das die bürgerlichen Gesellschaften des Westens (aber auch die kommunistischen des Ostens und die noch nicht voll entwickelten des Südens) gnadenlos hindurch müssen, so als ob es in den 80er Jahren entgegen allen Lehren der 30er Jahre keinen politischen (=theoriewidrigen) Ausweg aus der Krise mehr gäbe!
Verkehrte Welt oder schlicht: Versagen des Krisenmanagements unserer Tage?
Die Krise der 30er Jahre wurde von Keynes und einigen anderen Außenseitern entgegen der Mehrheitsmeinung der führenden Diagnostiker als eine Krise aus »Nachfragemangel« gedeutet und von den Krisenmanagern jener Zeit auch so erfolgreich behandelt: Staatliche Mehr-Nachfrage ersetzte so lange den privaten Nachfrage-Ausfall, bis der vorhandene Stock an Arbeit und Kapital wieder voll beschäftigt werden konnte.
Die Krise der Gegenwart wird von der erdrückenden Mehrzahl der tonangebenden Theoretiker und dramatis personae der Währungs- und Wirtschaftspolitik diesseits wie jenseits von Atlantik und Pazifik als eine der »Leistungsschwäche« und damit letztlich der »Über-Nachfrage« gedeutet: Weil in West, Ost und Süd, also welteinheitlich zuwenig produziert und zuviel konsumiert wird, muß auf die Dauer das vorhandene Produktionspotential überfordert werden, zu Hause in den nationalen Volkswirtschaften und weltweit zwischen den gesellschaftlichen Systemen von West, Ost und Süd. So einfach ist das -- besonders wenn es keine ernst zu nehmende Opposition gegen diese herrschende Konzilsmeinung mehr gibt.
Gleichviel welches der uns heute bedrückenden Probleme man auch nimmt: Inflation, Leistungsbilanz-Defizit, Wechselkursverfall und als Folge der kombinierten Angst vor weiterer Inflation, weiterer Zunahme von Leistungsbilanz-Defizit und Wechselkursverschlechterung abnehmende Produktions- und Investitionsraten (vulgo: weitere Zunahme der Arbeitslosigkeit), buchstäblich alles kann aus diesem einen Punkt erklärt und kuriert werden.
Wir müssen zurück zum einfachen Leben, wieder lernen, uns im Rahmen und nicht jenseits des Rahmens unserer Möglichkeiten zu bewegen, dem staatlichen wie privaten Über-Konsum abschwören, damit wieder mehr übrigbleibt für Sparen, Investieren, sogar für die Entwicklungshilfe und für Polen. Selten waren sich alles besitzende Konservative und nichts mehr besitzen wollende Radikale einiger als im Schwören auf dieses Alternativ-Konzept eines modernen Savonarolismus.
Wozu dergleichen führen kann, bemerkte schon der seinen Zeitgenossen Savonarola nicht sonderlich hochschätzende Machiavelli, als er nicht ohne Hintersinn vor fast 500 Jahren notierte: »Meistens werden Umwälzungen durch die Besitzenden hervorgerufen, denn die Furcht zu verlieren erweckt bei ihnen das gleiche Verlangen wie bei denen, die etwas zu erwerben trachten.«
Machiavelli meinte mit den Besitzenden die Inhaber der Regierungsmacht und deutete ihre dem Volk, also den anderen, anempfohlene Büßerhemdgesinnung als schlichte, um nicht zu sagen: zynische Machterhaltungsstrategie, der der »mit den Zeitströmungen schwimmende und seine Lügen entsprechend färbende« Mönch (Machiavelli über Savonarola in einem Brief an einen Freund in Rom 1498) auch noch Vorschub leiste.
Was ist falsch an der uns in diesen Tagen vorgeführten Staats-Komödie vom abgespeckten Staatshaushalt, dem guten Beispiel von der Selbstkasteiung der Nation?
Das Vertrackte und für einfache Gemüter schwer Verständliche an der Diagnose vom zu guten Leben aller liegt darin, daß eine Diagnose durchaus richtig sein kann und dennoch keine verwertbare Therapie hergibt. Denn selbst wenn es richtig ist, daß wir alle über unsere Verhältnisse leben, öffnet der Abbau dieser Über-Nachfrage noch keinen Ausweg aus dieser Krise.
Es gibt entgegen dem, was die modernen Dominikaner auf den Lehrkanzeln und in den Amtsstuben von Washington bis London und neuerdings auch in Bonn lehren oder glauben, keinen automatischen Vakuum-Füller, der freigesetzten (staatlichen oder privaten) Über-Konsum eigengesetzlich in dringend benötigte Mehr-Produktion und (als Voraussetzung dafür) noch dringender benötigte Mehr-Investition umsetzt.
Anders als die Physik entbehrt die Ökonomie des Gesetzes von der Erhaltung der permanenten (Nachfrage-) Energie, im ökonomischen Kosmos kann (ja muß) Nachfrage (Energie) entweichen (verlorengehen), wenn sich Produktion und Investition nicht (mehr) lohnen.
