SPASSPARTEI
Ihr Artikel »Sind die Parteien der Staat?« findet meine volle Zustimmung. Sie haben damit wirklich den Kern der Bonner Problematik herausgestellt. Der Satz: »Einem Mann wie Adenauer kann man allenfalls mit Charakter, keinesfalls aber mit grundgesetzwidrigen Kniffen beikommen«, ist eine Erkenntnis, die wir uns nach jahrelangem Bemühen, immerhin aber noch rechtzeitig vor dem 23. Oktober 1955, verschafft haben. Darauf allein beruht der - leider - einzige Schritt einer deutschen Wiedervereinigung nach dem Kriege,
die Rückkehr der Saar. Nur die gerade Haltung einiger weniger Männer an der Saar und Thomas Dehlers unerschütterlicher Kampf in Bonn haben dem Bonner Opportunismus das Nein abgerungen, dem acht Monate später die 67,6 Prozent der Saarbevölkerung gefolgt sind. Der Bundeskanzler, die Mehrheit des Bundestages und des Bundesrates, auch ein Schreiben des Bundespräsidenten und die Intervention eines Teiles der FDP, an ihrer Spitze der damalige Vizekanzler Blücher, versuchten gemeinsam, die politischen Führer der Saar von ihrem Nein abzubringen. »Wer das Saar-Statut ablehnt, hat es entweder nicht gelesen - und das sind die meisten -, oder der Heilige Geist ist nicht bei ihm gewesen, als er zur Welt gekommen ist«, war einer jener Gründe Dr. Adenauers für das Ja.
Im übrigen wurde wie 1955 mit denselben Überlegungen und opportunistischen Gesichtspunkten auch jetzt wieder der Umfall von etwa 60 Prozent der maßgebenden FDP-Politiker herbeigeführt und begründet. Fast die gleichen Kreise wie damals vermochten auch jetzt wieder die Partei in zwei Auffassungen zu spalten und eine charaktervolle Haltung abzulehnen. Vergeblich blieb die Mahnung der Ehren- und Alterspräsidentin Frau Dr. h. c. Marie -Elisabeth Lüders: »Vestigia terrent*.«
Saarbrücken DR. HEINRICH SCHNEIDER
Minister a.D.
Herr Pfeil, da irren Sie wohl. Die Weichen bei einem siegreichen Ausgang der Wahl für die FDP wurden schon im Sommer gestellt. Horten und Co. bestimmten die Marschrichtung der FDP und nicht das Spiel mit der schwarzroten Koalition.
Feldmühle (Siegkreis) THEO DRESBACH
Ich zweifele sehr wohl daran, daß Herr Erhard, hätte er sich widerspenstig gezeigt, nach den Wahlen zurückgeholt worden wäre. Die Flöten und Schalmeien hätte man zwar erklingen lassen - dies aber bestenfalls anläßlich eines Geburtstags des berühmten Ministers a.D. Ausführende: Die zuständige Ortsfeuerwehrkapelle. Die Erklärung für einen solchen Verlauf ist denkbar einfach. In unserem Land ist man bereit, Fälle von Charakterlosigkeit tunlichst zu ignorieren. Es ist nur ebenso logisch wie selbstverständlich, auch das Gegenstück, nämlich »Charakter«, nicht weiter zu beachten.
Baden-Baden PAUL MICHAEL BORNKAMP
Sie schreiben: ... Sie (die SPD) hat alles darauf gesetzt, einen möglichst geschwächten Adenauer noch möglichst lange am Ruder zu sehen. Ihr allein verdankt Adenauer seine Wiederwahl, denn ohne das Spiel mit der rot-schwarzen Koalition hätte der Kanzler die FDP nicht umwerfen können.«
Was liegt dem in Wirklichkeit zugrunde? Am Montag, dem 25. September 1961, fand eine Besprechung von eindreiviertel Stunden Dauer zwischen den Herren Ollenhauer, Brandt und Wehner bei dem amtierenden Bundeskanzler Dr. Adenauer statt, der lediglich den Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Herrn Carstens, hinzugezogen hatte. Gegenstand der Besprechung war die von Herrn Wehner bereits seit dem 30. Juni 1960 geforderte »Bestandsaufnahme« über die außenpolitische Situation.
Über eine, wie Sie meinen, »rot-schwarze Koalition« ist nicht ein einziges Wort gesprochen worden - wie sich schon aus der Anwesenheit des Herrn Carstens als beamteten Berichterstatter ergibt. Alle Kombinationen, die in diese Richtung gehen, sind völlig aus der Luft gegriffen. So konnte der Pressereferent des Parteivorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands am 25. September 1961 unter anderem vor der Presse abschließend feststellen: »Die heutige Unterredung hat nur der Information über die außenpolitische Situation gegolten.«
Bonn DR. WALTER MENZEL
Mitglied des Parteivorstandes der SPD
Der stellvertretende Parteivorsitzende Herbert Wehner hat am 23. September in Nürnberg erklärt, die Person des künftigen Kanzlers sei eine zweitrangige Frage, die SPD solle sich nicht in den sog Mendes bringen lassen, »der glaubt, er treibe Politik«. Diese Erklärung erlaubte Adenauer das »Spiel mit der rot-schwarzen Koalition«, das ihn in die Lage versetzte, die FDP umzuwerfen. - Red.
Wir wollen nach dem Erlebnis freidemokratischen Männerstolzes vor Kanzlerstühlen die FDP künftig mit einem Schopenhauerschen Ausdruck die »Spaßpartei« nennen. Den größten Spaß hat uns freilich nicht der schöne Ritterkreuzträger gemacht; die erheiterndsten Narren sind unbestreitbar jene
vielen FDP-Wähler, welche jetzt Jammerbriefe an den SPIEGEL schreiben.
Lund (Schweden) GERD ROLAND
Die Spuren schrecken.
FDP-MdB Schneider
SPD-MdB Menzel