In der Marktwirtschaft besteht für Investoren immer der Fluchtweg in die Mehr-Ersparnis, die Möglichkeit der Nicht-Geld-Ausgabe.
Warum soll ein US-Unternehmen, das jetzt nach Präsident Reagans Steuer-Sieg weniger Steuern zahlt, die Differenz investieren, wenn gleichzeitig wegen des Rückgangs der US-Massen-Einkommen Märkte und Gewinnchancen schrumpfen? Die Differenz kann auch auf die hohe Kante gelegt werden, bei US-Zinsen von über 15 Prozent und fallender Inflationsrate lohnt sich das durchaus.
Warum soll ein bundesdeutscher Arbeitgeber sein Beschäftigungs-Angebot ausweiten, wenn bei gleichbleibender staatlicher Steuer-Last die über Staatsschulden finanzierte (private und öffentliche) Nachfrage um 15 bis 20 Milliarden Mark zusammengestrichen wird? Die Aussicht, daß jetzt andere auch um ihr Sozialprestige bangen müssen, mag seinen Gefühlen von gerechter S.37 Lasten-Verteilung entgegenkommen; in Mark und Pfennig zu erwartender Umsatz- und Gewinnsteigerung bringt es ihm nur rote, nicht schwarze Zahlen, auch wenn er glauben sollte, das Signal von Bonn werde disziplinierend auf die gewerkschaftlichen Lohnforderungen oder gar im Sinne eines Tributs an die Zins-Vorstellungen ihrer Heiligkeit, der Deutschen Bundesbank, wirken.
Nein: Die Hoffnung, daß eine Reduktion der Gesamt-Nachfrage es gleichsam erlauben würde, die inflatorische Sahne von der Torte abzuheben, ohne die Torte selber, das reale Produktions- und das daraus abgeleitete Beschäftigungsvolumen, zu verletzen, trügt. Muß trügen in einer gewinn-orientierten Marktwirtschaft, in der sich die Nachfrage ihr Angebot (seine Höhe und Zusammensetzung) schafft, nicht umgekehrt.
Und es wäre geradezu fatal, wenn das gute öffentliche Beispiel, demnächst 15 und mehr Milliarden jährlich weniger auszugeben als bisher oder eigentlich geplant, nun auch noch private Schule machen würde. Die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte, die Durchforstung der Staatsausgaben auf ihre soziale Legitimation und Priorität mag aus Gründen der Effizienz und auch der sozialen Gerechtigkeit noch so unabweisbar sein: Sie erreicht ihr selbstgestecktes Ziel nur und nur dann, wenn aus der öffentlichen Nachfragevernichtung nicht eine zusätzliche und zudem noch unkalkulierbare sich selbst-verstärkend private Nachfragevernichtung wird: durch Flucht der Investoren in noch stärkeres privates (Unsicherheits-)Sparen in in- und ausländischen (zu hoch verzinsten) Geldanlagen. Der Absturz in die dann offene Krise wäre perfekt -- wie schon einmal vor 50 Jahren. Die Folgen sind bekannt oder sollten inzwischen schrecken.
Und der in der Bundesrepublik so populäre Ausweg aus der Krise in eine neue Export-Konjunktur, inzwischen muß man wohl sagen: in die Japanisierung der gegenwärtigen Beschäftigungsmisere?
Nun, schon vor 50 Jahren scheiterte der Versuch eines Exports der inneren Arbeitslosigkeit der großen Industrieländer an der Zahlungsunfähigkeit ihrer Abnehmer. Wie erst heute, da West, Ost und Süd eine in die Billionen US-Dollar -- Zahlen, die früher nur in der Astronomie, nicht in der Kreditwirtschaft Verwendung fanden -- gehende Auslands-Verschuldung aufgebaut haben?
Wer soll, wenn niemand mehr zahlen kann, weder der hochverschuldete Westen noch die bereits offen in den Bankrott treibenden Staaten der östlichen und südlichen Staatenwelt, denn diese Zusatz-Exporte finanzieren? Der auf absehbare Zeit einzige liquide Außenhandelspartner, die Opec? Die reale Absorptionsfähigkeit dieser menschenarmen Öl- und Sandstaaten ist bereits heute erschöpft, wirtschaftlich und politisch.
Unsere Krisenmanager müssen lernen, daß die Krise weniger mit Übernachfrage als mit Falsch-Verteilung der Nachfrage zu tun hat.
Wen wundert's, wenn seit Dekaden Konsum und Sparen bewußt oder unbewußt stärker prämiiert werden als der Motor aller Wirtschaftsleistung und die Grundlage der Arbeitsplätze von morgen, die Investitionstätigkeit? Die Inflation, woher sie auch immer komme, wird durch die Konsum-, nicht die Investitionsmentalität gefördert, denn was verbraucht ist, kann nicht mehr an Wert verlieren. Die Inflationsbekämpfung aber, zuvörderst über hohe Zinsen, fördert die Spar- und ebenfalls nicht die Investitionsmentalität, denn die Geldanlage ermöglicht ein risikoloses Einkommen, die unternehmerische Sach-Anlage bereitet mehr denn je schlaflose Nächte.
Wer langfristig investieren soll, muß vor allem langfristig verläßlich kalkulieren können: Kosten wie Erträge. Walter Eucken, der geistige Vater des deutschen Wirtschaftswunders, wurde darum nicht müde, von der Wirtschaftspolitik die Verläßlichkeit der sogenannten Plandaten zu verlangen: feste Wechselkurse, berechenbare Zinsen und so weiter.
Wenn Investitionen unberechenbar werden, müssen Risiko-Zuschläge für Eventualitäten einkalkuliert werden. Erscheinen so berechnete Investitionen teurer oder weniger ertragreich als gleichzeitig mögliche Geldanlagen, wandert das Unternehmer-Geld vom Investitions- zum Sparkonto. Wer berufsmäßig Firmenbilanzen liest, sieht es bestätigt. Seit Beginn und erst recht seit Fortschreiten dieser Krise verwandeln sich immer mehr Firmenbilanzen in Bank-Bilanzen: Die Finanzaktiven verdrängen die Sach-Aktiven. Und das nicht nur bei Multis.
Dies ist im Kern die Krise der 80er Jahre, zumindest in ihrer westlichen (nicht unbedingt östlichen und südlichen) Version. Wir leben vielleicht über unsere Konsumverhältnisse, aber mit Sicherheit unter unseren Investitionsmöglichkeiten.
Finanzierbar wären sie allemal.
Nur unsere marktwirtschaftliche Schwierigkeit besteht eben darin, Euckens unerläßliche Verläßlichkeit der unternehmerischen Plandaten in einer Welt zu sichern, in der alles unsicher geworden ist: der Wechselkurs, der Zins und viele andere Größen.
Was kann, was soll in einer solchen Situation geschehen?
Das erste und wichtigste wäre die Europäisierung der Finanzierungskosten für Investitionen. Was kein EG-Land alleine kann, sich von Wechselkurs- und Zins-Einfluß der übermächtigen (aber leider falsch regierten) USA abzukoppeln -- die Gemeinschaft kann es. Mit der wirtschaftlichen Selbst-Vollendung der EG in Gestalt einer eigenen Währung oder ihrer Vorstufe einer Währungs-Union wäre auch eine gemeinsame Wechselkurs- und Zinspolitik losgelöst vom US-Dollar möglich, ja unvermeidbar. Nicht Mark, Franc, Lira und die anderen EG-Währungen würden gegenüber dem US-Dollar isoliert floaten, sondern -- bei festen Wechselkursen untereinander -- gemeinsam. Europa hätte sein eigenes, berechenbares Wechselkurs- und Zinsniveau. Der Kalkül der Investoren im gemeinsamen Markt der Europäer wäre vergleichsweise sicher -- eine Reform, die wirklich kein Geld kostet.
Das zweite, nicht minder Wichtige wäre: Inflationsbekämpfung und Investitionsförderung miteinander zu verbinden. Der hohe Zins, der bei seiner Europäisierung gesenkt werden könnte, aber nicht allzu stark, schafft zwar einen Inflationsausgleich für Sparanlagen, bremst aber jeden Investitionsaufschwung ab.
Was tun, wenn der Zins investitionsabschreckend bleibt? Im Nachbarland Österreich entfallen seit über einer Dekade zwischen 25 und 30 Prozent des Sozialprodukts auf Investitionen, eine Rekordmarke, wie sie nur noch in Japan erreicht wird. Wie ist das möglich? Weil Österreichs Unternehmer risikobereiter sind als ihre deutschen Kollegen? Sicherlich nicht! Weil dort der Staat zu Lasten seiner eigenen Einnahmen jedem Investor zum Ausgleich der unkalkulierbaren Investitionsrisiken eine steuerliche Investitionsprämie von im Durchschnitt sechs Prozent gewährt.
Jawohl: Österreichs Unternehmer dürfen zu Lasten der allgemeinen Steuergleichheit und -gerechtigkeit ihr Realvermögen vergrößern, wenn sie nur entsprechend mehr Arbeitsplätze schaffen und die Gesellschaft vor der Wirtschaftskrise schützen. Nur ein sozialistisch regiertes Land kann sich offenbar diesen Luxus leisten.
Deswegen war (und ist) Bundeskanzler Schmidts Idee, den Investitionshaushalt der Nation durch einen speziellen Finanzierungsbeitrag aus Steuererhöhungen zu alimentieren, so abwegig nicht. Der Kanzler hätte nur noch besser getan, die Unklarheit über sein Programm gar nicht erst aufkommen zu lassen: Alexander wußte, warum er den gordischen Knoten durchschlug, statt ihn in wochenlanger Arbeit aufzudröseln.